„Am liebsten die Erde küssen“
Robert Galliardt und Natalia Otscheretjanaja (Lundgren) gehören zu den letzten verbliebenen Deutschen im Dorf Werchnjaja Dobrinka in der Region Wolgograd. Wie das kam? Die MDZ hat ihnen zugehört.
Robert Galliardt und Natalia Otscheretjanaja (Lundgren) gehören zu den letzten verbliebenen Deutschen im Dorf Werchnjaja Dobrinka in der Region Wolgograd. Wie das kam? Die MDZ hat ihnen zugehört.
Kein Ort in Russland hat eine längere deutsche Vergangenheit als Nischnjaja Dobrinka. Das Dorf in der Region Wolgograd war 1764 die erste wolgadeutsche Kolonie überhaupt. Doch die Zeiten, als hier Deutsch gesprochen wurde, sind lange her. In unserer Reihe „Ortstermin“ hat die MDZ Ljubow Kapustina, die Leiterin des Museums für die Traditionen und das Alltagsleben in den deutschen Siedlungen an der Wolga, gefragt: Wie erging es Nischnjaja Dobrinka mit den Deutschen und wie geht es dem Ort heute ohne sie?
Das Gebäude in Marx, das bis zur Oktoberrevolution das Mädchengymnasium beherbergte, wird in Kürze ungeachtet des baufälligen Zustandes in ein Boutique-Hotel umgewandelt. Hier sollen Gäste mit der Geschichte der Wolgadeutschen in Berührung kommen können, ihre traditionellen Gerichte kosten und die Atmosphäre ferner Zeiten spüren. Ein Märchen?
Die Reiseroute „Die Wolgadeutschen“ führt an Orte mit deutscher Geschichte in Saratow, Engels und Marx. Jetzt wurde sie zur „nationalen touristischen Route“ befördert. Örtliche Museen, Kirchen und das Archiv der Wolgadeutschen empfangen die Touristen ebenso wie die Russlanddeutschen in den Begegnungszentren. Was wird den Gästen geboten?
Erst verlor sie ihre Heimat und dann beinahe ihr Leben: Margarete Schulmeister wurde als Deutsche an der Wolga geboren, so wie Generationen ihrer Familie vor ihr. Vielleicht hätte sie es einmal ihrem Vater gleichgetan und in Moskau studiert, aber ein Beschluss der Sowjetführung sorgte vor 80 Jahren dafür, dass die Wolgadeutschen in alle Winde verstreut wurden und für die damals 16-Jährige eine Odyssee begann, die sie kreuz und quer durch die Sowjetunion führte. Mit 96 Jahren hat die frühere Lehrerin der MDZ jetzt in St. Petersburg ihre Geschichte erzählt.
Im Wolgadorf Tschkalowskoje erfuhren nicht nur die Deutschen, die nach Sibirien und Kasachstan deportiert wurden, unsägliches Leid. Auch die bestatteten Toten, die sie zurückließen, finden bis heute keine Ruhe. Die MDZ war vor Ort.
Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts hatten für kein Land so dramatische Folgen wie für Russland. Doch die Zeit dazwischen war für die dortige Bevölkerung teils noch schicksalhafter. Vor 100 Jahren, im Frühjahr 1921, breitete sich vor allem im Wolgagebiet eine verheerende Hungersnot aus, die Millionen Menschenleben kostete und erst 1922 allmählich abklang. Zehn Jahre später wiederholte sich diese humanitäre Katastrophe. Was das für die Wolgadeutschen bedeutete, darüber sprach die MDZ mit dem Saratower Historiker Arkadij German.
Fast zwei Jahrhunderte hatten deutsche Siedler an der Wolga gelebt, als die Wolgadeutschen im Spätsommer 1941 nach Sibirien und Kasachstan deportiert wurden. Am 28. August jährt sich ein entsprechender Beschluss der Sowjetführung. Was kam damals mit in die Fremde? Nachkommen der Deportierten erzählen.
Stalin verhinderte die Veröffentlichung und machte ihn damit zur Legende: „Wir selbst“ von Gerhard Sawatzky gilt als wahrscheinlich wichtigster Roman der Russlanddeutschen. Der Germanist Carsten Gansel hat den lange verschollen geglaubten Roman nun in Moskau aufgespürt.
Erfolgsautorin Gusel Jachina auf den Spuren der Wolgadeutschen: 2018 gehörte „Wolgakinder“ zu den meistverkauften Büchern in Russland. Nun ist der Bestseller auf Deutsch erschienen.