Stolz aber noch nicht offen

Unterdrückt, verfolgt und bedroht: So stellen sich viele das Leben von schwulen und lesbischen Menschen in Russland vor. Doch die Einstellung gegenüber Homosexuellen ist im Wandel. Kein Grund, um die Hände in den Schoß zu legen, meint ein junger Moskauer.

Immer toleranter und offener: Viele russische Jugendliche haben kein Problem mit Homosexuellen. /Foto: 1.bp.blogspot.com

Wie es sich in Russland so als Schwuler lebt? Jewgenij muss lachen. „Ja, dass wollen immer alle aus dem Westen wissen“, sagt der 26-Jährige, der bei einem Bier in einer Moskauer Bar sitzt. „Aber wir sind hier ja nicht in Saudi-Arabien“, witzelt der junge Mann mit den nach hinten gegelten Haaren, der vor sechs Jahren sein Coming-out hatte. „Es wird langsam normaler!“ Die Menschen seien toleranter, es gebe offen homosexuelle Journalisten, ständig eröffneten neue Bars und Klubs für Schwule. „Und wenn mich jemand im Privaten oder auf der Arbeit danach fragt, bekenne ich mich auch dazu“, erklärt Jewgenij, der sein Geld in der PR-Branche verdient. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, mich zu verstellen!“ Seinen Nachnamen möchte der Moskauer aber dennoch nicht in der Zeitung lesen. „Es bleibt trotz allem Russland!“

Fasst die Hälfte ist für gleiche Rechte für Homosexuelle

Dass Jewgenij mit seiner Einschätzung nicht allein steht, bestätigt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Lewada-Zentrum. Der Untersuchung zufolge sind die Russen in ihrer Einstellung gegenüber Homosexuellen toleranter geworden. Rund 47 Prozent der Befragten räumen Schwulen und Lesben demnach die gleichen Rechte wie allen anderen Staatsbürgern ein. Dies ist der höchste gemessene Wert in den vergangenen 14 Jahren. Am stärksten ist die Zustimmung unter Besserverdienenden, Großstädtern, Russen mit Hochschulbildung – und unter der Jugend. Rund 60 Prozent der unter 25-Jährigen äußerten sich positiv oder neutral über gleichgeschlechtliche Partnerschaften. „Klar“, sagt Jewgenij, „die Jugend reist, ist gut ausgebildet und informiert sich im Internet.“ Homophobie gehöre zum schlechten Ton.

Weniger Propaganda, mehr Akzeptanz

„Diese Emotion ist verschwunden, da im Fernsehen nicht mehr davon gesprochen wird“, erklärte der Politologe Alexej Makarkin in der Wirtschaftszeitung RBK die Umfrageergebnisse – und verwies auf das umstrittene Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“. Dieses untersagt Funk, TV und Printmedien seit 2013 die „Propagierung“ sogenannter nichttraditioneller sexueller Beziehungen gegenüber Minderjährigen. Mittlerweile werde in den Medien aber auf ein allzu plumpes Ansprechen homophober Vorurteile verzichtet, erläuterte Makarkin. Dadurch sei das Thema weniger präsent und beschäftige eher erzkonservative Kreise. Zum Aufatmen bestehe jedoch kein Grund. Das Ressentiment sei schnell wieder abrufbar.

Toleranz in den Metropolen, Bedrohung in der Provinz

Dieser Meinung ist auch Jewgenij, der sich 2013 outete, als das Gesetz unterschrieben wurde. „Man darf das Fernsehen nicht unterschätzen“, sagt er. „Gerade auf die Älteren hat es eine mächtige Wirkung.“ Zudem sei die gestiegene Toleranz für gleichgeschlechtliche Beziehungen ein Phänomen der Metropolen. „In der Provinz, in Städten wie Wologda oder Kemerowo kann es lebensgefährlich sein, morgens aus einem Schwulenklub zu kommen!“, erzählt der junge Mann, der vor zehn Jahren aus dem westsibirischen Surgut in die russische Hauptstadt zog.

Angst vor dem schwulen Nachbar

Dass es trotz der gewachsenen Akzeptanz noch ein weiter Weg bis zur völligen gesellschaftlichen Anerkennung ist, zeigt auch ein genauerer Blick in die Studie. Mehr als die Hälfte der Befragten – rund 56 Prozent – gaben an, eine negative Einstellung gegenüber Homosexuellen zu haben. Rund ein Drittel würde eine Bekanntschaft endgültig abbrechen, wenn sich Freund oder Freundin outen. 59 Prozent empfinden Abscheu oder Angst bei der Vorstellung, homosexuelle Nachbarn zu bekommen, ergab eine weitere Lewada-Umfrage.

Hoffnung: Die alte Garde tritt ab

Auch Jewgenij kann von negativen Erfahrungen berichten. „An der Uni wurde ich auch schon mal als Schwuchtel beschimpft, vor allem wenn die Leute was getrunken hatten“, sagt er und winkt genervt ab. „Und in Moskau mit deinem Partner Hand in Hand spazieren zu gehen, geht eher auch nicht!“ Out and proud – also offen und stolz – wie in den USA könnten Schwule und Lesben in Russland noch nicht leben. Die Community feiere daher vor allem in geschlossenen Klubs und auf Privatpartys. „Wir sind eher in and proud“, sagt Jewgenij und lacht. Er gehe aber davon aus, dass die Toleranz in den kommenden Jahren noch weiter wachsen werde. „Die Leute mit den alten Ansichten treten ab“, sagt er.

Birger Schütz

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