Sauer macht lustig

Es gibt kaum etwas Deutscheres als Sauerkraut. Aber auch in Russland hat es eine lange Tradition. Von alters her wird Weißkohl im Herbst eingesäuert, um im langen Winter davon zehren zu können, sei es als Beilage oder als Zutat beispielsweise für den Suppenklassiker Schtschi. Diese Geschichte wird heute bei Folklorefesten nacherzählt.

Bei vielen Festen dreht sich im Herbst alles um den Weißkohl. (Foto: VK/Vitoslavlitsy)

Entgegen der landläufigen Meinung ist Sauerkraut nicht nur ein deutsches Nationalgericht. Es gehört auch zu den wichtigsten Bestandteilen der russischen Küche. Die herbstliche Ernte des Weißkohls und seine Konservierung waren in vergangenen Jahrhunderten ein Ereignis, das gefeiert wurde. An die damit verbundenen Rituale erinnern heute Feste wie „Kapusta-Barynja“. Das Spektakel in der sibirischen Kleinstadt Jalutorowsk südöstlich von Tjumen findet seit 2017 statt. In diesem Jahr wurde es am 9. Oktober ausgetragen. Zuvor durften sich am 3. Oktober im Museum für Holzarchitektur Witoslawlizy in Welikij Nowgorod die Besucher mit dem alten Brauchtum vertraut machen. „Kapustki“ heißt das schon tradi­tionelle Weißkohlfest für die gesamte Familie dort.

Worauf diese Veranstaltungen Bezug nehmen, hat seine Wurzeln bereits im 18. Jahrhundert. Wenn der Kohl geerntet und eingelegt wurde, nämlich von Ende September bis Mitte Oktober, füllten sich die Kübel in allen Haushalten bis zum Rande mit Sauerkraut. Die Frauen des Dorfes begannen währenddessen, die unterschiedlichsten Kohlspeisen zuzubereiten.

Der historische Hintergrund

In den Dorfgemeinschaften war das Sammeln, Zerkleinern und Einsäuern des Kohls eine kollektive Arbeit. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging es dabei regelrecht festlich zu. Nachdem sich die Bewohner gegenseitig geholfen hatten, genossen sie die Gesellschaft der anderen, redeten, scherzten und sangen miteinander. Die Tische wurden mit allen möglichen Krautgerichten gedeckt und die trillernden Mädchen in ihren Kostümen sorgten für Stimmung, die oft bis in die frühen Morgenstunden anhielt.   

„Kapusta-Barynja“ knüpft an diese Traditionen an. Lieder und Reigen, Spiele und allerlei Schman­kerl lassen das Dorfleben wiederauferstehen. In Jalutorowsk wurden in diesem Jahr mehr als 200 Kilo Weißkohl nach einem speziellen Rezept mit Preiselbeeren geschmort und in Form von Salat oder als Füllung für Teigtaschen serviert. Dazu gab es 250 Liter Tee aus dem größten geschmiedeten Samowar Russlands.

Im Zeichen des Weißkohls stand auch das „Kapustki“-Fest in Nischnij Nowgorod. Die Teilnehmer durften beim Zerkleinern und Einlegen selbst mit anpacken, alte Tänze tanzen, Schtschi-Kohlsuppe und Pasteten kosten, Tiere mit Kohlblättern füttern, Souvenirs selbst kreieren und Sauerkraut kaufen.

Auch anderswo wird gefeiert

Ganz ähnlich geht es um diese Jahreszeit in anderen Ecken der Welt zu, wenn nicht gerade Corona dazwischenkommt. So steht bereits seit 1979 immer am dritten Oktober-Wochenende das Filderkrautfest in Baden-Württemberg auf dem Programm. Das saure Filderkraut, eine Spitzkohl-Unterart, ist eine sehr geschätzte regionale Köstlichkeit. Angebaut wird es auf neun Hektar in Leinfelden-Echterdingen südlich von Stuttgart. Zur 43. Auflage des Filderkrautfests hatte man in der Kleinstadt mit 50.000 Besuchern gerechnet. Leider musste es pandemiebedingt wie schon im Vorjahr ins Internet verlegt werden.

Aber das ist längst nicht das einzige Krautfest in Deutschland. Und wer den Blick weitet, der stößt beispielsweise auf die „Grünen Tage“ in der slowakischen Stadt Stupava bei Bratislava. Drei Tage lang werden dort Anfang Oktober Kohlgenüsse gefeiert. Diesmal fiel das Event aus den bekannten Gründen aus. Einen vergleichbaren Hintergrund haben die Kohlfeste im rumänischen Moșna (Meschen) und im ungarischen Hajdúhadház. All diesen Events ist gemeinsam, dass sie die lokalen Identitäten stärken und heimische Produkte fördern. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf die Erntezeit und huldigen einem bescheidenen, aber faszinierenden Gemüse: dem Weißkohl.

Irina Radu

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