-83,5 Prozent! Russischer Automarkt fährt gegen die Wand

Auf dem russischen Automarkt geht so gut wie nichts mehr. Im Mai wurden 83,5 Prozent weniger Pkw und Transporter verkauft als im selben Monat des Vorjahres. Ein schwarzer Monat löst im Moment den nächsten ab. Nun soll ein Sparmodell des Lada die Lage zumindest ein wenig entspannen.

Bei Awtowas in Togliatti werden wieder Ladas produziert. (Foto: Awtowas)

Vor gerade einmal zehn Jahren war der russische Automarkt drauf und dran, den deutschen als größten in Europa abzulösen. Mehr als 2,9 Millionen verkaufte Neuwagen meldete das Fahrzeughersteller-Komitee (AMC) in der Association of European Businesses (AEB) für das Jahr 2012, ein Plus von elf Prozent gegenüber dem Jahr davor. Im Monatsdurchschnitt ergab das einen Absatz von 244.000 Fahrzeugen.

Im Mai 2022 sind die Zahlen auf ein Zehntel davon gefallen. Die AEB-Statistik spricht von 24.268 Neuzulassungen an Pkw und Transportern. Damit wurde der April als schlechtester Monat in der neueren Geschichte des russischen Automarkts gleich wieder abgelöst. Der Rückgang von 83,5 Prozent gegenüber dem Mai 2021 bedeutete einen neuen historischen Negativrekord. Im April war der Markt um 78,5 Prozent abgeschmiert, im März um 62,9 Prozent. Experten sprechen davon, der Handel sei praktisch zum Erliegen gekommen. Zum Vergleich: In Deutschland, wo der Absatz ebenfalls stottert, wurden im Mai 207.199 Autos verkauft.

Marktbeobachter führen die Tiefststände in Russland vor allem auf zwei Faktoren zurück: Die Verbraucher befürchten, dass sie in nächster Zeit wegen der Sanktionen im Zuge der geopolitischen Lage den Gürtel enger schnallen müssen, und halten sich deshalb mit Großeinkäufen zurück. Doch auch wer sich unter diesen Umständen ein Auto leisten will, hat oft schlechte Karten. Denn Neuwagen sind zur Mangelware geworden. Viele Hersteller haben bereits im Frühjahr ihre Lieferungen nach Russland eingestellt, die Produktion vor Ort gestoppt oder gleich ganz den Markt verlassen.

Mit Lada Granta Classic gegen die Krise

Zumindest bei Awtowas in Togliatti sind die Bänder unterdessen wieder angelaufen. Sie hatten seit Ende April wegen Bauteilemangels still gestanden. Am 8. Juni wurde nun der Betrieb beim Lada-Hersteller wieder aufgenommen. Produziert wird zunächst aber nur der Lada Granta mit dem Namenszusatz „Classic 2022“. Die Bezeichnung weist darauf hin, dass das Auto vor allem bei den Sicherheitsfeatures „klassisch“ ist, sprich auf dem Stand des vorigen oder vorvorigen Jahrzehnts. Kunden müssen unter anderem auf ABS, ESP, Airbags und Gurtstraffer verzichten. In der offiziellen Pressemitteilung steht davon allerdings nichts. Dort ist lediglich vermerkt, die Standardausstattung sei „verändert“ worden, nämlich: „Sie wurde um Design- und Komfortelemente ergänzt, die vorher nur Top-Versionen vorbehalten waren.“ Als Beispiele werden beheizbare elektrische Außenspiegel, Zierleisten in Wagenfarbe und optionale 15-Zoll-Leichtmetallfelgen genannt.

Der 1,6-Liter-Motor mit 90 PS erfüllt nach übereinstimmenden Medienberichten nur die Euro-2-Abgasnorm statt wie bisher Euro 5. Wie Awtowas mitteilte, wurde das Modell im Hinblick auf einen „maximalen Lokalisierungsgrad“ entwickelt, um die Abhängigkeiten von Importzubehör zu minimieren. 400 Stück sollen davon täglich produziert werden, allein im laufenden Monat 7000.

Mit der Zeit sollen die Ladas wieder aufgerüstet werden, vorausgesetzt bis dahin sind neue Lieferanten verfügbar. Die Rede ist etwa von ABS aus China. Einstweilen dürfen sich die Kunden immerhin darüber freuen, dass es sich beim Classic-Granta um das „günstigste Auto auf dem Markt“ handelt, so Awtowas. Es soll zeitnah zu Preisen ab 675.900 Rubel in den Handel kommen. Nach dem offiziellen Wechselkurs sind das derzeit etwa 11.000 Euro.

Chinesen etwas weniger gebeutelt

Die Zahlen für Mai waren auch bei Awtowas tiefrot. Der russische Marktführer verzeichnete ein Minus von 84 Prozent und performte damit sogar noch unterdurchschnittlich. Doch generell konnte sich dem Absturz auf dem Markt niemand entziehen. Sogar für die chinesischen Marken, die in der Vergangenheit massiv zugelegt hatten und es im April bereits auf einen Marktanteil von neun Prozent in Russland brachten, ging es steil bergab, wenn auch nicht ganz so steil wie bei der Konkurrenz. Geely mit seiner Fabrik in Belarus büßte im Mai 55 Prozent ein, Haval, das in Tula produziert, 72 Prozent.

Wird auf den staugeplagten Moskauer Straßen vielleicht bald mehr Platz? (Pawel Bednjakow/RIA Novosti)

In der Rangliste der Modelle landeten im Mai vier Ladas unter den Top 10. Hier dürfte vor allem der Preis den Ausschlag gegeben haben. Der Lada Granta und der Lada Vesta auf Platz ein und zwei machen schon seit geraumer Zeit die Spitzenposition unter sich aus. Erstaunlich dagegen ist der fünfte Platz für den rustikalen Geländewagen-Evergreen Lada Niva. Dazu kommt der Kombi Lada Largus auf Platz sieben.

Jedes zweite Autohaus vor dem Aus?

Eine Trendwende ist derweil nicht in Sicht. Bei Russlands größtem eigenständigen Autohändler Rolf geht man mittlerweile davon aus, dass bis Jahresende die Hälfte der Autohäuser im Land aufgeben muss. Im April zählten die Agentur Awtostat und der Russische Verband der Autohändler noch mehr als 3200 davon. Bei Rolf wird erwartet, dass die Zahl in diesem Jahr auf 1600 sinkt, wie das Wirtschaftsblatt „Wedomosti“ berichtet. Andere Prognosen sind nicht ganz so düster, aber trotzdem bitter. Beim Verband der Autohändler glaubt man, dass „nur“ ein Drittel der Autohäuser schließen muss.

Unterdessen laufen sogar die Geschäfte der Waschanlagen schlecht. Weil die Autobesitzer sparen, wo sie können, mussten nach Angaben von Gazeta.ru seit Jahresbeginn in Moskau bereits sechs Prozent der Waschanlagen den Betrieb einstellen.

Tino Künzel

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