„Moskau ist wie eine alte Bekannte“

Eine halbe Stunde lang drehen wir unsere Bahnen auf dem Roten Platz. Unter den Kufen nur einige Zentimeter Eis, das mit jeder Minute weniger wird. Die Kälte kriecht zunehmend durch die Jacke und die Beine werden schwächer. Eine Runde noch, dann gibt es Kaffee zum Aufwärmen, sagt Markus Ederer. Der freundliche Bayer ist Botschafter der Europäischen Union. Die MDZ traf ihn an einem seiner Lieblingsorte.

Ederer

Markus Ederer fühlt sich auf dem Eis zuhause © Daniel Säwert

Ein Interview auf Eis. Ein nicht alltäglicher Ort für ein Treffen.

Na ja, ich dachte einfach, raus aus dem Büro! Ich war schon immer viel auf dem Eis unterwegs. Als Kind in Bayern hat mein Vater mit mir viel Eishockey gespielt.

Meine Frau und ich verbringen unsere Freizeit am liebsten an der frischen Luft und wenn es geht in der Natur, auch im Winter. Wenn wir nicht aus der Stadt herauskommen, nutzen wir die Möglichkeiten in Moskau – Langlauf, Schlittschuhlaufen, auch schon einmal alpin. Wir waren auch vor Kurzem in Susdal und sind dort mit Langlaufski auf dem zugefrorenen Fluss gelaufen. Von Zeit zu Zeit haben wir sie abgeschnallt und sind hoch in den Ort. Das ist natürlich wunderbar. Letztes Wochenende waren wir in Sotschi zum Skifahren.

Im Sommer sind wir viel mit dem Fahrrad oder auf Rollerskates unterwegs. Das ist perfekt, denn von der EU-Vertretung in Samoskworetschje kann man fast bis zum Kiewer Bahnhof fahren, ohne von Autos gestört zu werden.

Eine gute Art, die Stadt kennenzulernen.

Absolut. Wir nehmen mit der EU-Delegation auch immer an den Moskauer Fahrradparaden teil. Und das ist wirklich eine tolle Art, die Stadt zu entdecken. Denn man fährt auf den Ringstraßen, die man sonst wegen der vielen Autos nie in Ruhe genießen kann.

Haben Sie einen Geheimtipp, was man unbedingt machen sollte?

Das Ausstellungsgelände WDNCh mit dem einzigartigen Kosmos-Museum ist vielleicht kein Geheimtipp, aber sehr empfehlenswert, auch im Winter. Und wer gerne Fahrrad fährt, der sollte die Olympia­strecke in Krylatskoje ausprobieren. Die ist sehr hügelig und man kann sich richtig auspowern. Aber Moskau besteht natürlich nicht nur aus Sport. Die Stadt ist ein kulturelles Zentrum, und originelle Restaurants findet man heute viele. In diesem Zusammenhang empfehle ich aktuell die Hommage an Archip Kuindschi, einen Meister des Lichts und der Farben, die bis zum 17. Februar in der Tretjakow-Galerie zu sehen ist. Und wer Sibirien in Moskau erleben möchte, sollte sich auf ein Abendessen im Restaurant Expeditsija einlassen.

Sie sind seit etwas mehr als einem Jahr in Moskau. Es wirkt so, als hätten Sie sich gut eingelebt.

Ja! Dafür hat es auch nicht viel bedurft. Ich habe bereits früher in Moskau gelebt. Daher kannte ich die Stadt schon. Und auch danach war ich beruflich regelmäßig hier, fühle mich von der russischen Kultur und den Menschen angezogen.

Moskau hat sich natürlich sehr verändert. Die Stadt ist aber eigentlich wie eine alte Bekannte. Man erkennt sich immer wieder. Wenn man alte Bekannte wiedersieht, fühlt man oft, dass sie gealtert sind. Dagegen ist Moskau in den letzten Jahren jünger geworden.

Wie sehr unterscheidet sich Ihre Aufgabe als EU-Botschafter von der des deutschen Botschafters?

Wir arbeiten im Wesentlichen wie eine nationale Botschaft. Dazu kommt: Wir koordinieren die 28 Mitgliedsstaaten, damit sie mit einer Stimme sprechen. Das ist eine wichtige zusätzliche Aufgabe des EU-Botschafters. Die EU-Delegation pflegt auch die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Russland. Die EU ist immerhin der größte Wirtschaftspartner Russlands, sowohl im Handel als auch bei Direktinvestitionen. Einen großen Stellenwert genießt auch die Kulturarbeit.

Wie sieht diese Kulturarbeit aus?

Wir veranstalten beispielsweise Filmfestivals. Diese sind regelmäßig überbucht. Wir müssen die Vorstellungen zum Teil mehrfach wiederholen. Die Filme, die wir zeigen, kommen aus möglichst vielen Mitgliedsstaaten. Damit wollen wir die Vielfalt der europäischen Kultur zeigen und wie nahe wir uns in Europa sind. Dieses Europa schließt natürlich Russland ein.

Die Festivals veranstalten wir aber nicht in Moskau, dort sind bereits die Mitgliedstaaten sehr aktiv. Wir gehen nach Kaliningrad, Tomsk und haben auch schon eine Anfrage aus Jekaterinburg.

Und dort treffen Sie auf aufgeschlossene Partner?

Ja! Das ist übrigens ein Gefühl, dass auch alle Botschafter der EU-Mitgliedsstaaten teilen. Mit zunehmender Entfernung von Moskau scheinen Aufgeschlossenheit und Neugier zu wachsen. Wir bekommen mehr Einladungen, als wir wahrnehmen können.

Wonach wählen Sie die Orte aus?

Wir entscheiden danach, wo wir am stärksten wahrgenommen werden. Und auch danach, wo wir schon einmal mit allen Botschaften der Mitgliedsstaaten empfangen werden. Wie beim Filmfestival in Tomsk. Das war ein großzügiges Angebot des Gouverneurs. Wir konnten als eine Gruppe – als eine EU – auftreten.

Mit welchen anderen Mittel versuchen Sie noch, Menschen für Europa zu begeistern?

Wir haben mit Erasmus+ das größte internationale Studentenaustauschprogramm. Interessanterweise stellen junge Russen die größte Gruppe der Stipendienempfänger. Das sorgt für ungemein viele Kontakte und gegenseitiges Kennenlernen, auch der kulturellen und gesellschaftlichen DNA der anderen Seite. Das halte ich für wichtig. In Zukunft soll dieser Austausch noch intensiviert werden. Der Vorschlag, die Gelder für Erasmus+ im EU-Haushaltsplan nach 2020 zu verdoppeln, liegt auf den Tisch.

Gleiches gilt auch für Universitäten. Russland ist der größte Partner im Jean-Monnet-Programm, das Universitätspartnerschaften und -projekte ermöglicht. All dies ist auch Kultur – Gesprächskultur.

Das heißt, Sie glauben an den Dialog?

Für beide Seiten, die EU und Russland, ist die jeweils andere sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung. Man darf nicht naiv sein, aber das Gespräch ist die Voraussetzung für jede Lösung unserer Probleme. Und damit ist es uns gelungen, das EU-Russland Verhältnis stabil zu halten, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Die Fragen stellte Daniel Säwert

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