Im Kreuzfeuer der Märchen

Kaum ein Thema hat den Ruf der russischen Presse im Westen mehr geprägt als der Abschuss der malaysischen Boeing in der Ostukraine. Doch neben Verwirrungstaktik und Falschmeldungen gibt es auch objektive und kritische Stimmen. Ein Rückblick.

Wrackteile in der Ostukraine: Das Unglück des Flugs MH17 macht fassungslos, mancher Bericht der Presse auch
Wrackteile in der Ostukraine: Das Unglück macht fassungslos, mancher Pressebericht auch. (Foto: RIA Nowosti/ Michail Woskresenskij)

Über fünf Jahre Ermittlungen, 36 000 Seiten Prozessakten – in der Nähe von Amsterdam hat am 9. März eines der größten und brisantesten Gerichtsverfahren begonnen, das die Niederlande je gesehen haben. Es geht um eine der schlimmsten Katastrophen der zivilen Luftfahrtgeschichte, bei der im Juli 2014 eine Boeing 777 der Malaysia Airlines auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über dem Kriegsgebiet in der Ostukraine abgeschossen wurde. Alle 298 Menschen an Bord kamen ums Leben, der Großteil davon stammte aus den Niederlanden.

Für die Anklage gilt es als eindeutig, dass die Maschine von einer Rakete des Typs Buk M1 der 53. Luftabwehrbrigade der russischen Streitkräfte aus Kursk getroffen wurde – vermutlich in der Annahme, es handle sich um ein ukrainisches Militärflugzeug. Angeklagt sind drei russische und ein ukrainischer Staatsbürger, allesamt Funktionäre der Separatistentruppen in der Ostukraine.

Ihnen wird vorgeworfen, das Flugabwehrsystem aus Russland angefordert zu haben und für dessen Einsatz verantwortlich gewesen zu sein. Damit steht indirekt auch der russische Staat auf der Anklagebank, der verdächtigt wird, die Rebellen verdeckt zu unterstützen.

Russland weist unverändert jede Schuld von sich. Und dabei hat der Staat seit Jahren einen bedeutenden Teil der Medien hinter sich.

Stimmen wie die „Nowaja Gaseta“, die kurz nach dem Unglück titelte „Vergib uns, Niederlande“, sind rar. Das Magazin „Meduza“ etwa setzte sich stets kritisch mit dem Thema auseinander.

Regierungsnahe Medien wie die Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ oder das TV- und Onlineformat „Westi“ sorgen dagegen seit Jahren mit ständig neuen Geschichten für Verwirrung. Das einzige, was als Theorie noch fehle, sei Beschuss durch Außerirdische, schrieb „Meduza“.

Abschuss durch ukrainische Militärjets

Einen Tag nach der Katastrophe mutmaßte die „Komsomolskaja Prawda“, der Abschuss könne eine Provokation der Ukraine sein, um die USA und Europa zum Eintritt in den Konflikt zu bewegen.

Schon früh meldete das russische Militär, dass sich zur fraglichen Zeit ein ukrainischer Abfangjäger vom Typ Su-25 in der Nähe der Boeing befunden habe. Der Fernsehsender „Perwyj Kanal“ zeigte im November desselben Jahres Aufnahmen, die angeblich von einem ausländischen Spionagesatelliten aufgenommen waren. Sie sollten zeigen, wie die Passagiermaschine mit einer Luft-Luft-Rakete beschossen wurde. Die Bilder wurden bald als Fälschungen entlarvt.

Als weiterer Beleg für diese Theorie wurde der Twitterkanal eines angeblichen Kiewer Fluglotsen namens Carlos herangezogen. Dieser twitterte damals ebenfalls, dass er Su-25-Militärjets in der Nähe der Boeing beobachtet habe, als diese vom Radar verschwand. Der ganze Account stellte sich später als Hoax heraus.

Verwechslung im Gefecht

Die „Komsomolskaja Prawda“ brachte im November 2014 ein langes Interview mit einem angeblichen Ukrainer, der am betreffenden Tag auf einem Militärflugplatz bei Dnjepropetrowsk gewesen sein soll. Dort habe er beobachtet, wie drei Su-25-Kampfflieger in die Ostukraine gestartet seien, einer davon mit Luft-Luft-Raketen bestückt. Zwei der Flugzeuge seien abgeschossen worden, das mit den Raketen sei ohne diese zurückgekehrt. Er habe den Piloten, einen gewissen Woloschin, persönlich gekannt. Der sei völlig verängstigt gewesen. „Möglich, dass die beiden Maschinen vor seinen Augen getroffen wurden. Vielleicht hat er aus Angst oder Rache die Raketen auf die Boeing geschossen. Vielleicht verwechselte er sie mit einem Kampfflugzeug.“

Präsident Putin als eigentliches Ziel

Eine andere schon früh verbreitete Erklärung war unter anderem bei „RT na Russkom“ zu lesen: Der Angriff habe eigentlich der russischen Präsidentenmaschine gegolten. Deren Flugroute habe sich zuvor bei Warschau mit der malaysischen Maschine gekreuzt, weshalb es zu der Verwechslung gekommen sei.

Unfall bei Militärübung

Wieder eine andere These verbreitete unter anderem die Zeitung „Kommersant“: Der Abschuss sei bei einer missglückten ukrainischen Luftverteidigungsübung geschehen – in Anlehnung an ein tatsächliches Unglück im Jahr 2001, bei dem ein russisches Passagierflugzeug versehentlich von einer ukrainischen Rakete getroffen wurde.

Oligarch als Drahtzieher

Bereits im Juli 2014 zitierte „Westi“ den stellvertretenden Dumasprecher Sergej Newerow, man müsse die Rolle des ukrainischen Oligarchen Ihor Kolomoisky prüfen. Dieser besitze Einfluss auf die ukrainische Flugsicherung. Mit Verweis auf dessen – tatsächlich vorhandenes – Waffenarsenal sagte er, die USA und Europa sollten genau hinsehen, ob dieser nicht Kampfflugzeuge oder Buk-Raketen besitze.

Leichen an Bord

Gar die Aussage des Milizenführers Igor Girkin, demzufolge das Flugzeug bereits mit Leichen an Bord unterwegs gewesen sei, wurde von dem Magazin „Westi“ aufgegriffen – allerdings direkt mit Fakten widerlegt.

Eben dieser Girkin hatte unmittelbar nach der Katastrophe auf dem sozialen Netzwerk VKontakte den Abschuss einer ukrainischen Militärmaschine vermeldet. Der Post wurde später gelöscht. Heute zählt er zu den vier Angeklagten im Prozess in den Niederlanden.

Jiří Hönes

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