Die Ukraine und der Eurovision Song Contest: Das Ende vom Lied

In der Ukraine wurde am letzten Februarwochenende bei einer mehr als dreieinhalbstündigen Show ermittelt, wer das Land beim Eurovision Song Contest Mitte Mai in Israel vertreten darf. Was hat das mit Russland zu tun? In der Theorie natürlich nichts, in der Praxis jedoch sehr viel. Bei dem eigentlich unpolitischen Wettbewerb wurden zwei von sechs Finalisten auf der Bühne zur Rede gestellt: Sie mussten sich für Auftritte im „Aggressorstaat“ und für ihre Einstellung zum Status der Krim rechtfertigen. Tage später war der gesamte Vorentscheid Makulatur: Die Ukraine, Gewinnerin des Eurovision Song Contests 2004 und 2016, zog ihre Teilnahme in Tel Aviv zurück. Und Schuld war auch daran wieder – Russland.

Kein Lied für Tel Aviv: Die Ukraine kam auf dem Weg zum Eurovision Song Contest in Israel nur bis Russland. © esctoday.com

Beim nationalen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest wurde in der Ukraine mehr geredet als gesungen. Zwischen den Wettbewerbsbeiträgen ging es wieder einmal um die Zugehörigkeit der Krim. Und generell darum, wie es die Teilnehmer mit dem Nachbarland Russland halten. Wer Zweifel an der richtigen Haltung zur Politik des – wie er im offiziellen Duktus heißt –„Aggressorstaats“ aufkommen lassen hatte, der musste sich Fragen zu seiner Gesinnung gefallen lassen.

Besonders in die Mangel genommen wurde das Duett Anna Maria der Zwillingsschwestern Anna und Maria Opanasjuk, die in Simferopol auf der Krim geboren und aufgewachsen sind, bevor sie nach Kiew übersiedelten. Ihre Eltern leben weiterhin auf der Krim: der Vater ein pensionierter Richter, die Mutter Vizepremier in der Regierung.

„Die Krim ist unsere Heimat“

Nicht genug damit, gaben sie einen Tag vor dem Finale dem krimtatarischen TV-Sender ATR ein Interview. Gefragt nach ihrer Meinung zum Status der Krim – ukrainisch oder russisch – antworteten sie dabei: „Die Krim ist unsere Heimat, unser Lieblingsplatz auf der Welt.“ Das kam in Teilen der Öffentlichkeit nicht gut an. Beim Vorentscheid erlebten Anna Maria nach ihrem Vortrag nun einen wahren Spießrutenlauf. Moderator Sergej Pritula fragte, ob sie es nicht schon bereut hätten, überhaupt an dem Wettbewerb teilgenommen zu haben, „mit einem solchen Background“, mit Eltern, die sich der „Okkupationsmacht“ angedient hätten. Er und viele andere hätten um diesen familiären Hintergrund nicht gewusst. Und sei es nicht naiv gewesen, anzunehmen, dass das bei den Zuschauern kein Umdenken auslöst? Man könne ihnen ja noch einmal die Frage stellen, wem die Krim gehöre, „uns oder denen“, so Pritula weiter, „dann ist je nach Antwort entweder Ihre Karriere vorbei oder die Ihrer Mutter“. Im Weiteren verabschiedete er die Künstlerinnen mit der Ermahnung, sie möchten doch bitte dafür sorgen, dass auf ihrem Twitter-Account keine russische Propaganda betrieben werde.

Jury-Mitglied Jamala, deren krimtatarische Eltern ebenfalls auf der Krim leben und die 2016 den Eurovision Song Contest mit dem Song „1944“ gewonnen hatte, der die Deporta­tion der Krimtataren zu Sowjet­zeiten thematisiert, legte in Sachen Krim nach: „Wer zum Song Contest fährt, der repräsentiert die gesamte Ukraine, uns alle. Wie können Sie dann zum Status der Krim sagen, die sei Ihre Heimat. Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage: Die Krim gehört zur Ukraine, sie ist okkupiert und bei uns herrscht Krieg. Merken Sie sich das.“ Bei diesen Worten brandete Beifall im Saal auf. Doch auch die Entgegnung von Anna Marie wurde mehrfach mit Applaus quittiert. (Der gesamte Wortwechsel ist auf dem Video der Finalshow von 2:18:30 bis 2:31:00 zu sehen, allerdings in ukrainischer Sprache.)

Maria Opanasjuk erklärte unter Tränen: „Es heißt immer, die Ukraine habe einen europäischen Weg eingeschlagen, aber wir fühlen uns gerade wie in der Sowjetunion der 30er Jahre. Wir haben unsere Wahl schon vor Langem getroffen, aber wenn wir uns zwischen dem Wettbewerb und unseren Eltern entscheiden sollen, dann wählen wir wie jeder normale Mensch unsere Eltern.“ Man habe nie ukrainische Gesetze verletzt, schluchzte sie noch. Doch in der Endabrechnung half das alles nichts. Anna Maria, noch nach dem Halbfinale als Mitfavorit gehandelt, belegten unter den sechs Finalisten den letzten Platz.

Gewinnerin wegen Auftritten in Russland in der Kritik

Als glorreiche Siegerin wurde nach kombiniertem Jury- und Zuschauervoting dagegen die Kiewer Sängerin Maruv gefeiert. Die 27-Jährige ist nach ukrainischen Maßstäben ein Superstar. Im vergangenen Jahr landete sie mit „Drunk Groove“ einen Megahit, dessen Video bei YouTube bisher 90 Millionen Mal angeklickt wurde. Mit „Siren Song“ wollte sie nun an diesen Erfolg anknüpfen. Doch bei der Finalübertragung sollte Maruv, mit bürgerlichem Namen Anna Korssun, vor allem zu Gastspielen in Russland Stellung nehmen. Unter anderem war sie 2018 im Zuge der Fußball-WM in Moskau aufgetreten. Auch für das bevorstehende Frühjahr gibt es entsprechende Pläne. Gastspiele in Russland sind für viele ukrainische Künstler selbstverständlich und nicht zuletzt Teil ihres Broterwerbs. Gesetzlichen Einschränkungen unterliegen sie bisher nicht, werden allerdings von verschiedenen Seiten missbilligt.

Auch Maruv, die bei Warner Music Russia unter Vertrag steht und auch in Russland sehr populär ist, geriet deswegen in die Schusslinie. Als die Sängerin beim nationalen Vorentscheid erzählte (im Video ab 1:14:00 auf Russisch), dass es Angebote gegeben habe, für andere Länder beim Eurovision Song Contest anzutreten, was aber für sie als Ukrainerin nicht in Frage gekommen sei, hakte Moderator Pritula nach, wie denn dieser Patriotismus zu vereinbaren sei mit Auftritten in Russland, „mit dem wir historisch gesehen Riesenprobleme haben“. Maruv sagte, sie sei es leid, die Frage immer wieder aufs Neue beantworten zu müssen, man möge doch bei Interesse bitte frühere Interviews dazu lesen. Grundsätzlich wolle sie daran erinnern, dass man sich auf einem Musikwettbewerb befinde und nicht im Wahlstudio, und dass der Eurovision Song Contest eingerichtet wurde, um Länder und Kulturen zu verbinden, als ein gemeinsames Fest. Das schien den Moderator nur noch mehr zu reizen: Welche Völkerverständigung sie denn wohl erreicht habe, wollte er wissen und spottete, ob vielleicht bei einem ihrer Konzerte in Russland jemand auf sie zugekommen sei und gesagt habe, dass er dank ihrer Musik nun doch nicht mit der Kalaschnikow in den Donbass ziehe? Maruv antwortete, man möge nicht alle Russen über einen Kamm scheren, viele fühlten sich den Ukrainern sehr verbunden. Anschließend war sie genötigt, sich auch noch zum Status der Krim zu äußern („natürlich Ukraine“).

Die staatliche Fernsehanstalt der Ukraine NTKU wollte nicht ohne Weiteres bestätigen, dass sie die Siegerin des Vorentscheids nach Tel Aviv schickt. Man müsse sicherstellen, dass sie beim Eurovision Song Contest gegenüber Journalisten „staatliche Positionen“ vertrete, sagte einer der Aufsichtsräte im Fernsehen.Es sollte ein Vertrag unterzeichnet werden, wie er branchenüblich sei. Bis auf einen zusätzlichen Punkt: Maruv müsste zumindest in den kommenden Monaten bis zum Song Contest im Mai auf Auftritte in Russland verzichten. Diese Klausel hätte die Künstlerin nach eigener Aussage sogar geschluckt, doch auf Facebook sprach sie insgesamt von einem „Knebelvertrag“, der ihr zahlreiche Verpflichtungen auferlege und hohe Vertragsstrafen androhe, während die NTKU im Gegenzug praktisch nichts leiste. Stundenlange Verhandlungen endeten ergebnislos, die Nominierung von Maruv platzte. Der NTKU-Sender UA:First veröffentlichte daraufhin eine offizielle Erklärung, in der wiederum „kulturelle Akteure und Medienstrukturen des Aggressorstaats“ beschuldigt werden, sie hätten „die Ergebnisse der nationalen Vorentscheidung in politischer Weise beeinflusst“. Vizepremier Wjatscheslaw Kirilenko witterte die „hybride Kriegsführung“ Russlands als Grund hinter dem Eklat. Sogar bei der ARD, die traditionell den Eurovision Song Contest in Deutschland überträgt, kann man solchen Sichtweisen etwas abgewinnen. Nach einem Beitrag auf Eurovision.de zu urteilen, ist dieser Reinfall kein klassisches Eigentor, sondern „womöglich bewusst herbeigeführt“ worden, nämlich von außen, aus Russland. Auch russische Trolle werden ins Spiel gebracht. Die vielen Kommentare zu dem Artikel sind verständnislos bis wütend.

Nach dem Aus von Maruv suchte die NTKU mehrere Tage nach Ersatz. Aber sowohl die zweitplatzierte Band des Vorentscheids, Freedom Jazz, als auch Kazka als Nummer drei lehnten es ab, einzuspringen. Dadurch sah sich die NTKU schlussendlich gezwungen, die Teilnahme der Ukraine am Eurovision Song Contest ganz abzusagen, allerdings nicht ohne ein weiteres Mal mit dem Finger auf Russland zu zeigen. Der Wettbewerb habe ein „Systemproblem“ ans Licht gebracht – wie eng ukrainische Künstler mit dem „Aggressorstaat“ verbandelt sind, „auch im fünften Kriegsjahr“.

Neue Spielregeln in der Ukraine angestrebt

Das Thema beschäftigt derweil sogar die Regierung. Vizepremier Kirilenko hat zwei Initiativen angeschoben: Zum einen wurde die NTKU aufgefordert, die Kriterien für die Auswahl der Teilnehmer am nationalen Vorentscheid zu überarbeiten, „unter Berücksichtigung der Umstände, die eine so große öffentliche Resonanz hervorgerufen haben“. Das könnte bedeuten, dass in Zukunft Künstler, die sich nicht deutlich vom „Aggressorstaat“ distanzieren, gar nicht erst zum Wettbewerb zugelassen werden und dessen Politisierung damit de facto noch zunimmt.

Außerdem soll ein Gesetzentwurf zu den „Besonderheiten von Gastspielen ukrainischer Künstler auf dem Territorium des Aggressorstaats“ ins Parlament eingebracht werden. Was er konkret vorsieht, ist bisher noch unklar.

Der Eurovision Song Contest findet dieses Jahr vom 14. bis 18. Mai in Tel Aviv statt, weil die israelische Sängerin Netta die vorige Auflage in Lissabon gewonnen hat. Deutschland schickt S!sters ins Rennen, Russland lässt Sergej Lasarew ein zweites Mal ran. Er hatte 2016 mit „You Are The Only One“ und einer technisch anspruchsvollen Bühnenshow mit großem Abstand die Zuschauerwertung für sich entschieden und war am Ende Dritter geworden.

Tino Künzel 

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