„Diese Natur ist das Kostbarste, was wir haben“

Am Weltklimatag im September brachen Millionen Menschen weltweit zum Klimastreik auf - in Russland dagegen bleibt die Resonanz eher nichtig. Dabei ist der Klimawandel selbst am Baikal zu spüren. Das dortige Naturreservat wurde am 26. September 50 Jahre alt und steht vor großen Herausforderungen.

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Die atemberaubende Natur des Baikal-Naturreservats ist gefährdet. © Lynx5402/ wikicommons

Es gibt noch Orte auf der Welt, die vom Menschen unberührt sind. Wie das  südlich des berühmten Sees gelegene Baikal-Naturreservat, in dem etwa 99 Prozent des Territoriums für Besucher geschlossen sind. Eine Bahnstrecke sowie eine Autobahn trennen es vom See. Ein mit Nadelbäumen bewachsener Bergrücken, Chamar-Daban, und 30 Flüsse schaffen einen einzigartigen Lebensraum für Bären, Wölfe, Zobel sowie die vom Aussterben bedrohten Schwarzstörche oder Rentiere.

Doch auch die geschützte Natur ist vor dem negativen Einfluss der Menschheit nicht sicher. So schrieb die Leiterin der Umweltorganisation „Baikal-Gemeinschaft“, Jekaterina Uderewskaja, dass bereits 70 Prozent aller Zedern des sogenannten „Goldenen Gürtels“ Russlands von Krasnojarsk bis zum Tunkinskaja-Tal am Fuße des Sajan-Gebirges in Burjatien abgestorben oder ausgetrocknet seien. 

„Das Austrocknen der Zedern- und Tannenwälder gehört zum Gegenstand unserer Forschungsarbeiten“, erzählt der Leiter des Baikal-Naturreservats, Wassilij Sutula, gegenüber der MDZ. Zwar sei der Anteil von 70 Prozent wissenschaftlich nicht bewiesen, aber selbst am 400 Kilometer langen Chamar-Daban gebe es neben den gesunden auch gestorbene Hänge.

Den Studien des Reservats zufolge ist die bakterielle Wassersucht dafür zuständig, durch schwächere Abwehrkräfte der Bäume. Was die Hintergründe angeht, vermutet der Wissenschaftler – obwohl die chemische Analyse des Nebels sowie des Regenwassers noch läuft – sauren Regen. Der kommt höchstwahrscheinlich aus dem Industriezentrum Irkutsk.

Trockenheit und trockene Gewitter sind eine echte Plage

Bereits  2015 waren dazu laut der für die Brandbekämpfung zuständigen Spezialeinheit der Feuerwehr „Awialessochrana“ rund 1,5 Millionen Hektar Wald in der Region Irkutsk und der Republik Burjatien abgebrannt. Im Sommer 2019 meldete sie ähnliche Zahlen, wobei der Norden des Baikals viel dramatischer litt. Anfang September brannten eine Woche lang 13 Hektar Wald im ältesten russischen Reservat Bargusinskij. Das Baikal-Naturreservat hatte Glück. „Die südliche Hälfte des Baikals war dieses Jahr mit Regen überflutet, in der nördlichen dagegen regnete es mehrere Monate lang gar nicht“, erklärt Sutula weiter.

Auch im Winter soll es weniger geschneit haben. Trockenheit und die darauffolgenden trockenen Gewitter sind laut Sutula eine echte Plage in der Region. In den Nationalparks wie Pribaikalskij komme allerdings noch der verantwortungslose Umgang der Menschen mit dem Feuer dazu. 

Das natürliche Gleichgewicht gerät ins Wanken

Allein der Rauch der Brände im Einzugsgebiet reicht schon aus, um das Baikal-Wasser in großen Mengen mit der biogenen Substanz Ammonium zu belasten. Darauf wies der Direktor des Limnologischen Instituts der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften, Andrej Fedotow, beim Gesamtrussischen Kongress zu Wasserproblemen im Juni hin. Fedotow zufolge liegt die Konzentration von toxinausscheidenden Bakterien im Baikalwasser bereits im Bereich der Höchstwerte.

Die Vermehrung der Spirogyra-Alge im seichten Wasser sowie das Verschwinden der Baikalschwämme – der natürlichen Reinigungsträger des Sees – führten neben dem Rauch verstärkt dazu, dass die Jungfische wegen Sauerstoffmangels an das Ufer gespült werden, bezeugte Jekaterina Uderewskaja bereits 2015. 

Im Frühling machten über 1,2 Millionen Russen mit einer Petition auf Change.org auf sich aufmerksam – und stoppten letztendlich den Bau einer umstrittenen chinesischen Fabrik zur Trinkwasserabfüllung im Dorf Kultuk im Süden des Baikals. Einzelne Initiativen zum Schutz des Sees wie die von Uderewskaja wollen das Ministerium für Naturressourcen und Ökologie rechtzeitig auf die Probleme hinweisen.

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Naturreservatsleiter Wassilij Sutula macht die Menschen für den schlechten Zustand der Natur verantwortlich. © Bajkalskij sapowednik

Im Rahmen des nationalen Projekts „Ökologie“, von Präsident Wladimir Putin im Februar 2019 ins Leben gerufen, werden zum Beispiel die Produktionsorte des Chemieunternehmens Usoliechimprom am Ufer des einzigen dem Baikalsee entspringenden Flusses Angara vom Erdöl gereinigt, wodurch die Fische der Lokalpresse zufolge zuvor vergiftet wurden. Mitte September ließ Putin die Regierung zusätzliche Maßnahmen zum besseren Schutz des Sees als UNESCO-Weltnaturerbe, wie etwa die Umweltüberwachung oder das Vorgehen gegen Umweltrisiken, planen.

Die Wurzeln eines mangelnden bürgerlichen Bewusstseins

Am 20. September schränkte die Regierung des Gebiets Irkutsk den Tourismus am Baikal deutlich ein. Wassilij Sutula will auch den „nicht organisierten“ Tourismus am See bekämpfen. Denn der führt zu Müll und der Tötung von Tieren – auch außerhalb des Reservats. „Es gibt einen klaren Rechtsrahmen für die Festnahme von Sündern sowie Programme für ökologische Aufklärung, damit die Menschen schon als Kinder begreifen: Diese Natur ist das Kostbarste, was wir haben.“ 

Mit ähnlichen Mottos treten auch die jungen Aktivisten der „Fridays for Future“-Bewegung seit gut einem Jahr auf. Nur legen sie den Fokus auf den Klimaschutz. Da stellt sich die Frage, inwiefern dies für den Baikal und dessen Natur aktuell ist. Die andauernde Trockenheit im Norden soll zumindest ein Beweis für den Klimawandel sein. „Die Aridisierung, also eine Entwicklung zu einem trockeneren Klima mit immer weniger Niederschlägen und niedrigeren Grundwasserspiegel, ist bei uns schon alleine durch die Migration der Kormorane an Orten mit mehr Wasser zu sehen“, sagt Sutula weiter.

Seit 2015 seien mangelnde Niederschläge im Norden des Baikals zur Katastrophe geworden. Wieso lässt sich dann niemand in der Region von der weltweiten Protestwelle anstecken? Sutula vermutet vorsichtig: „Der Großteil der Bevölkerung ist in der Sowjetunion mit der Einstellung aufgewachsen, dass sich um alles kümmere. Daher dürften die Wurzeln eines mangelnden bürgerlichen Bewusstseins kommen. Wir hoffen auf die Regierung, auf die Umweltorganisationen, auf sonst jemanden. Hoffentlich wird sich die Mentalität der Menschen in der Frage ändern.“

Liudmila Kotlyarova

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