Der Hauptstadt auf der Spur

Er war der wichtigste Architekturfotograf der Sowjetunion: Mehr als ein halbes Jahrhundert begleitete Naum Granowski die Entwicklung von Moskau mit der Kamera.

Tauben auf dem Roten Platz und eine Schlange vor dem Lenin-Mausoleum, 1950er Jahre (Foto: © Lumiere Gallery)

Naum Granowski fotografierte seine Stadt am liebsten von oben. Für eine effektvolle Aufnahme verhandelte der leidenschaftliche Architekturfotograf geduldig mit misstrauischen Hauswarten über Dachbodenschlüssel, erklomm ungezählte Dächer und Türme und klingelte auch schon mal bei überraschten Mietern, um aus deren Wohnzimmerfenster ein besonders eindrucksvolles Foto zu knipsen.

Verkehr auf der Gorki-Straße, der heu­tigen Twerskaja-Straße, 1938 (Foto: © Lumiere Gallery)

Auch sonst scheute der Künstler, der bereits zu seinen Lebzeiten als Chronist von Moskau galt, keine Mühe. Granowski plante seine Aufnahmen bis ins letzte Detail, notierte stets akribisch Aufnahmewinkel, Licht und Motiv und soll auch mal eine halbe Stunde gewartet haben, bis sich endlich die gewünschten Schäfchenwolken ins Bild bequemten.

Ein Ausflugsdampfer vor dem Hotelhochhaus „Ukraine“, 1960er Jahre (Foto: © Lumiere Gallery)

Angefangen hatte alles im Jahr 1926. Damals kam der fotografiebegeisterte 16-Jährige aus der ukrainischen Provinz nach Moskau. „Mit nichts als einem geflochtenen Weidenkorb in der Hand“, wie er sich später gern erinnerte. An der Arbeitsbörse fand der mittellose Jugendliche schnell eine Anstellung als Druckereigehilfe bei der staatlichen Nachrichtenagentur TASS. Später fotografierte er für die Militärzeitung „Trewoga“ und kehrte ein Jahr nach Kriegsende schließlich zur TASS zurück, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1984 als Fotojournalist tätig sein sollte.

Das Hotel „Kosmos“ und das Denkmal für die Eroberer des Weltraums, 1979 (Foto: © Lumiere Gallery)

Über ein halbes Jahrhundert suchte der umtriebige Fotokünstler immer wieder dieselben Moskauer Ecken, Plätze und Straßen auf und hielt jede noch so kleine Veränderung mit der Kamera fest. Im Lauf der Jahrzehnte schuf er dabei das Archiv einer Welt, die es heute so nicht mehr gibt. Rund 35 000 Negative fanden sich schließlich in seinem Nachlass.

Eine Plattenbausiedlung im Moskauer Vorort Chimki-Chowrino, 1960er Jahre (Foto: © Lumiere Gallery)

Granowskis Schwarz-Weiß-Aufnahmen dokumentieren die Großbaustellen und den Aufbruch der 1920er Jahre sowie die Metrostationen, Stadien und prunkvollen Wolkenkratzer aus der Hochzeit des Stalinismus.

Die Moskauer Olympiahalle, 1980 (Foto: © Lumiere Gallery)

Nach der Abkehr vom Gigantismus hielt der inzwischen wichtigste Architekturfotograf der Sowjetunion auch die Wende zum Modernismus mit dem Fotoapparat fest. Seine Bilder aus dieser Zeit zeigen beispielsweise architektonische Ikonen wie die Moskauer Olympia­halle oder das inzwischen wieder abgerissene Hotel „Rossija“.

Birger Schütz

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