Der Haidach: ein Stück Russland am Schwarzwaldrand

Am Rande Pforzheims liegt eine Wohnblocksiedlung, die so russisch ist, wie kaum eine Ecke in Deutschland. Zahlreiche Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion fanden hier eine neue Heimat. Seit 30 Jahren gilt der Haidach als Problemviertel.

Kennt sich aus auf dem Haidach: Eugen Averna mit Tochter Amy. (Foto: Jiří Hönes)

Am Ladenzentrum inmitten der Wohnblocksiedlung wird Russisch gesprochen, sowohl vom alten Ehepaar als auch von der jungen Mutter mit ihren Kindern. Im „Mix Markt“ gibt es Schiguli-Bier, Konfekt der Marke „Roter Oktober“ und gar russisches Shampoo zu kaufen, dazu schallt Polka-Techno aus den Lautsprechern. Der Haidach, wie die Trabantenstadt auf dem Bergrücken zwischen Würm- und Enztal heißt, ist geprägt von Russlanddeutschen, die seit Anfang der 1980er Jahre hier eine neue Heimat gefunden haben. Rund 8500 Menschen leben heute hier oberhalb der badischen Stadt, die vor allem für ihre Schmuck- und Edelmetallindustrie bekannt ist.

Eine von ihnen ist Galina Albrandt. Sie selbst ist Russin, ihr Mann Russlanddeutscher. Sie kamen 1995 aus Kasachstan nach Pforzheim. Vier Jahre später eröffnete sie einen kleinen Lebensmittelladen namens „Galinka“. Auch hier fühlt man sich wie in Russland: Trockenfische zieren die Auslage, es gibt kasachische Schokolade und eine Auswahl an russischen Taschenbüchern. Es geht familiär zu. „Manche meiner Kunden kamen schon als Kinder und kauften Süßigkeiten, jetzt sind sie selbst Eltern“, erzählt sie. „Das ist hier ein ganzes Russisches Viertel.“

Seit 20 Jahren ist Galinas Lädchen ein Treffpunkt im Viertel. (Foto: Jiří Hönes)

Wie Galina versucht auch Igor Erfurt die russische Kultur am Leben zu halten. Er stammt aus der Nähe von Kemerowo in Sibirien und kam nach dem Studium in Moskau 1990 hierher. Seit sechs Jahren betreibt er im Ladenzentrum einen Zeitungskiosk. Seine Tochter, erzählt er, habe sich zunächst nicht so sehr für die Heimat ihrer Eltern interessiert. Doch jetzt sei sie 27 und lerne Russisch. Auch die Kinder vor dem „Mix Markt“ können ein paar Wörter, wenn man sie fragt. „Meine Oma bringt’s mir bei“, sagt ein Junge stolz, und fährt mit seinem Roller davon.

Eine typische Retortensiedlung der 1960er

Der Stadtteil wurde Ende der 1960er Jahre auf der grünen Wiese errichtet. In den Jahrzehnten da­rauf folgte eine Erweiterung nach der anderen. Ab Ende der 1980er Jahre entwickelte sich der Haidach zum Zentrum der Aussiedler aus der damaligen Sowjetunion. In Zeitungen war damals von „Ghettobildung“ zu lesen. Problematisch war, so eine Untersuchung aus den 1990er Jahren, dass viele Kinder der Spätaussiedler im Gegensatz zur Elterngeneration kaum positive Hoffnungen mit dem Umzug nach Deutschland verbanden.

Sie wurden aus ihrem vertrauten Umfeld herausgerissen und fanden sich als Fremde wieder. Der damalige Sozialarbeiter im Jugendzentrum sagte, es fehle der Zugang zu den Jugendlichen, die sich nur auf Russisch unterhielten. Von „ungeheurem Aggressionspotenzial“ sprach die evangelische Gemeindediakonin. In den 1990ern ging es um verwüstete Bushaltestellenhäuschen, Schlägereien, Ruhestörung und 14-Jährige, die mit einer geladenen Pistole Laternen ausschießen wollten. Und um harte Drogen.

Einer, der diese Zeiten noch sehr gut kennt, ist Eugen Averna. Er war mittendrin, als der Haidach noch ein gefürchtetes Pflaster war. Mit seinen tätowierten Unterarmen und dem „eher quadratischen Körperbau“, wie er selbst scherzt, ist er eine wuchtige Erscheinung. Mit der Vergangenheit hat er abgeschlossen. Seiner elfjährigen Tochter Amy hat er kürzlich alles erzählt. „Sie soll nicht von jemand anderem erfahren, wie ihr Vater früher unterwegs war.“

Schlägereien und Drogengeschäfte

Eugen gehörte zu der frühen Generation von Aussiedlern. Geboren wurde der 46-Jährige als Eugen Ackermann in Dschambul im Süden Kasachstans, die Stadt heißt heute Taras. Im Alter von acht Jahren kam er nach Deutschland, zusammen mit seiner Mutter, seiner Schwester und den Großeltern. Das war 1982. Der Vater hatte die Familie schon vor der Ausreise verlassen.

Wohnblocks aus drei Jahrzehnten prägen den Haidach. (Foto: Jiří Hönes)

In der Schule wurde er ins kalte Wasser geworfen. „Ich kam in die zweite Klasse, aber mein Deutsch hat sich auf ‚ja‘ und ‚nein‘ beschränkt. Und plötzlich waren wir die ‚Russen‘, nachdem wir in der Sowjetunion immer die ‚Faschisten‘ waren.“ Doch er integrierte sich schnell. „Damals gab es noch nicht so viele Leute aus Russland auf dem Haidach, ich musste Deutsch lernen. Die späteren Generationen, die in den 1990ern kamen, die blieben dann eher unter sich“, erzählt er.

Um die Kinder zu ernähren, arbeitete seine Mutter tagsüber als technische Zeichnerin, abends als Putzkraft. Ihm habe jemand gefehlt, der ihm die Grenzen gezeigt hätte, sagt er heute. „Gegen Ende der Schulzeit haben wir hier viel Mist gebaut. Um 1990 ging das hier los mit den Gangs. Da hingen im Sommer 30 bis 40 Leute vor der Pizzeria rum.“ Oft gab es Schlägereien, mal mit Neonazis, mal mit Türken aus der Stadt, „richtige Schlachten“.

Der Haidach hatte seinen Ruf weg

Eugen war immer vorne mit dabei, wie er sagt. Er erinnert sich: „Da kam einmal eine Gruppe Türken hoch zur Pizzeria, die haben von den paar Russen so die Schnauze vollgekriegt, dass der Haidach dann seinen Ruf weghatte, da hat sich keiner mehr hochgetraut.“

Doch der Ruf als gefährlicher Stadtteil sei weitgehend unbegründet gewesen, meint er. Unbeteiligte hätten hier nie etwas zu befürchten gehabt, man habe sich nur auf Augenhöhe gemessen.

Am Ladenzentrum auf dem Haidach. (Foto: Jiří Hönes)

Bald jedoch kamen Drogen ins Spiel. „Erst wurde nur gekifft, doch irgendwann war ich bei einem Kumpel, der hatte ein halbes Kilo Koks und ein halbes Kilo Heroin auf dem Tisch. Wir fingen an zu verkaufen.“ Erst nur auf dem Haidach, später gab es Dealer, die das Geschäft unten in der Stadt erledigt haben. „Ich hatte immer Geld in der Tasche. Doch was anfangs cool war, ist uns bald aus den Händen geglitten. Ich habe irgendwann selbst mehr konsumiert als verkauft.“ Dazu kamen Anzeigen und Bewährungsstrafen wegen Körperverletzung. „Bei Gericht war ich Stammgast, mich hat derselbe Richter achtmal verurteilt.“

Es kam, wie es kommen musste. Im Januar 1994 war er mit vier Freunden in der Stadt unterwegs. Beim „Gelben Haus“ wurden sie von einer Streife kontrolliert. Kurz danach fanden sich alle fünf in Zellen wieder. „So, Eugen, jetzt ist’s vorbei“, sagte ein Kripobeamter, der ihn schon gut kannte. Dann ging es im Polizeibus nach Stammheim, in den berüchtigten Stuttgarter Knast.

Therapie statt Strafe

Nach einigen Monaten Haft konnte Eugen den Rest seiner Strafe in einer Therapieeinrichtung verbüßen. Er blieb sauber und machte danach eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, weit weg vom Haidach in der Freiburger Gegend. Den Kontakt zu seinen früheren Freunden mied er. „Heute bin ich Familienvater. Ich könnte nicht einmal mehr ’nen Kaugummi klauen.“

Wie er sich gewandelt hat, so hat sich auch der Haidach verändert. Es ist nicht mehr ganz der soziale Brennpunkt von damals. Doch in den Schlagzeilen fand er sich in jüngerer Zeit wieder einmal. Seit 2015 gab es eine Flüchtlingsunterkunft für etwa 40 Personen im Viertel. Es kam zu fremdenfeindlichen Demonstrationen, zudem formierte sich eine Bürgerwehr. Bei der Landtagswahl 2016 hat die AfD in Pforzheim ein Direktmandat geholt und auf dem Haidach ein Rekordergebnis von 44 Prozent eingefahren.

Deutschlandweit gerieten die Russlanddeutschen unter Generalverdacht, vornehmlich die AfD zu wählen. Auch wenn das mittlerweile durch Studien weitgehend relativiert ist, das Stigma blieb. Der Politikwissenschaftler Frank Brettschneider etwa sieht auch bei den hier zahlreich lebenden Angehörigen evangelikaler Religionsgemeinschaften ein hohes Zustimmungspotenzial für die AfD.

Mit Sport für Toleranz und Integration

Der Wirbel nach der Wahl hat sich etwas gelegt. Viele der Flüchtlinge sind mittlerweile bei der Lernstiftung Hück aktiv. Die wurde 2013 von Uwe Hück gegründet, der auf dem Haidach lebt. Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende bei Porsche und zweimalige Europameister im Thaiboxen hat sich zum Ziel gesetzt, sozial benachteiligten Jugendlichen eine Chance im Leben zu geben. Sein Lern- und Sportzentrum bietet sowohl Sprachkurse als auch Trainingsangebote. Seit 2019 sitzt er für die SPD im Gemeinderat.

Eugen Averna schätzt dessen Arbeit sehr. „Bei ihm geht es um Werte wie Respekt, Toleranz und Pünktlichkeit.“ Gegen die Flüchtlinge hätten viele anfangs Vorurteile gehabt, doch bei Hück seien sie willkommen. „Ich kenne mittlerweile einige von denen. Das sind Leute, die mit beiden Beinen im Leben stehen, Ausbildungen machen, vorwärtskommen wollen.“

Dass die AfD hier so erfolgreich ist, macht Eugen wütend. Einige russlanddeutsche Arbeitskollegen von ihm stimmten für die Partei. „Habt ihr vergessen, wo ihr herkommt?“, hat er sie damals gefragt. „Ihr seid doch auch einst hier aufgenommen worden!“

Pubertäre Russlanddeutsche stören die „Idylle mit Spitzenkissen und Blumenvasen“, sagte eine Beauftragte für Aussiedlerseelsorge 1998 gegenüber der „Pforzheimer Zeitung“. Heute fühlen offenbar manche ihre Idylle durch Flüchtlinge gestört. Für Menschen wie Uwe Hück, die sich für Toleranz und Integration einsetzen, gibt es immer etwas zu tun.

Jiří Hönes

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