Der Allrounder vom Feld

Der Hanfanbau in Russland hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Erst ertragsreiches Agrarprodukt, wurde Cannabis später als Droge verteufelt und verboten. Doch Unternehmer setzen wieder vermehrt auf die vielseitige Pflanze und hegen große Pläne. Selbst der Staat lässt den Hanfanbau als Droge wieder zu. Wer allerdings in diesem Bereich investieren will, muss dies im Ausland tun.

Hanf
Die Pflanze der Zukunft? Russland unterstützt zunehmend den Hanfanbau. © Alexander Krjaschew/ RIA Novosti

Cannabis war in Russland einst eine wichtige Kulturpflanze. Das Zarenreich gehörte zu den wichtigsten Anbauern und Exporteuren der rosenartigen Pflanze. Auch der junge Sowjetstaat setzte nach der Oktoberrevolution zunächst auf das Naturprodukt. 1930 wurde auf rund eine Million Hektar Cannabis angebaut und anschließend zu Stoffen, Seilen, Fäden und Segeltuch verarbeitet. Welche Bedeutung Cannabis im sozialistischen Staat spielte, lässt sich heute noch auf dem Moskauer Ausstellungsgelände WDNCh beobachten. Am dortigen „Brunnen der Völkerfreundschaft“ gruppiert sich die Sowjetunion um Hanfbündel. Auch auf Ortswappen war die grüne Pflanze abgebildet. 

Der Anbau war für viele Jahre verboten

Nachdem die Sowjetunion 1961 die UN-Drogenkonvention unterzeichnet hatte, geriet der Hanf jedoch zunehmend in Verruf. Gegen Ende der Sowjetunion stand nur noch auf zehn Prozent der Anbau­fläche Hanf, machte aber 50 Prozent der Einnahmen im Pflanzenanbau aus. Mit der Perestroika und dem Kampf gegen Betäubungsmittel aller Art verschwand Cannabis fast komplett aus Russland.   

Erst seit 2010 darf Hanf in Russland wieder angebaut werden. Bis die erste Ernte eingefahren wurde, dauerte es jedoch noch fünf Jahre. Seitdem wachsen die Erträge beständig. Wurden 2016 noch 620 Tonnen eingebracht, waren es im folgenden Jahr bereits 800 Tonnen. Auch die Anbaufläche wächst immer weiter. Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat waren es 2018 knapp 8000 Hektar, 57 Prozent mehr als im Vorjahr.

Julia Diwnitsch, Präsidentin der Vereinigung der Hanfbauern, geht davon aus, dass sich die Fläche in diesem Jahr verdoppeln oder gar verdreifachen könnte, erklärte sie der „Parlamentskaja Gaseta“. Für die Landwirte ist ein Umstieg auf Hanf durchaus lohnenswert, bringt er doch nach Berechnungen des Nationalen Lukjanenko-Samenzentrums einen Ertrag zwischen 250 000 und 380 000 Rubel (3500 bis 5400 Euro) pro Hektar. Das sei ungefähr fünf Mal so viel wie beim Weizen, schreibt die Fachzeitschrift „Agroinvestor“. 

Russland fördert großzügig

Und auch der russische Staat hat seine Blockadehaltung aufgegeben und unterstützt die Bauern. Auf föderaler Ebene gebe es keine Probleme, so Diwnitsch gegenüber der Tageszeitung „Kommersant“. Bauern erhalten ihren Angaben zufolge vergünstigte Kredite, um ihre Maschinen zu modernisieren.  Außerdem wird jeder Hektar Hanf mit 10 000 Rubel (142 Euro) subventioniert. Für andere Pflanzen gibt es durchschnittlich lediglich 300 Rubel (4,25 Euro). Einziges Problem für die Bauern ist bisher das als mangelhaft angesehene Saatgut. Aufgrund der streng ausgelegten Drogengesetze sind die Landwirte auf halblegale Importe angewiesen.  

Verwendet werden Produkte aus Hanf hauptsächlich in der Lebensmittelindustrie. Öl, Milch, Joghurt, Käse und sogar Nudeln werden aus Cannabis hergestellt. Auch weitere Bereiche sind in Planung. So präsentierte das Irkutsker Unternehmen Promrusskon auf dem Forum der Hanfbauern Anfang des Jahres die Idee, im Gebiet Kurgan im großen Stil Hanf anzubauen und daraus biologisch abbaubare Verpackungen sowie Zellulose herzustellen.

Bis zu zwei Millionen Tonnen Zellulose sollen pro Jahr produziert werden. Dafür sind die Unternehmer bereit, zwei Milliarden US-Dollar zu investieren. Der Hanfanbau sei generell für Investoren interessant, auch für ausländische, glaubt Diwnitsch. 

Die Wiederentdeckung als Droge

Ein wesentliches Wachstumshinderhis war bisher ein Streit zwischen verschiedenen Ministerien. Während Landwirtschafts- und Wirtschaftsministerium sich für die stärkere Förderung von Cannabis aussprechen, blockierte das Innenministerium. Cannabis ist schließlich nach wie vor auch eine Droge. Weshalb der internationale Trend, Hanf als Droge anzubauen, in Russland keine Chance hatte.

Bis Mitte Juni. Denn da beschloss die Regierung, dass Russland in Zukunft seine eigene Drogen anbauen solle. Grund für dieses Umdenken war jedoch nicht eine Liberalisierung, sondern die Sanktionen gegen das Land. Aktuell gibt es 13 zugelassene Medikamente auf Opioidbasis, von denen neun als lebensnotwendig eingestuft werden.

Die Grundstoffe dafür müssen jedoch überwiegend aus Staaten importiert werden, die Russland wegen seiner Ukrainepolitik sanktioniert haben. Zukünftig werden auf Russlands Feldern auch  Schlafmohn, Kokasträucher und ­weitere Betäubungsmittel zu finden sein. Einziger Haken: Lediglich zwei staatliche Einrichtungen dürfen sich mit dem Drogenanbau
beschäftigen. 

Interessanter ist für russische Investoren hingegen der nordamerikanische Markt, wo in den vergangenen Jahren Cannabis teilweise legalisiert wurde. So ist Andrej Bloch, ehemaliger Präsident des Mineralölunternehmens Sibneft, einer der bekanntesten Russen, der legal mit Drogen sein Geld verdient. Auch russische Investmentfonds zeigen zunehmend Interesse am Cannabis-Geschäft. Sprechen will darüber aber kaum jemand, wie die Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ schreibt. Denn viele Geschäftsleute fürchten, dass russische Sicherheitsbehörden ihnen vorwerfen könnten, dass sie ihr Geld in illegale Aktivitäten fließt. 

Daniel Säwert

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