Dem Volk eine Stimme geben

Die Zivilgesellschaft ist in Kirgistan so aktiv wie sonst kaum irgendwo in Zentralasien. Auch bei den aktuellen Unruhen spielt sie eine entscheidende Rolle. Filmproduzent Erik Abdykalykow erzählt, was die Protestierenden antreibt.

„Nein zu alten Politikern!“ Der Aktivist Erik Abdykalykow demonstriert für einen Generationswechsel in der kirgisischen Politik. (Foto: privat)

In Kirgistan überschlagen sich seit Wochen die Ereignisse. Das Land steckt in einer politischen Krise. Der Präsident ist zurückgetreten, ein verurteilter Verbrecher hat die Macht übernommen. Momentan scheint sich die Lage zwar etwas stabilisiert zu haben, doch wie lange das so sein wird, ist ungewiss. „Wir haben wilde Tage hinter uns. Jetzt ist kurz ein bisschen Ruhe eingekehrt“, beginnt Erik Abdykalykow das Gespräch mit der MDZ. Zu diesem Zeitpunkt ist es genau zwei Wochen her, dass tausende Menschen begannen, gegen die Ergebnisse der Parlamentswahlen vom 4. Oktober zu protestieren.

Mit Blendgranaten gegen Demonstranten

Erik, ein bekannter Aktivist aus der Hauptstadt Bischkek, war von Anfang an dabei. Der Mittzwanziger war als Wahlbeobachter in seiner Heimatstadt Karakol, am Ostufer des Sees Issyk-Kul. Dort habe er mitbekommen, wie vor allem ältere Menschen ihre Stimmen an die späteren Wahlsieger verkauft hätten. „Ich habe noch vor der Bekanntgabe der Ergebnisse in den sozialen Medien dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen“, erzählt er. Es seien zunächst friedliche Proteste gewesen mit einer Art Volksfeststimmung. Erst als Sicherheitsbeamte begannen, mit Blendgranaten und Tränengas auf die Demonstranten loszugehen, sei die Situation eskaliert.

In der Nacht vom 5. zum 6. Oktober stürmten einige hundert Menschen den Regierungssitz in Bischkek und besetzten wichtige Verwaltungsgebäude. Mehrere in Haft sitzende Politiker, wie Ex-Präsident Almasbek Atambajew und der ehemalige Parlamentsabgeordnete Sadyr Schaparow, wurden befreit. In den folgenden Tagen organisierte Erik mit anderen Freiwilligen medizinische Hilfe und Essenslieferungen für die Demonstranten. Außerdem patrouillierten Brigaden durch die Hauptstadt, um Plünderungen zu verhindern. Schaparow wurde währenddessen zum Premierminister gewählt und hat sich mittlerweile selbst zum Präsidenten ernannt.

Warum man Parteiprogramme lesen sollte

Erik hofft, dass die nun anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen fair verlaufen werden – „ohne Korruption mit einem gesunden Wettbewerb.“ Erstere sollen laut Wahlkommission noch in diesem Jahr stattfinden. Bis dahin will der Aktivist mit seinem Projekt „Stimme des Volkes“ so viele Menschen wie möglich dazu bringen, sich für Politik zu interessieren. „Wir erklären, wie das Wahlsystem funktioniert, warum man Parteiprogramme lesen sollte und warum es wichtig ist, seine Stimme nicht zu verkaufen.“

Er selbst unterstützt bei dem angehenden Urnengang die Partei Reforma, vor allem, weil sie junge Gesichter in die Politik bringen wollte. Reforma gilt als liberale Oppositionspartei, engagiert sich gegen das „etablierte Korruptions- und Clansystem in Kirgistan“. Man habe ihm auch angeboten, Mitglied zu werden, doch „ich will meinen Status als Aktivist nicht verlieren“, sagt Erik.

Erik Abdykalykow kämpft für einen demokratischen Wandel in Kirgistan . (Foto: privat)

Mit Bildung zum Generationswechsel

Zum Aktivisten wurde er gegen Ende seiner Schulzeit, als er begann, ehrenamtlich zu arbeiten. „Ich wollte mit meiner Energie etwas Nützliches machen“, erinnert er sich. „Es gibt nicht viele Angebote für junge Leute und damals waren die sozialen Medien noch nicht so verbreitet.“ Er fing an, ein amerikanisches Kulturzentrum zu besuchen und sich in der AIDS-Hilfe zu engagieren. Für sein Wirtschaftsstudium ging er nach Japan. Nach seiner Rückkehr hat er die App „Fitjab“ mitentwickelt. „Die erste Fitness-App für muslimische Frauen“, heißt es in der Selbstbeschreibung. Außerdem ist er Filmproduzent. Während der Coronakrise im Sommer reisten er und sein Team durch Kirgistan, um zu zeigen, woran es in den Krankenhäusern auf dem Land fehlt.

Erik setzt auf Bildung, um die Zukunft seines Landes zu verändern. Er möchte junge Menschen dazu bewegen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und nicht den ganzen Tag mit den sozialen Medien zu verbringen. „Kirgisische Schulen sind leider keine Konkurrenz für Instagram“, kritisiert er. Dabei sei es wichtig, kritisches Denken zu lernen und Verantwortung zu übernehmen. Außerdem romantisierten junge Menschen das Verbrecherleben. „Kriminelle gelten als Vorbilder. Sie haben Geld, genießen einen gewissen Status und scheinen ihre Familien zu beschützen.“ Das komme bei der Jugend an. In einem der ärmsten Länder der ehemaligen Sowjetunion, das nicht für jeden eine strahlende Zukunft bereithält, scheint ein Leben außerhalb des Gesetzes attraktiv zu sein.

Evolution statt Revolution

Doch eines der größten Probleme ist für Erik, dass die meisten der heute aktiven Politiker noch in der Sowjetzeit aufgewachsen sind. Sie sind der Staat und unterstützen sich gegenseitig. Die Jugend sei hingegen kaum in der Politik vertreten und bekomme deshalb auch kein Stück vom Kuchen ab. Dabei ist Kirgistan ein junges Land: Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 26 Jahren.

Und gerade die Altersgruppe zwischen 16 und 25 Jahren habe nun zum ersten Mal einen Regierungsumsturz miterlebt, gibt Erik zu bedenken. „Diese Tage waren wichtig für die Gesellschaft. Wir haben gesehen, dass Proteste etwas bringen, aber auch, dass wir uns organisieren können, um unsere Stadt zu beschützen.“ Vor allem hätten die Demonstrationen auch gezeigt, wie lebendig die Zivilgesellschaft in Kirgistan sei. „Sie funktioniert, sie wächst und sie unterstützt die Bevölkerung in schwierigen Zeiten.“

Doch war das eine Revolution, wie viele zu Beginn der Proteste meinten? „Das war keine Revolution, eher eine Evolution“, so Erik. Doch er ist sich sicher, dass der Wandel im Land kommen wird. Schließlich spiele die Zeit für ihn. „In 15 Jahren wird eine neue Generation an der Macht sein. Spätestens dann wird sich etwas ändern.“

Othmara Glas

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