Kreuz und Quer: Eine Retrospektive für Eduard Steinberg

Hinter dem Eisernen Vorhang gab es nicht nur Sozialistischen Realismus, sondern auch Abstrakte Kunst. Im Untergrund entstanden Werke, die im Westen hochgeschätzt wurden. Nun ist auch in Russland das Interesse groß. Das unterstreicht die Ausstellung zu Eduard Steinberg, der schon zu Lebzeiten mit Malewitsch verglichen wurde.

Leben und Tod: Motive aus dem Zyklus Tarussa aus dem Jahr 1993/ Foto: Pressestelle MMOMA

Wohin man auch sieht: Dreiecke, Kreuze und Kreise. Geometrische Formen sind nicht nur in der Mode allgegenwärtig. Sie sind auch das Sujet abstrakter Kunst. Kasimir Malewitsch machte das schwarze Quadrat zu seiner Ikone. Eduard Steinberg das Kreuz. Letzterer ist Vertreter des russischen Konzeptualismus, einer Kunstform, die sich in den 60er Jahren in der Sowjetunion etablierte. Unter dem Namen „Sretenskij Boulevard“ vereinigte sich die künstlerische Bohème Moskaus. Darunter Eduard Steinberg. Ilja Kabakow und Wiktor Piwowarow.

Der Nährboden für den Nonkonformismus war die Tauwetter-Periode der Chrustschow-Ära. Die Jugend entdeckte den Twist, die Kunst die Abstraktion: eine Gegenposition zur offiziellen Staatskunst der UdSSR. 40 Jahre versuchte Eduard Steinberg in den „Verband der Künstler“ aufgenommen zu werden, vergeblich. Was die Nomenklatura nicht verstand, verehrte der Westen umso mehr. Diplomaten schmuggelten Steinbergs Werke nach Paris und New York, wo er – wie so viele andere osteuropäische Konzeptualisten –als Geheimtipp galt.

Revival der zweiten Avantgarde

Obwohl als „Underground-Kunst“ gelabelt, war der Moskauer Konzeptualismus mehr „Mainstream“ als „Underground“, so Irina Prochorowa. Die Mitbegründerin der gleichnamigen Kultur-Stiftung erklärt, dass die zweite Avantgarde, wie diese Strömung auch häufig genannt wird, immer noch unzureichend erforscht und beleuchtet sei. Anders sieht das Bild in Deutschland aus. Hier sind russische Konzeptualisten häufig Dauergäste in Museen. Die Kunsthistorikerin Elena Korowin spricht zurecht von einem „Russen-Boom“. Obwohl unter den Konzeptualisten Ilja Kabakow der bekannteste ist, sei dieser nach Prochorowa „nur die Spitze des Eisbergs.“ Es gäbe noch viel zu entdecken.

Ausstellungsobjekte werden ins blaue Licht gerückt / Foto: Pressestelle MMOMA

Der Pariser Gallerist Claude Bernard bewies während der Perestroika einen guten Riecher, als er Steinberg entdeckte. Bis zu seinem Tod im Jahre 2012 arbeitete Bernard eng mit dem Künstler zusammen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion kam allmählich die Anerkennung in Russland. Die Tretjakow-Galerie präsentierte 1992 die Gemälde des Konzeptualisten erstmals einem großen Publikum. 1994 dann das Puschkin-Museum. Danach folgte eine lange Pause. Bis jetzt. Das Moskauer Museum für Moderne Kunst (MMOMA) widmet Eduard Steinberg zum 80. Geburtstag eine Retrospektive. Der Fokus der Ausstellung „Wenn im Brunnen das Wasser lebt…“ liegt auf seinen grafischen Arbeiten von 1960 bis 2011. „Ich hoffe, dass mit dieser Ausstellung das Thema breiter in der Masse aufgenommen wird,“ sagt Prochorowa, deren Stiftung die Ausstellung mitfinanziert.

Geistlichkeit statt Marx

Steinbergs abstrakte Gemälde, die der Künstler selbst als metaphysische Kompositionen bezeichnete, sehen nur auf den ersten Blick wie suprematistische Werke aus. Das brachte dem Künstler schon zu Lebzeiten den Ruf, ein zweiter Malewitsch zu sein. Genau wie beim Malerfürsten der Avantgarde war es bei Steinberg der russisch-orthodoxe Glauben, der sein Werk vorantrieb. Um 1970 waren in Moskauer Künstlerkreisen nicht Texte von Lenin, Marx oder Trotzki angesagt, sondern Schriften des zeitgenössischen orthodoxen Philosophen Jewgeni Schiffers. Es war die Zeit der „Duchownost“ (Geistlichkeit) – eine Rebellion gegen den Atheismus der Sowjetunion. Deshalb sieht man auf Steinbergs Gemälden und Grafiken immer wiederkehrende christliche Symbole wie Taube, Kreuz, Fisch oder Dreieck. Auch von der Ikonenmalerei war er beeinflusst. Und zwar von der umgekehrten Perspektive, die sie sich zunutze macht. Hierbei hat jeder Gegenstand einen eigenen Fluchtpunkt außerhalb des Bildes. Diese Perspektive entspricht nicht unserer menschlichen Wahrnehmung. Deshalb muss sich das Auge des Betrachters stets neu orientieren.

Fisa aus Semjonowa, Gauche auf Karton, 1988 / Foto: Pressestelle MMOMA

Trotz geometrischer Abstraktionen hält Steinberg den Kontakt zur gegenständlichen Welt – anders als Malewitsch. Er war weitaus radikaler. Seine Gemälde waren gegenstandslos. Malewitschs Ikone war ein vorläufiger Nullpunkt in der Kunst. Diesen letzten Schritt machte Steinberg nicht mit. Dafür war der Künstler zu sehr mit dem Landleben verbunden. Steinberg wuchs in Tarussa auf, einem Künstler-Dorf, das zur Quelle seines Schaffens wurde. Eine Quelle, die nicht zu versiegen schien. So wie es im Titel der Ausstellung anklingt. „Ein Brunnen ist auch ein Haus. Und wenn im Brunnen Wasser lebt, heißt das, dass Auferstehung möglich ist“, so Steinberg. Die Brunnen- Symbolik nahm der künstlerische Kurator der Ausstellung, Sergej Sitar, auf. Die grafischen Arbeiten werden auf Installationen mit indirektem blauen Licht präsentiert, die einen Brunnen andeuten sollen.

Viele Werke sind aus der Privatsammlung der Familie, die der Öffentlichkeit noch nicht gezeigt wurden. „Er war seiner Arbeit vollkommen ergeben. Er sagte stets, dass er nur für sich arbeite. Und wenn seine Kunst ein paar Leuten gefiel, dann war es für ihn ein Fest“, erinnert sich Galina Manewitsch, Kunsthistorikerin und Steinbergs Ehefrau, bei der Eröffnung.

Die Ausstellung endet mit einer unvollendeten Komposition, die der Künstler 2011 angefangen hat. Es sollte ein Fenster darstellen, ein Schlussakkord seines Werks.

Katharina Lindt 

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