Kathedralen des Bahnfahrens

Moskau ist eine der Welthauptstädte des Bahnverkehrs. Rund um das Stadtzentrum befinden sich neun Bahnhöfe – wenn man den nichtöffentlichen Regierungsbahnhof mitzählt, sind es sogar zehn. Die MDZ gibt einen Einblick in ihren Alltag.

Die eindrucksvolle Bahnsteighalle des Kiewer Bahnhofs. Luftig ist sie auch deshalb, weil unter ihrem Dach nur die Aeroexpress-Züge zum Flughafen Wnukowo und der Schnellzug nach Kiew abfahren und hier deshalb nicht viel los ist. / Tino Künzel

5:40

Im Leningrader Bahnhof beginnt der neue Tag mit dem Abfahrtssignal für den „Sapsan“ nach St.  Petersburg – dem ersten von zehn täglichen Zügen dieses russischen ICE-Verschnitts. Sie bewältigen die 650 Kilometer in um die vier Stunden und erfreuen sich nach Bahnangaben großer Beliebtheit. Trotzdem wird auch auf dieser Strecke meist in der Horizontalen gereist, nämlich über Nacht (20 Züge). Wer nicht aufs Geld schauen muss, der kann sich zum Beispiel für den „Grand Express“ entscheiden, der als „Hotel auf Rädern“ beworben wird und in dem die nobelsten Einzelabteile 275 Euro kosten. Der Leningrader Bahnhof ist von den Moskauer Bahnhöfen der älteste. Bei seiner Eröffnung 1851 lag er noch weit vor den Toren der Stadt. Heute ist er mittendrin.

10:42

Der Kasaner Bahnhof, in dem man sich leicht verlaufen kann, so riesig, wie er ist. / Tino Künzel

Auf dem Kasaner Bahnhof schließen sich die Türen des Doppelstockzugs nach Adler. Noch ist am Schwarzen Meer Nebensaison, deshalb hält sich der Verkehr dorthin einstweilen in Grenzen (acht Züge pro Tag). Aber der Kasaner Bahnhof, von dem aus Bahnstrecken nach Süden und Osten bedient werden, ist auch jetzt schon der geschäftigste in Moskau. Was man hier – auf drei Etagen – nicht alles kaufen kann: Neben Reisebedarf, Souvenirs und Gastronomie gibt es Läden für Bernstein aus dem Baltikum, für Rollstühle, Kinderspielzeug, Sportartikel und militärisch angehauchte Utensilien. Sogar wer einen Job sucht, wird fündig: In den vielen Gängen bieten gleich zwei Arbeitsagenturen ihre Dienste an.

12:00

Vor dem Kiewer Bahnhof finden  sich ein Dutzend Neugierige zu einer anderthalbstündigen Führung unter der Devise „Moskau durch die Augen des Ingenieurs“ (engineer-history.ru) ein. Die Teilnehmer erfahren, dass das gewölbte, bis zu 28 Meter hohe transparente Dach über den Bahnsteigen von Wladimir Schuchow – dem Schöpfer des nach ihm benannten Radioturms  – konstruiert wurde und besteigen ganz zum Schluss auch noch den Uhrturm, zu dem Außenstehende sonst keinen Zutriff haben. Fremdenführerin Tatjana gibt ihnen mit auf den Weg, über den Leistungen der Architekten beim Bahnhofsbau doch bitteschön nicht die der Ingenieure zu vergessen.

17:40

Schöner essen: der Speisesaal im Kursker Bahnhof. / Tino Künzel

Ein Foto in der vielleicht schönsten Stolowaja von Moskau? Der Kursker Bahnhof mit seiner Beton- und Glasfront aus den 70er Jahren mag von außen nicht besonders ansehnlich sein, doch drinnen sind auch noch Teile der historischen Bausubstanz aus dem 19. Jahrhundert erhalten, in denen sich die Wartesäle befinden  – und eben eine Stolowaja, in der schon die Wand- und Deckenverzierungen dafür sorgen, dass dem Gast die Augen übergehen. Doch der gezückte Fotoapparat alarmiert sofort einen Wachmann: „Pack die Kamera weg“, knurrt er. „Warum denn das?“ – „Vorschrift.“ – „Aber warum?“ – „Pack die Kamera weg.“ Der Neubauteil des Bahnhofs wurde vor zehn Jahren aufwändig modernisiert. Danach schrieben die Zeitungen, jetzt fühle man sich darin „wie im Flughafen“.

22:15

Während am Himmel der Frühlingsmond scheint, funkelt auf Gleis 3 des Weißrussischen Bahnhofs der Zug Moskau – Paris und bekommt grünes Licht für 37 Stunden Fahrt durch Weißrussland, Polen und Deutschland nach Frankreich. Die zehn so gut wie neuen Wagen im sogenannten RIC-Standard tragen äußerlich den vertrauten grau-roten Look der Russischen Bahn, sind innen aber besonders geräumig und komfortabel. Wer dem Flugzeug schon immer misstraut hat oder aus anderen Gründen lieber am Boden bleibt, dürfte an dieser Alternative Gefallen finden.

23:45

Auf dem Jaroslawler Bahnhof bricht der Zug Nummer 002 mit dem Namenszusatz „Rossija“ zu einer Fahrt auf, die sechs Tage später in Wladiwostok enden wird. Auf der Transsibirischen Eisenbahn durchquert er einmal das gesamte Land. Was Ausländern gern wie ein großes Abenteuer vorkommt, hat für die meisten Passagiere nichts Denkwürdiges an sich. Anders als bei Touristenzügen fährt hier abgesehen vom Zugpersonal kaum jemand die komplette Strecke durch. Der 002 verkehrt im täglichen Wechsel mit dem einfacheren und billigeren Zug Nummer 100. Der genehmigt sich bis Wladiwostok noch einen Tag länger und hält unterwegs an insgesamt 143 Stationen. Wer etwas erleben und dabei wie die Russen Bahn fahren will – herzlich willkommen.

Der Leningrader Bahnhof: außen alt, innen neu. / Tino Künzel

Tino Künzel

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