Die Moskauer Seidenstraße

Moskau ist nicht nur eine Stadt von Welt, sondern auch ein Planet, in dessen Unendlichkeit man sich schnell verlieren kann. In der MDZ-Kolumne berichten unsere Autoren von den Weiten der russischen Hauptstadt, dem Alltagsleben und alles was ihnen sonst noch auffällt.

moscow-cathedral-mosque-1483524_960_720

Die Zentralmoschee am Prospekt Mira in der Morgendämmerung / Foto: Wikicommons

Auf dem Weg von meiner Lieblings-Teestube, oder Tschaichana, wie es in der Stadt genannt wird, zur U-Bahn-Station Prospekt Mira hatte ich einfach noch nie so viel Gesellschaft. Man ist viel von Moskau gewohnt, doch die Anzahl meiner Begleiter ging klar über das übliche Maß hinaus. Selbst die Menschenmasse am Park Kultury zu Feierabendverkehr steht dazu in keinem Verhältnis. Es war einfach wie auf einer Völkerwanderung. Dass ich etwas verpasst habe, stand außer Frage.

Die Fußgängerzone nahe der U-Bahn-Station verwandelte sich auf einen Schlag in einen bunten Basar. Und damit den Planeten Moskau in einen scheinbar fremden Kosmos: Es duftete nach frischem Essen, auf Teppichen ausgebreitete IPhone-Kopien wurden lautstark angepriesen – während sich die „Karawane“ in gefühlt allen Sprachen, außer Russisch, unterhielt. Kinder bettelten ebenso wie Invaliden, Rentner und schwangere Frauen.

„Heute ist Dschuma!“, erklärt mir ein Kirgise auf Nachfrage. Das exotische Wort käme aus dem Arabischen und stehe für das Freitagsgebet. Meine zahlreichen Wegbegleiter sind Moslems auf dem Heimweg. Sie kommen aus der im September 2015 fertiggestellten Hauptmoschee, einer der drei muslimischen Gottestempel in der sonst so orthodoxen Hauptstadt. Dann erzähle ich ihm, wie sehr mir seine Heimat auf einer Reise vor zwei Jahren gefiel, vom Solomon-Berg in Osch, Bischkek und dem Yssykköl-See, von dem einst der Schriftsteller Tschingis Aitmatow so schwärmte. Von den Kalpaks, also von jenen hohen Spitzhüten, die stets das Haupt eines jeden Großväterchens in der Bergrepublik schmücken. Der Nationaltracht. Er lacht. Und freut sich sichtlich, dass jemand Kirgistan kennt.

Wer noch nie in Zentralasien war, würde sich wundern, was aus den riesigen Säcken am Straßenrand gezogen und an die Masse verkauft wird. Samosa, in Mittelasien Samza genannt, ist eine zentralasiatische Spezialität, bestehend aus in Teig eingebackenem Ziegenfleisch. Nomadenfutter. Das Fett gibt Kraft für lange Ritte durch die Steppe. Heute bis nach Hause, das nicht gerade um die Ecke liegt. Beim ersten Bissen in meinen frisch erworbenen Samosa danach vergaß ich leider, wie fettig das Ziegenfleisch eigentlich ist… Ich schlucke schnell runter und kehre via Ringlinie auf den Planet Moskau zurück.

kris1

Christopher Braemer ist Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Zuvor arbeitete er u.a. als Freier für den Nordkurier und die Mitteldeutsche Zeitung. Er studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Osteuropastudien in Bologna und St. Petersburg.

Kommentare

Kommentare