Alissa geht bei Twitter in die Lehre, nicht bei Gogol

Gasprom und Rosneft sind Russlands Wirtschaftsgiganten, aber nicht unbedingt cool. Viele Russen identifizieren sich lieber mit dem Internetdienstleister Yandex. Der feierte jetzt 20. Geburtstag. Sogar Putin kam. Und plauderte mit Alissa (Алиса), dem neuen Sprachassistenten. Noch redete man eher aneinander vorbei. Aber das hat ja fast schon Tradition.

Yandex schafft, was Russlands Anspruch ist, aber selten gelingt: dem Westen auf Augenhöhe zu begegnen. Zumindest im eigenen Land spielt der Internetkonzern seine Hausmacht gegen Konkurrenten wie Google nach wie vor erfolgreich aus. Nun ist das in den Niederlanden registrierte Unternehmen 20 Jahre alt. Aus diesem Anlass besuchte Präsident Wladimir Putin den Moskauer Hauptsitz von Yandex am Gartenring. Er ließ sich über das Gelände führen, erfuhr, dass Yandex 7000 Mitarbeiter mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren hat, bekam den Prototypen eines selbstfahrenden Autos gezeigt und interessierte sich speziell für technische und ethische Fragen rund um künstliche Intelligenz.

Begehrter Arbeitsplatz: Putin zu Besuch bei Yandex. / RIA Novosti

Etwas ulkig fiel Putins Bekanntschaft mit Alissa, dem Sprachassistenten von Yandex aus, der am 10. Oktober an den Start gehen soll. Seine Entwickler behaupten, anders als Siri und Google Assistant könne das russische Pendant nicht nur auf Fragen antworten, sondern sei zu einer echten Unterhaltung fähig. Allerdings befindet sich Alissa noch in der Lernphase, ist nach Unternehmensangaben derzeit auf dem Stand eines drei- bis vierjährigen Kindes. Dafür schlug sich der Sprachassistent beim ersten Kennenlernen mit Putin durchaus wacker, drückte sich hier und da sogar bildhaft aus, kam mit dem Präsidenten aber nicht so recht ins Gespräch. „Behandelt man dich hier auch gut?“, erkundigte der sich. „Okay, ich werd‘s mir merken“, lautete die Antwort. „Ausweichend“ nannte das Putin gut gelaunt und ließ sich damit vertrösten, Alissa müsse eben noch erwachsen werden. Aber wenn man es sich recht überlegt: Ist es nicht sehr russisch, ausweichende Antworten zu geben, Dinge im Ungefähren zu belassen? Auch Putin, so scheint es, kennt sich damit bestens aus.

Die klugen Köpfe von Yandex haben bei Alissa auf verschiedenen Wegen versucht, sie mit Wissen und Sprache zu füttern. Doch klassische russische Literatur von Dostojewskij bis Gogol zeitigte unerwünschte Nebenwirkungen, weshalb das Experiment abgebrochen werden musste. „Alissa wurde ganz traurig“, erzählte ein Mitarbeiter. „Man dachte, dass sie jetzt zu Ende redet und sich aufhängen geht, weil sie nur noch schwarzsieht.“ Deshalb sei man lieber auf Twitter umgestiegen, freilich unter Verzicht auf alle Schimpfwörter. Die Ideallösung sei allerdings auch das nicht: „Jetzt hat man den Eindruck, man redet mit einem 13-jährigen Teenager. Das kann ganz schön nerven.“

Tino Künzel

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