„Wir rechtfertigen uns viel und erklären zu wenig“: Sachar Prilepin im Interview

Der Schriftsteller Sachar Prilepin polarisiert mit seinen provokanten Positionen die Menschen. Auf der Frankfurter Buchmesse sprach Prilepin mit der MDZ über sein Verhältnis zu Wladimir Putin, Sergej Jessenin und Alexander Solschenizyn.

Prilepin

Sachar Prilepin auf der Frankfurter Buchmesse 2018 /Foto: Grigorij Kroschin

Frankfurt ist der Endpunkt Ihrer Europareise. Wie sind Ihre Eindrücke?

Sehr unterschiedlich, und ständig ändern sich in Europa auch die Eindrücke über Russland. Ich habe ein kritisches Verhältnis zu dem, was in Russland geschieht. Aber ich sehe, dass es momentan viel Sympathie für Russland gibt. Anscheinend haben die Menschen die Hoffnung, dass Russland ihnen einen neuen zivilisatorischen Weg anbietet. Ich antworte darauf: „Hört auf!“

Was werden Sie von westlichen Journalisten am häufigsten gefragt?

Die häufigste Frage ist, ob ich für oder gegen Putin bin. Als ob Wladimir Putin der Nabel der Welt wäre. Wenn ich das verneine atmen alle erleichtert auf. Aber das polarisiert jedes Gespräch. Ich glaube, dass der russische Präsident sogar an seiner Dämonisierung interessiert ist – das schafft einen gewissen Kult und damit Werbung. 

Werden Sie im Westen richtig verstanden?

Es gibt da natürlich bestimmte Schwierigkeiten. In Italien zum Beispiel. Dort nimmt man alles immer sehr direkt, wortwörtlich. Russen würden hingegen die Selbstironie in meinen Worten verstehen. Es passiert oft, dass ich Interviews in ausländischen Zeitungen lese, die völlig sinnentstellt sind.

Sie schreiben momentan an einer Biografie russischer Klassiker. Was sind Ihre weiteren Pläne?

Ich glaube, dass viele Schlüsselfiguren der russischen Literatur nicht adäquat wahrgenommen werden. Ich schreibe momentan eine Biografie Sergej Jessenins, an und für sich der beim Volk beliebteste Dichter. Jessenin war eine der Säulen der sowjetischen Dichtung, ein strenggläubiger sowjetischer Dichter. Während der Perestroika wurde Jessenin auf einmal als antisowjetischer Dichter dargestellt. Jeder Jessenin-Forscher hat seinen eigenen Jessenin, der seine politischen Ansichten auf die Biografie niederlegt. Es wird Zeit, einen vernünftigen Jessenin zu präsentieren, mit all seinen Problemen und Widersprüchen. Bei der Biografie bin ich gerade im Jahr 1919 und ich entdecke Analogien zu den Problemen, die wir heute versuchen zu lösen. Dahin gehend gibt es in Russland keinen Fortschritt. Das gefällt mir sogar.

Sie haben ähnliche politische Ansichten wie Jessenin?

Meine politischen Ansichten entstammen der russischen klassischen Literatur um Puschkin und der Literatur der Revolutionszeit. Und wenn ich mir versuche zu erklären, warum ich mich so verhalte, schaue ich auf meine Vorgänger und sage mir: „Puschkin hat es so getan, also kann ich es auch.“

Ich möchte Figuren hervorholen, die vergessen sind oder falsch verstanden werden. Und oft sind das linke und kommunistische Personen, die im 20. Jahrhundert bedeutend waren, in letzter Zeit aber zunehmend in Vergessenheit gerieten. Genauso wie einige Ereignisse. Die sowjetische Gewalt in Ungarn oder der Tschechoslowakei wird  viel beachtet. Gleichzeitig findet der Kampf gegen den Sozialismus in Ländern, die nicht dem Ostblock angehörten, kaum Beachtung.

Woran liegt diese einseitige Betrachtung?

In diesem Zusammenhang haben wir die ideologische Initiative verloren. Wir rechtfertigen uns viel und erklären zu wenig, dass die Welt kompliziert ist und die Konfrontation nicht nur innerhalb des Ostblocks stattfand. Vieles wird vereinfacht wahrgenommen. Weltweit werden die Namen der Autoren der „Lagerprosa“ – Solschenizyn, Schalamow, Rybakow für gewöhnlich mit einem Komma dazwischen geschrieben, als ob sie dieselben politischen Ansichten gehabt hätten. Während Solschenizyn das sowjetische System aus einer konservativen Position kritisiert hat, taten es Schalamow und Rybakow aus einer leninistischen, soll heißen, komplett entgegengesetzten. Wenn man über russische Schriftsteller spricht, ist es wichtig, sich das Problem der Wahrnehmung bewusst zu machen. Es sind feine Abstufungen, die man verstehen muss.

Alexander Solschenizyn wäre heute 100 Jahre alt. Wie stehen Sie zu ihm?

Auch wenn ich zu Solschenizyn ein schwieriges Verhältnis habe, ist er doch der einflussreichste russische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In dem Sinne hatte er bedeutenden Einfluss auf den Zusammenbruch der Sowjetunion. Deshalb ist er in unserer Geschichte eine bedeutende Figur. Seine politischen Ansichten werden sicher Gegenstand von Diskussionen und Deutungen sein. Wenn man über die Probleme der Welt spricht, dann würde man im Westen solche Werke wie „Stimmen aus dem Untergrund“, über die Demokratie und das Chaos in den 1990ern, und „Zweihundert Jahre zusammen“ über das russisch-jüdische Verhältnis kennen und lesen. Dadurch bekommt man ein Bild Solschenizyns. Ich wünsche mir, dass man Solschenizyn im Westen nicht nur als Autor des „Archipel Gulag“ wahrnimmt.

Die Fragen stellte Grigorij Kroschin

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