WChUTEMAS: Die fortschrittlichste Kunstschule der Welt

Sie ist selbst in Russland nur wenigen ein Begriff, dabei war die WChUTEMAS die treibende Kraft bei der Modernisierung des Landes. Vor 100 Jahren wurde die Kunstschule gegründet.

Die WChUTEMAS nutzte erstmals Modelle in der Architektur. (Foto: Sergej Kiseljow/ AGN Moskwa)

Für Tatjana Mawrina war es eindeutig, was der Anfangsbuchstabe der WChUTEMAS bedeutet. W steht für wolnyj, also frei, sagte die Malerin und Grafikerin einst. Auch andere Studenten der Hochschule fanden sie einfach nur fantastisch. Die Begeisterung der jungen Künstler und Künstlerinnen zeigt, dass die Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten, so der volle Name der WChUTEMAS, wahrlich ein außergewöhnlicher Ort waren. Und einer, der trotz sehr kurzer Geschichte bis heute Einfluss auf die russische Kultur hat.

Alexander Rodtschenko, Kasimir Malewitsch, El Lissitzky, Wassily Kandinski, Wladimir Tatlin, Wera Muchina oder Konstantin Melnikow – die Liste der Dozenten der WChUTEMAS führt bei Kunst- und Architekturinteressierten zu regen Gefühlswallungen. Und dabei sind die Namen nur eine kleine Auswahl der bekanntesten. In Deutschland wird die WChUTEMAS gerne als das „russische Bauhaus“ bezeichnet. Waren beide Hochschulen doch miteinander verbunden. Sei es in ihrer modernen Ausrichtung, durch Künstler, die in Russland und Deutschland unterrichteten oder die gegenseitigen Besuche 1927 und 1928.

Enger Austausch mit dem Bauhaus

Doch die in Moskau und dem damaligen Petrograd ansässige Kunsthochschule war mehr. Lenin persönlich unterzeichnete die Gründung der WChUTEMAS. Denn das Land, dass sich gerade in einem Bürgerkrieg befand, brauchte Künstler. Nicht um ihrer Kunst willen, sondern für die Wirtschaft und als Ausbilder. Die Revolutionäre glaubten, dass die Drucker, Grafiker, Bildhauer und Architekten russische Produkte herstellen könnten, die auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sind. Aus dieser Idee entstand die „Schule der Avantgarde“, wie das Museum Moskaus seine Ausstellung zum 100. Jubiläum der WChUTEMAS nennt (aufgrund der neuen Corona-Beschränkungen ist die Ausstellung bis Mitte Januar nur online zu sehen).

Die WChUTEMAS machte zu ihrer Zeit fast alles anders als andere Hochschulen. Jeder, der wollte, konnte sich in Moskau oder Petrograd einschreiben. Das Unterrichtsprinzip war innovativ. Die Studenten sollten analytisch vorgehen und selbstständig denken. Die größte Innovation war mit Sicherheit der Vorkurs. Darin lernten alle Studenten gemeinsam ein bis zwei Jahre die Grundlagen zu Farben, Grafik, Komposition sowie die Arbeit mit großen Formen und dem Raum.

Die Dozenten hielten die angehenden Künstler und Architekten dazu an, Materialien sinnvoll einzusetzen, den Raum rational zu nutzen und ihre Werke multifunktional zu gestalten. So waren WChUTEMAS-Studenten die ersten Architekten, die Modelle von ihren Gebäuden anfertigten und darüber hinaus den Baustil der Sowjetunion für lange Zeit prägten. Alles, was in den Ateliers entstand, geschah im Staatsauftrag. Wie etwa Propaganda-Textilien und illus-trierte Bücher über das richtige sowjetische Fest.

Schmiede der modernen russischen Kunst

Der Einfluss der WChUTEMAS auf die junge Sowjetunion war immens, ihre Geschichte ist bis heute aber weitgehend unerforscht. Denn lange Zeit wurde die Hochschule verdrängt und die Archive vieler Absolventen vernichtet. Ein weiteres Problem ist die schiere Größe. „Das Problem bei der Erforschung der WChUTEMAS ist, dass sie zu groß war, ihr deutsches Pendant Bauhaus hatte viel weniger Schüler“, sagt die Kuratorin Alexandra Seliwanowa. Mit der Ausstellung will das Museum Moskaus zeigen, wie breitgefächert die Schmiede der modernen russischen Kunst war. Und konzentriert sich dabei bewusst auf die eher unbekannten Absolventen.

Nach nur zehn Jahren beendete die sowjetische Führung das Experiment und löste die mittlerweile in WChUTEIN umbenannte Hochschule auf. Doch ganz in Vergessenheit geraten sind die Ideen der WChUTEMAS nicht. So bauen Architekten trotz moderner Computerprogramme immer noch Modelle von ihren Gebäuden, bevor sie errichtet werden. Und in Russland selbst stellten sich bereits nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten Hochschulen in die Tradition der WChUTEMAS. Heute sorgen in Moskauer knapp ein Dutzend Universitäten dafür, dass die Ideen und Methoden der Avantgardisten fortleben.

Daniel Säwert

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