Verwirrung und Gedenken

Endlich mal frei: Anfang November wird in Russland der Tag der Einheit des Volkes begangen und die meisten Arbeitnehmer können endlich mal durchatmen. Doch viele Russen wissen gar nicht, was der Anlass für den sehnlichst erwarteten Ruhetag ist.

Eine Tradition, die neuer ist, als sie aussieht: Proben für die Militärparade am 7. November /Foto: belchas.1prof.by

Ein kalter Tag Ende Oktober. Hunderte Soldaten marschieren im zackigen Gleichschritt über den Roten Platz. Eisiger Wind bläst ihnen erste Schneeflocken ins Gesicht. Sprecher preisen die Heldentaten der russischen Armee. Es sind Proben für eine in wenigen Tagen stattfindende Parade. Wofür hier aber genau geübt wird, scheint niemand zu wissen. „Ist das für den Tag der Einheit oder den Tag der Oktoberrevolution?“, wundern sich einige Jugendliche. „Wissen Sie, was hier los ist?“, fragt eine Touristin aus St. Petersburg ratlos.

Zwischen Marsch und Revolution

Die Verwirrung der Passanten ist verständlich. Denn die erste Novemberwoche wartet mit einem Wirrwarr historischer Daten und Feierlichkeiten auf, das die meisten Russen nicht durchblicken. So proben die Soldaten für eine Parade, die seit dem Ende der Sowjetunion am 7. November – dem früheren Tag der Oktoberrevolution – stattfindet. Doch mit dem längst abgeschafften Revolutionsfeiertag und dem Kommunismus hat der Aufmarsch nichts zu tun – er ist ein Erbe der wilden 90er Jahre. Frei bekommen die Russen allerdings schon etwas früher, am 4. November, dem sogenannten Tag der Einheit des Volkes. Dass kollektives Unwissen darüber herrscht, was Anfang November gefeiert wird, bestätigt eine Umfrage des Lewada-Zentrums von 2017. Demnach wussten nur 53 Prozent der Befragten, dass am 4. November der „Tag der Einheit des Volkes“ begangen wird. Ganze 23 Prozent hatten keine Ahnung, um welchen Feiertag es sich handelt. Weitere 13 Prozent tippten auf den Tag der Eintracht und Versöhnung und immerhin fünf Prozent auf den Tag der Oktoberrevolution – beides Feiertage, die einmal auf den 7. November fielen, heute aber nicht mehr offiziell begangen werden.

Konfusion im November

Seit dem Ende der Sowjetunion haben sich die Rituale rund um den früheren „Tag der Großen Sozialistischen Revolution“ mehrmals geändert. So blieb der 7. November zunächst weiterhin arbeitsfrei – erinnerte ab 1995 aber offiziell nicht mehr an die Oktoberrevolution. Stattdessen wurde nun mit einem militärischen Aufmarsch an die große Parade vom 7. November 1941 erinnert. Damals marschierten während der Schlacht um Moskau 28 000 Soldaten über den Roten Platz an Stalin vorbei – und direkt zur Front. Der Umdeutung folgte 1996 die Umbenennung in den Tag der Eintracht und Versöhnung. Acht Jahre später wurde der Feiertag dann endgültig abgeschafft. Die Parade allerdings blieb. Als Ersatz bekamen die Russen 2005 den Tag der Einheit des Volkes, der jedoch schon am 4. November begangen wird. Der arbeitsfreie Tag soll an die Befreiung Moskaus von polnisch-litauischer Herrschaft im Jahr 1612 erinnern und preist das harmonische Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen Russlands. Aber so richtig angekommen ist der Ersatztag bei den Russen nicht. Nur 18 Prozent begehen den 4. November, zeigt die Lewada-Studie. Fast genau so viele Befragte – immerhin 15 Prozent – feiern noch immer den Tag der Oktoberrevolution.

Die Mehrheit feiert nichts mehr

Die meisten Menschen ziehen aus dem Wirrwarr einen ganz einfachen Schluss: Rund 57 Prozent der Umfrage-Teilnehmer feiern Anfang November gar nichts mehr. Damit halten sie es so wie Studentin Nadja aus Moskau. Die Ersatzfeiertage und das Gedenken an die Oktoberrevolution sieht sie ziemlich skeptisch. „Sie ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte, mit deren Folgen wir immer noch konfrontiert sind“, erklärt die junge Frau. „Aber sie war sehr blutig und ich möchte nicht, dass sich solche Ereignisse wiederholen.“ Zwar finde sie es wichtig, bedeutende Daten und historische Persönlichkeiten zu kennen. „Aber feiern würde ich diese Tage nicht. Und ich kenne, ehrlich gesagt, auch niemanden, der das heute tut.“

Leonie Rohner

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