Mit Kampfpreisen gegen Aldi und Lidl

Die russische Unternehmensgruppe Torgservis will mit ihrer Discounterkette Mere den deutschen Markt erobern. Unter dem Motto „Tiefstpreise jeden Tag“ hat die erste Filiale in Leipzig eröffnet und bundesweit für Aufsehen gesorgt. Aber es gab auch gleich die ersten Probleme.

Hauptsache billig: Der Mere-Markt in Leipzig erinnert an deutsche Discounter, wie sie früher waren. © Patrick Volknant

Der Leipziger Bezirk Plaußig-Portitz, ganz am nordöstlichen Stadtrand, steht nicht oft im Rampenlicht. Wer sich vom Hauptbahnhof aus auf den Weg macht, kann beobachten, wie die stadttypischen prächtigen Altbauten nach und nach von einfachen Einfamilienhäusern, kleinen Industrieanlagen und Schrebergärten abgelöst werden. Direkt an der A14 liegt das Einkaufszentrum „Portitz-Treff“. Neben den bereits vertretenen Billigläden KiK und Tedi ist dort unlängst ein neues Geschäft eingezogen, dessen Eröffnung mit Spannung erwartet wurde.

Seit Ende Januar empfängt der erste russische Discounter in Deutschland unter dem Namen Mere seine Kundschaft, was ein großes Medienecho hervorgerufen hat. So mancher Besucher möchte schon von außen einen Blick durch die Ladenscheiben erhaschen. Doch zu sehen gibt es nicht viel: In einer großen, grell beleuchteten Halle stehen Paletten, auf denen sich Pappkartons, gefüllt mit Lebensmitteln, Haushaltswaren und Drogerieprodukten, stapeln. Liebevoll präsentiert wird den Kunden hier nichts. Genau das ist allerdings das Konzept des Discounters, welches stark an die Anfänge der erfolgreichen deutschen Ketten Aldi und Lidl erinnert. Um die Preise so niedrig wie möglich zu halten, spart Mere an der Ausstattung, wo es nur geht. Als Entschädigung gibt es dann beispielsweise 0,75 Liter Rotwein für 1,04 Euro oder Kaffee ab 1,97 Euro.

Leipzig soll erst der Anfang sein

Torgservis will mit dieser Taktik in eine Marktlücke stoßen, die von den deutschen Branchen-Größen in den letzten Jahren freigegeben wurde. Seit einiger Zeit haben es Aldi und Lidl mit hochwertigeren und teureren Produkten wie etwa Bio-Gemüse auf neue Kundschaft abgesehen. Dem dadurch vernachlässigten untersten Preissegment soll sich nun Mere widmen. Nicht zufällig versucht die Kette ihr Glück vorerst im einkommensschwachen Osten Deutschlands. Das erklärte Ziel ist es jedoch, mindestens 100 Läden im gesamten Land zu eröffnen. Eine zweite Filiale soll schon bald in Zwickau folgen.

Das Innere hat den Charme einer Lagerhalle. Trotzdem ist die Kundschaft zahlreich. © Patrick Volknant

Am Leipziger Standort ist der Andrang unterdessen groß. Zwei Tage nach der Eröffnung sind einige der Lebensmittelregale bereits leergeräumt, die Warteschlangen an den Kassen ziehen sich durch den ganzen Laden. Viele der Kunden sind durch die Presse und Social Media auf Mere aufmerksam geworden. „Wir haben gerade Leute getroffen, die extra aus Berlin hierhergefahren sind“, erzählt die 22-jährige Leipzigerin Angelina S. Sie hat über das Internet von dem neuen Laden erfahren. Zusammen mit ihrer Mutter Lena schiebt sie einen bis zum Rand mit Konserven, Getränken und Haushaltsmitteln gefüllten Einkaufswagen vor sich her. „An Wurst war schon fast alles ausverkauft“, bedauert Lena. Sie hat es aus dem russischen Rostow am Don nach Deutschland gezogen, nachdem sie ihren jetzigen Mann, einen Deutschen, kennengelernt hatte. Die beiden Frauen tätigen heute Einkäufe im Gesamtwert von 100 Euro.

Experten sehen Pläne skeptisch

Die niedrigen Preise sind das Hauptargument für die Kundschaft, doch auch die Herkunft der Produkte spielt eine Rolle. Neben Waren aus Deutschland und Mitteleuropa dominieren Importe aus Russland und Osteuropa. Was für die einen den Reiz des Neuen hat, erinnert andere an die alte Heimat.

Und auch Leute vom Fach schauen vorbei. Ein Litauer mittleren Alters ist hier, um für seinen Arbeitgeber einen Blick in den Mere-Markt zu werfen. Sein litauisches Unternehmen sieht in dem Laden einen potenziellen Vertriebs­ort für seine eigenen Produkte. Weil noch nichts offiziell ist, möchte er seinen Namen nicht nennen, gibt aber ansonsten bereitwillig Auskunft. „Ich war eigentlich wegen eines anderen Termins in Deutschland, als ich einen Anruf von meinem Chef erhalten habe“, berichtet er. „In Deutschland leben viele Menschen aus dem Baltikum. Das ist sehr interessant für uns.“

Nach eigenen Angaben betreibt Torgservis 928 Filialen in Osteuropa und Asien. Ob die für den deutschen Markt gegründete Tochter TS-Markt erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten. Wirtschaftsexperten zweifeln in den deutschen Medien größtenteils an, dass die Mere-Kette den Platzhirschen Aldi und Lidl wirklich gefährlich werden kann. Sie verweisen auf Zollkosten sowie die gescheiterten Versuche von Walmart aus den USA und dem französischen Intermarché, in Deutschland Fuß zu fassen. Mere hatte zum Start vor allem mit Lieferengpässen zu kämpfen. Nachdem bereits der Eröffnungstermin wegen verspäteter Zulieferungen verschoben wurde, musste der Discounter nach nur einer Woche für zwei Tage schließen, um seine Warenbestände aufzufüllen. Inzwischen ist der Laden wieder geöffnet, hat jedoch nach wie vor Schwierigkeiten, die Regale vollzuhalten.

Patrick Volknant

 

Außenseiter aus Sibirien

Nicht nur in Deutschland, auch in Russland fällt Torgservis mit seinem puristischen Billigkonzept aus dem Rahmen. Anders als die großen Ketten Pjatorotschka oder Magnit ist das Familienunternehmen mit seinen Läden namens Swetofor (Ampel) an wenig repräsentativen Standorten vertreten, wo die Mieten 40 bis 50 Prozent unter denen der Konkurrenz liegen. Die Gründung erfolgte 2009 im sibirischen Krasnojarsk, von dort wurde auch nach Zentralrussland expandiert, bis hin zur Moskauer Oblast (13 Läden). Die Unternehmensführung tritt kaum öffentlich in Erscheinung. Die Anteilsmehrheit hält Valentina Schneider, das Geschäft leiten angeblich ihre Söhne Andrej und Sergej.

 

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