Poesie und Beats

Von der sowjetischen Nische zur Massenkultur: Rap ist die populärste Musikrichtung unter russischen Jugendlichen. Eine Dokumentation zeigt nun die ganze Geschichte des jungen Genres im Riesenland.

Regisseur Roma Schigan hat 130 russische Rapper für seine Dokumentation interviewt. /Foto: httpc.files.bbci.co.uk

Wenn Roman Tschumakow an die frühen 90er Jahre denkt, fallen ihm vor allem dröhnende E-Gitarren und stampfende Disco-Rhythmen ein. „Diese Rocker in Lederhosen und kurzen Jacken und die Pop-Sänger, die damals durch den Äther liefen, konnten uns unterm Strich überhaupt nichts geben!“, erzählt der Moskauer Rapper, der sich als Künstler Roma Schigan nennt, mit noch immer schwer genervtem Blick. „Wir suchten nach neuen Wegen, um uns auszudrücken. Und genau da entstand Hip-Hop!“

Begeisterungsstürme im Kino

Die Erinnerung des mittlerweile 34-Jährigen steht ganz am Anfang des Dokumentarfilms „BEEF: Russkij Hip-Hop“, der seit Ende Januar bei russischen Rap-Fans für Begeisterungsstürme sorgt. Zur Premiere in Moskau rückten über 1700 Jugendliche an, die ersten Aufführungen in Städten wie Krasnodar und Rostow waren bereits nach kurzer Zeit ausverkauft. „Eine monumentale Arbeit!“, jubelte die Musikseite „rap.ru“ über Russlands ersten großen Hip-Hop-Film. Das Warten habe sich gelohnt.

Mit seinem Debüt hat sich Schigan viel vorgenommen. Er wolle den „ganzen Weg des russischen Hip-Hop, vom Underground bis in die riesigen Stadien“ zeigen, erklärt er zu Beginn des Films. Für diese Mission hat der Musiker keine Mühen gescheut und insgesamt 130 Rapper aus ganz Russland interviewt. Darunter legendäre Gründungsväter wie „Scheff“ (Wlad Walow), „Basta“ (Wassilij Wakulenko) und „Timati“ (Timur Junusow). Aber auch Vertreter der Neuen Welle wie „Oxxymiron“ (Miron Fjodorow), „Face“ (Iwan Drjemin) und der durch Konzertverbote und einen Kurzarrest bekannt gewordene „Chaski“ (Dmitrij Kusnjezow) treten vor der Kamera auf. „Das ist alles für die Geschichte“, erklärte Roma Schigan gegenüber der „Nascha Gaseta“. „Damit unsere Kinder, Enkel und Urenkel auch in 100 Jahren noch wissen, was wir gemacht haben.“

Leben wie ein Fernfahrer

Ganze sieben Jahre hat Roma Schigan an seiner Doku gearbeitet. „Ich hing dauernd am Telefon und musste herausfinden, welcher Künstler gerade wo ist“, erinnert er sich an die nervenaufreibenden Dreharbeiten. Oft hatten die Rapper wegen ausgedehnten Touren oder Urlaub keine Zeit für Gespräche. „Und wir mussten warten.“ Einmal sei er einem Interview zwei Jahre lang hinterhergelaufen. Gedreht wurde im ganzen Land. „Die erste Zeit habe ich wie ein Fernfahrer nur hinter dem Lenkrad verbracht, war viel mit Zügen und Flugzeugen unterwegs.“ Ein einjähriger Gefängnisaufenthalt des Regisseurs wegen Diebstahls zog die Arbeiten zusätzlich in die Länge.

Doch das Ergebnis rechtfertigt die lange Entstehungszeit. Über fast anderthalb Stunden kann der Zuschauer die Entwicklung des russischen Hip-Hops von der sowjetischen Nische bis zum Massenphänomen der späten 2010er Jahre verfolgen. Schigans Interview­partner erzählen von ihren ersten Kassetten und den tiefen Eindrücken, die amerikanische Gangster-Rapper wie Tupac Shakur mit ihren saftigen Kraftausdrücken bei ihnen hinterließen. „Das war ein tiefer Atemzug Freiheit“, so einer der Protagonisten.

Von der Nische zum Geschäftsmodell

Bis in die 2000er Jahre entwickelte sich die neue Musikrichtung zum Erfolgs- und Geschäftsmodell, wurde im Fernsehen und im Radio gespielt. Zwar geriet das Genre in der Folge in eine Krise und Kritiker prophezeiten bereits ein Ende des russischen Raps. Doch die Fans hielten ihren Idolen die Treue und so kam der Hip-Hop schließlich in der Epoche der Smartphones an und wurde zur aktuell beliebtesten Stilrichtung unter russischen Jugendlichen. Mittlerweile füllen die Rapper Stadien mit mehreren Tausend Menschen.

Filmkritiker Stanislaw Benezkij erklärt den gegenwärtigen Höhenflug des Rap mit der russischen Vorliebe für Poesie. „Es ist natürlich schwer zu vergleichen“, schreibt Benezkij in einer Kritik des Films für das Internetportal „taday.ru“, „aber die Basis von Gedichten, Rockballaden, den Liedern der russischen Barden und des Hip-Hop ist nun mal das Wort. Und das bedeutet Sinn und Gefühl!“

Birger Schütz

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