Olga Grigoriewa von Sterngoff Audit: „Russland ist offen für Investoren“

Ihr Urgroßvater war Revisor. Dinge zu prüfen und Fehler aufzudecken, liege also sozusagen in der Familie, sagt Olga Grigoriewa schmunzelnd. Die gelernte Ökonomin gründete vor sieben Jahren in Moskau ihre eigene Firma für Wirtschaftsprüfung und Steuer­beratung: Sterngoff Audit, spezialisiert auf ausländische, vornehmlich deutsche Kunden. Im Interview spricht sie über deren Sorgen, die Tücken der russischen Gesetzgebung, aber auch Chancen für internationale Investoren.

Frau Grigoriewa, zu den Kunden Ihrer Firma Sterngoff Audit gehören die russischen Töchter kleiner und mittelständischer deutscher Unternehmen, darunter namhafte wie Viessmann und Bogner. Warum gerade Deutschland?

Ich war mit elf Jahren das erste Mal in Deutschland. Damals ging ich noch in Brjansk zur Schule, wo ich aufgewachsen bin. 1991 konnte ich wegen guter schulischer Leistungen an einem Programm teilnehmen, das auf Michail Gorbatschow zurückging und mit den Kindern aus Regionen mit erhöhter Strahlenbelastung in Folge der Tschernobyl-Katastrophe die Möglichkeit erhielten, einen Monat in Berlin und Umgebung zu verbringen. Wir waren in deutschen Familien untergebracht, wurden aufgenommen, als gehörten wir dazu. Das waren tolle Eindrücke für mich. Vielleicht wollte ich deshalb nach meinem Studium in Moskau unbedingt etwas mit deutschen Firmen zu tun haben und habe sogar Angebote der renommiertesten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ausgeschlagen, stattdessen lieber erste Erfahrungen bei Görlitz  & Partner gesammelt und mich 2012 mit Sterngoff Audit selbstständig gemacht.

Wirtschaftsprüferin Olga Grigoriewa hat sich mit Sterngoff Audit auf dem russischen Markt etabliert. (Foto: Swetlana Bär)

Bald danach schlitterte Russland im Zuge der Spannungen mit der Ukraine und der westlichen Sanktionen in eine handfeste Wirtschaftskrise.

Unsere Firma hat sich gerade in dieser Zeit besonders intensiv entwickelt, was neue Kunden betrifft. Ja, viele Unternehmen haben das Land verlassen, aber andere sind hinzugekommen. Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass deutsche Investoren die Krise nicht abgeschreckt hat. Es wurden Kosten reduziert, auch Prämien. Aber unsere Kunden haben nicht vor, ihre Geschäfte hier aufzugeben.

Woher wissen Sie das?

Ich bin mit ihnen im Gespräch, von dem Moment an, wo sie den russischen Markt betreten. Das ist in der Regel mit großen Bedenken verbunden. Andererseits werden die Perspektiven des Marktes als vielversprechend bewertet. Russland ist ein großes Land, auf das in deutschen Unternehmen teilweise ein erheblicher Anteil des Umsatzes entfällt. Zumal die Russen deutsche Qualität sehr schätzen. Russland ist offen für Investoren, der Gesetzgeber tut viel in dieser Richtung. So wurden in den letzten Jahren Sonderwirtschaftszonen eingerichtet, in denen Steuervorteile greifen. Viele unserer Kunden haben sich in solchen Sonderwirtschaftszonen niedergelassen.

Olga Grigoriewa sieht Fortschritte bei der russischen Gesetzgebung für ausländische Investoren. (Foto: Yuri Terko)

Welche Probleme bringt das Russlandgeschäft mit sich?

Da wären in erster Linie Währungsrisiken zu nennen. Eine Spezifik Russlands besteht auch in der Notwendigkeit, jeden Vorgang in Papierform zu dokumentieren. Das bereitet Deutschen oft großes Kopfzerbrechen, besonders wenn auch der Generaldirektor ein Deutscher ist, vielleicht nur einmal im Monat vor Ort ist und dann einen großen Stapel an Schriftstücken vorfindet, die zu unterzeichnen sind. Ich muss deutschen Kollegen immer wieder erklären, dass in Deutschland eine Fabrik mit ein oder zwei Mitarbeitern in der Buchhaltung auskommt, es in Russland bei gleicher Größe aber sieben und mehr braucht. Zumal die Buchhaltung auch die Steuererklärung erstellen muss. Steuerberater in der Form wie in Deutschland gibt es in Russland nicht.

Was ist mit der berühmt-berüchtigten Korruption?

Damit waren wir in unserer Arbeit noch nie konfrontiert. Und unsere Kunden haben uns nichts dergleichen berichtet.

Wo sehen Sie sich und Sterngoff Audit in zehn Jahren?

Die Tendenz in der Branche geht zu großen Unternehmen. Wir werden also selbst wachsen oder uns einen Partner zur Fusion suchen müssen.

Das Interview führte Tino Künzel.

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