Moskaus ältestes Kino wiedereröffnet

Es gehört zu den ältesten Lichtspielhäusern der Welt. Nach einer aufwendigen Sanierung erstrahlt das Kino Chudoschestwennyj wieder in altem Glanz. Und setzt auf anspruchsvolle Filme.

Chudoschestwennyj
Kleinod am Arbat: das Kino Chudoschestwennyj (Foto: Kirill Sykow/ AGN Moskwa)

Es gibt wohl kaum einen Moskauer, der keine persönliche Geschichte über das Chudoschestwennyj  (das Künstlerische) erzählen kann. Meine beginnt an meinem zehnten Geburtstag. Als Geschenk nahmen mich meine Eltern mit nach Moskau. Nach einem langen Spaziergang ließen wir den kalten Novembertag in Moskaus ältestem Kino ausklingen. Der Saal mit seinen Balkonen, die roten Samtstühle – das Haus war für mich ein ma­gischer Ort. Als ich später zum Studium nach Moskau zog, wollte ich den Kinobesuch am Geburtstag zur Tradition machen. Immerhin kostete eine Karte für die Morgenvorstellung nur 50 Rubel (damals 1,20 Euro). Doch kurz darauf schloss das Kino für die Sanierung, die sich über viele Jahre ziehen sollte.

Der erste Betreiber war ein Deutscher

Als am 11. November 1909 ein französischer Stummfilm über die Leinwand lief, begann für Moskau das Kinozeitalter. Das Haus gehörte damals dem deutschstämmigen Albert Broksch, weshalb der Volksmund es auch Broksches Elektrotheater nannte. Der Unternehmer begeisterte sein Publikum nicht nur mit Filmen, sondern auch mit einem beleuchteten Brunnen im Foyer und einem Sinfonieorchester in den Pausen zwischen den Vorführungen. Die Moskauer waren so begeistert vom Chudoschestwennyj, dass das Kino schon ein paar Jahre nach der Eröffnung umgebaut und die Anzahl der Sitze auf 900 verdoppelt wurde. Verantwortlich dafür war der berühmte Architekt Fjodor Schechtel. 

Kurz nach der Revolution wurde das Chudoschestwennyj verstaatlicht und zum wichtigsten Vorführort des Staatlichen Komitees für Kinematographie der UdSSR (Goskino). Viele hochkarätige Premieren fanden hier statt. Wie Sergei Eisensteins Revolutionsfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ 1926. Als Werbung wurde damals ein Schiffsmodell an der Hausfassade angebracht. Ein erfolgreicher Schachzug, wie sich zeigte. Immer wieder hingen danach zwischen den beiden Eingängen Werbeplakate.

Ein Ort für Premieren und Filmliebhaber

Im Laufe der Zeit wurden sie zu einem der auffälligsten Symbole des Kinos. Auch der erste sowjetische Tonfilm „Der Weg ins Leben“ (1931) und der erste Farbfilm „Grunja Kornakowa“ (1936) wurden im Chudoschestwennyj dem Publikum präsentiert. Nach einem Umbau in den 1950ern wurde das Chudoschestwennyj schließlich zum Breitbildkino Moskaus. Die Leinwand war mit 14 Metern Breite fast dreimal so groß wie damals üblich.

Im neuen Russland war das Chudoschestwennyj vor allem wegen seiner Nachtvorstellungen beliebt, die regelmäßig bis zu 800 Filmliebhaber anlockten. Und das in einer Zeit, als in Moskau nachts kein Bus mehr fuhr. Schon damals war klar, dass das Kino eine neue Schönheitskur braucht. Die Entscheidung für die Sanierung zog sich jedoch über Jahre. Bis sich am 30. Januar 2014 die Vorhänge für ganze sieben Jahre schlossen. 

Sanierung zog sich viele Jahre

Immer wieder verzögerte sich das Datum der Wiedereröffnung. Zwischendurch standen die Arbeiten sogar still. Bis sich der Unternehmer Alexander Mamut, der bereits Erfahrung mit der Sanierung des Kinos Pionier hatte, der Sache annahm. Vor zwei Jahren kamen erneut Zweifel auf, ob die Stadt und die Bauherren es mit der Sanierung auch wirklich ernst meinen. Damals stand das Chudoschestwennyj ohne Dach und einen Teil der Fassade da. Viele Moskauer waren damals besorgt und befürchteten, dass das historische Gebäude einfach abgerissen wird.

Schließlich gab es mehr als genug Beispiele, in denen die Moskauer Bauwut keine Rücksicht auf die Moskauer Geschichte nimmt. Doch dem Chudoschestwennyj blieb solch ein Schicksal erspart. Man werde dem Kino wieder sein histo­risches Erscheinungsbild zurückgeben, beteuerte das Konstruktionsbüro Strelka. Und es hielt Wort. 

Am 9. April öffnete das Chudoschestwennyj wieder seine Türen für Besucher. Endlich, sagen viele Moskauer, die sich in den ersten Tagen nach der Eröffnung ein Bild machten, was aus dem Kino geworden ist. Das Haus ist ein „ästhe­tisches Vergnügen“, meint Jelisaweta Birjukowa, eine der ersten Besucherinnen, gegenüber der MDZ.

„Die Treppe im zentralen Foyer schafft eine Raumdynamik, alles ist in Art-Deco gehalten und Details wie Geländer sehr durchdacht. Im Innenraum verbinden sich harmonisch verschiedene Farben, Materialien und Motive, wie etwa die japanische Malerei an den Wänden und der Brunnen mit echten Pflanzen im Foyer“, erzählt Jelisaweta begeistert.

Dazu kommen ein Café, ein Restaurant und eine Bibliothek mit Büchern zur Geschichte des Kinos. Das Chudoschestwennyj soll zu einem Ort werden, an dem man gerne seine Freizeit verbringt. Und natürlich Filme schaut. Von morgens um neun bis nachts um drei werden in vier Sälen Filme mit künstlerischem Anspruch gezeigt.

So kann ich meine alte Tradition wieder aufleben lassen und an meinem Geburtstag schon morgens einen Film an einem ma­gischen Ort genießen. Auch wenn ich dafür heute etwas tiefer in die Tasche greifen muss. Aber 250 Rubel (3,15 Euro) sind mir das Wiedersehen mit dem Kino Chudoschestwennyj auf jeden Fall wert. 

Maria Bolschakowa

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