Raus aus der Stadt, rein ins Abenteuer

Moskau ist das Ah und Oh des Russland-Touristen. Glanz und Gloria, Pauken und Trompeten. Aber irgendwann beschleicht wahrscheinlich jeden Besucher das Gefühl, das wahre Russland fange dort an, wo die Standardtouren aufhören – draußen vor den Toren der Stadt. Von Tony kann man sich dorthin mitnehmen lassen.

Auf Abwegen: Der UAZ pflügt durch einen Fluss. © Emely Schalles

„Was denkt ihr, wie alt der Wagen ist?“, fragt Tony in die Runde, während er am Steuer seines UAZ-452 sitzt. Einer tippt auf 20 Jahre, ein anderer auf 25. In Wirklichkeit sind es nur acht Jahre. Aber der olivgrüne Militärtransporter, wegen seiner rechteckigen Form vom Volksmund „Buchanka“ (Brotlaib) getauft, wirkt eben tatsächlich wie aus einer anderen Zeit. In den 50er  Jahren wurde er als günstiger Alleskönner für die damals noch sowjetische Armee konstruiert und hat sich seitdem kaum verändert. Das gilt auch für die inneren Werte des so anspruchslosen wie widerstandsfähigen Fahrzeugs: Ein kahles Vierganggetriebe, eine verkabelte Armatur und eine spärliche Anzahl Sitze sorgen nicht gerade für Bequemlichkeit. Aber dafür vermittelt der UAZ ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer, zumal sich bei unserem Exemplar die unzähligen Offroad-Kilometer im robusten Blech verewigt haben.

Wir sind auf dem Weg ins Moskauer Umland. Anton Terentjew, für englischsprachige Gäste Tony, hat voriges Jahr das Familien­unternehmen Travel Real Russia gegründet. Der gelernte Arzt und seine Frau wollen Landsleuten und Ausländern ein Russland abseits von Touristen- und Kameramassen zeigen. Real Russia eben.

Getroffen haben wir uns an der Metrostation Domodedowskaja im Süden von Moskau. Die eigentliche Tour beginnt 40 Kilometer hinter der Stadtgrenze im Ort Domodedowo. Es soll quer durch den Wald über Stock und Stein gehen, mit einer Höhlenbesichtigung am Ende und einer original russischen Grillpause zwischendrin. An Bord ist unter anderem ein bärtiger Aus­tralier, der kurz vor seiner Abreise aus Russland noch etwas Besonderes erleben will. Auch zwei Russen mittleren Alters sind mit von der Partie. Sie schreiben Texte für ein Offroad-Magazin und interessieren sich besonders für den UAZ-452.

Unberührte Natur vor den Toren der Stadt

„Die Nacht über gab es Stark­regen, es wird also eine perfekte Schlammfahrt“, freut sich Tony, als wir den Wald erreichen. Im Kofferraum liegen für alle Fälle neben Reiserucksäcken auch Werkzeugkoffer und Abschleppseile in Tarnfarben bereit. Manchmal bleibt der Wagen für mehrere Stunden stecken, dann kommt die Ausrüstung zum Einsatz. Hilfe holen musste Tony noch nie, meist reicht die Kraft von zwei bis drei Männern aus, um den Kleintransporter wieder flott zu machen. Auf einer Wiese installiert er den gelben Frontschutzbügel, auch Kuhfänger genannt, welcher auf den Moskauer Straßen illegal ist.

In dem Gelände ist keine Menschenseele zu sehen, ein Stück unberührte Natur. Mit lautem Brummen startet der Motor. Durch die kleinen Schiebefenster weht der frisch gewaschene Wind herein. Im Birken- und Kiefernwald holpert unser Gefährt über die unbefestigten Wege, selbst abgeknickte Baumstämme und breite Pfützen stellen kein Hindernis dar, auch wenn jedes Erdloch für einen kurzen Schockmoment sorgt. Als ein Fluss in Sichtweite gerät, hält Tony unmittelbar darauf zu. Mit schnellem Anlauf durchqueren wir das Wasser an einer Furt. In frischem Dreck gebadet, kommt der Wagen am anderen Ufer zum Stehen, als sei nichts gewesen. „Er ist einfach unkaputtbar“, sagt Tony.

Der russische Jeep ist auch von größeren Unebenheiten nicht aufzuhalten. © Emely Schalles

Bei Travel Real Russia kann unsere heutige „Adventure Tour“ für 4500 Rubel pro Person gebucht werden. Tony hat jedoch noch viel mehr im Programm. Der Fremdenführer unternimmt mit Touristen mehrtägige Trips zu Orten wie Wladimir und Susdal, aber auch Expeditionen in die Eishöhlen der Arktis oder in die russische Tundra. Es sind die unterschiedlichsten Menschen, die neugierig auf solche Touren sind. Auch ein älteres Ehepaar oder zwei Frauen mit ihren Kindern waren schon dabei, erzählt Tony. Wenn die Leute Extra­wünsche haben, versucht er, darauf einzugehen. Zuletzt habe eine Gruppe von Europäern eine Route angefragt. Man wünscht sich Abenteuer, ohne jedoch auf Luxus verzichten zu müssen. Das Ergebnis ist eine mehrwöchige Tour – tagsüber Militärtransporter, nachts Fünf-Sterne Hotel.

Eine Höhle als Freizeit-Attraktion

Für uns ist Starosjanowo die nächste Station, ein Dorf jenseits des Waldes. Hier befinden sich die Sjany-Höhlen, ein ehemaliger Steinbruch. Zwei Jahrhunderte diente er dem Gesteinsabbau, bis er 1917 geschlossen wurde. 90 Jahre später entdeckten Anwohner das unterirdische Tunnelsystem wieder und bauten es zur Freizeit-Attraktion aus. Ein schmaler Trampelpfad führt zu einer kleinen Grube hinab, die von außen nicht viel vermuten lässt. Hinter einem mit Graffiti besprühten Holzschuppen versteckt sich ein Betonrohr. „Am besten ihr zieht euch die hier über“, rät Tony und verteilt Blaumänner und Stirnlampen, denn „da drinnen könnte es nass werden“.

Eine Metallleiter führt durch das Rohr zum ersten Innenraum, gesäumt von großen, glitschigen Steinbrocken. Augenblicklich wird es kälter, im Untergrund herrschen dauerhafte acht Grad. Durch einen engen Spalt geht es tiefer in die Höhle, die sich als außergewöhnlicher Kreativraum erweist. Zahlreiche verschleppte Verkehrszeichen reflektieren das Licht der Lampen. Der erste Gang wurde mit Schildern als Bushaltestelle ausgestaltet. An den Wänden befinden sich selbstgemalte Bilder. Die Höhlenwege sind so verzweigt, dass ein Ortsfremder sich sofort verlaufen würde. „Natürlich gibt es hier unten keinen Handy-Empfang. Und wenn dann auch noch die Batterien der Lampen schlappmachen, kommt es vor, dass Leute ein, zwei Tage festsitzen, bis sie jemand wiederfindet“, berichtet Tony.

Manche Ecken sind mit altem Spielzeug und Puppen dekoriert, nach dem Vorbild berühmter Horrorfilme. In anderen wurden kleine Wohnzimmer mitsamt Bänken, Tischen und Decken eingerichtet. Es gibt sogar Schlafnischen mit Matten. Auf einem alten Arbeitstisch haben Jugendliche einen Höhlengott erschaffen, bestehend aus Anzug, Stiefeln, Plastikschädel und Handschuhen. Er ist über und über mit Scherzopfergaben wie Quietscheentchen und Teelichtern verziert. Auch Höhlenpläne sind hier zu finden für jene, die sich verirrt haben. Insgesamt 800 mal 600 Meter misst das Tunnelsystem.

„Erholung von der Hektik da draußen“

Nur einige Holzschächte, alte Sägen und Schleifspuren erinnern an die Arbeit, für die der Steinbruch ursprünglich angelegt wurde. Alles andere ist heute ein großer Spielplatz. Tony schaltet die Lampen aus und lässt alle für ein paar Minuten im Dunkeln verharren. „Es gibt Menschen, die hier mit Schlafsäcken und Sandwiches auftauchen, nur um eine Nacht in der Stille zu verbringen, als Erholung von der Hektik da draußen“, flüstert er.

Endstation Höhle: Besucher haben Schilder von Bushaltestellen im Untergrund drapiert. © Emely Schalles

Hin und wieder trifft man andere Höhlen-Kraxler, die in Regenjacken und mit Taschenlampen unterwegs sind. Alle begrüßen sich untereinander wie Bekannte, die dasselbe verrückte Geheimnis teilen. „Meist komme ich mit meinen Tourteilnehmern tagsüber. An den Abenden, besonders am Wochenende, ist die Höhle nämlich sehr beliebt, da können gut 200 bis 300 Menschen hier unten sein“, erklärt Tony. „Sie hören Musik, trinken Bier und gestalten ihren persönlichen Lieblingsplatz. Je ausgefallener, desto besser.“ In den Sjany wurden bereits Galadinner veranstaltet, mit Blumendekor und in Butlerkleidung. Andere haben riesige Spinnennetze gebastelt, Schaukeln aufgehängt oder ein kabelloses Telefon aufgestellt. „Damit man nie vergisst, seine Mutter anzurufen“, grinst Tony.

Manchmal ersetzen Besucher das Licht der Stirnlampen durch Kerzen, so wie es früher die Arbeiter machen mussten. Dann erleuchtet der Kerzenschein die endlosen dunklen Gänge und spendet etwas Wärme. Nach einiger Zeit schmerzt der Rücken, für großgewachsene Leute können die niedrigen Steindecken anstrengend werden. Aber die Eindrücke entschädigen für vieles.

Für uns ist es so weit, den Rückweg anzutreten, vorbei am Höhlengott, dem Spielzeug, der Bushaltestelle. „Wann fährt unser Bus? Ich glaube, es wird Zeit“, witzelt Tony und klettert die Leiter nach oben.

Während die tiefrote Sonne bereits hinter den Hügeln von Starosjanowo versinkt, kehren wir nach Moskau zurück – mit dreckigen Händen, müden Knochen und knurrendem Magen. Insgesamt acht Stunden waren wir im wahrsten Sinne des Wortes „offroad“. Ein echtes Abenteuer, das nur einen Katzensprung von der Großstadt  auf Entdeckungslustige wartet.

Emely Schalles

 

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