Mein Moskau: Die Geschichte einer Annäherung

Liebe auf den ersten Blick sieht anders aus. So sehr sich der Architekt Ilja Alekminskij (65) aus dem Ural auch anstrengte, Moskau ins Herz zu schließen, er tat sich lange schwer mit der russischen Hauptstadt. Warum, das erzählt er hier – und auch vom Happy End nach über 40 Jahren.

Der 2017 eröffnete Sarjadje-Park im Schatten der Kreml-Kuppeln steht beispielhaft für den Wandel von Moskau zu einer „begehbaren“ Stadt. Er wurde anstelle des abgerissenen Hotels Rossija errichtet, des größten in Europa. Noch viel früher war dieses Filetstück am Ufer der Moskwa ein Handwerkerviertel. (Foto: Tino Künzel)

Diese Liebeserklärung an Moskau wurde zuerst in einer russischen Facebook-Gruppe mit dem Titel „Alte Städte und Dörfer“ veröffentlicht und rief dort ein lebhaftes, kontroverses Echo hervor. Der Text wurde mehr als 1200 Mal kommentiert. Die alteingesessenen Moskauer hätten ihn nicht geschont, sagt der Autor, jemand verglich ihn sogar mit Goebbels. Die MDZ publiziert den Beitrag mit Genehmigung des Autors auf Deutsch. Ilja Alekminskij, inzwischen im Ruhestand, lebt heute mit seiner Familie in „Neu-Moskau“, einer ländlich geprägten Gegend südwestlich des traditionellen Moskauer Stadtgebiets. 2012 wurde sie eingemeindet.

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Vor einiger Zeit bin ich eine Verwandte abholen gefahren, um sie mit auf die Datscha zu nehmen. Sie ist eine geborene Moskauerin, jenseits der 70, sie kennt die Stadt und ihre Einwohner aus dem Effeff, kann viel Interessantes darüber erzählen. Schon ihr ganzes Leben wohnt sie im Stadtzentrum. An den historischen Orten, die andere bei Führungen besichtigen, kam sie vorbei, wenn sie in den Kindergarten, in die Schule, in die Uni ging. Dann die Heirat, Kinder. Alles spielte sich im Herzen von Moskau ab.

Ich habe zunächst meine Enkeltochter ins Theaterstudio gebracht, danach blieben mir an diesem sonnigen und warmen Septembertag vier Stunden für Moskau. Das Studio befindet sich um die Ecke vom Alten Arbat, in dessen Nachbarschaft mich eine Fülle interessanter Orte in den Sträßchen und Gässchen erwartete. Ich hängte mir den Fotoapparat um den Hals und machte mich auf, Moskau zu erkunden.

Als die Zeit ran war, lud ich die Moskauerin und die Enkelin ins Auto und wir fuhren auf die Datscha, quer durch die Mos­kauer Innenstadt mit den schönsten Flecken, die es dort gibt. Ich sitze also am Steuer und bin schwer begeistert. Wie gefällt ihr das rund­erneuerte Moskau, will ich von der Moskauerin wissen? „Ich verstehe Moskau nicht mehr“, antwortet sie betrübt. „Es ist mir fremd geworden. Als ob es seine Seele verloren hätte. Ich würde sagen, man hat es verdorben.“

„Das ist nicht mehr mein Moskau“

Davor hatte ich bereits Alexander Schirwindt (Anm. d. Red.: bekannter russischer Schauspieler und Regisseur) sagen hören: „Alles, was mich heute umgibt, ist anders. Das ist nicht mehr mein Moskau. Das sind nicht mehr meine Höfe. Die Gesichter sind mir fremd. Höchstens auf den Arbat, in der Gegend der Schtschukin-Theaterhochschule, verirrt sich manchmal noch die eine oder andere vertraute Alte und schaut sich um, wo man dort Brot kaufen kann. Nirgends. Ringsum Boutiquen. Die Stadt, wo ich mein Leben gelebt habe, existiert nicht mehr.“

Ich kann das ja teilweise sogar verstehen. Den Menschen ist die Stadt ihrer Jugend abhandengekommen. Der Riss in der Wand des Hauses, wo ihre Kindheit verlief, war ihnen irgendwie ans Herz gewachsen. Jetzt hat man den Riss verputzt und es ist nichts mehr davon zu sehen. Der schiefe Torbogen im Hof, wo sie sich zum ersten Mal küssten, bedeutete ihnen ein Stück Heimat. Der Bogen wurde ausgebessert, jetzt ist er gerade, aber nicht mehr der alte. Dabei war er Zeuge eines solchen Groß­ereignisses gewesen. Der bröckelnde Pfeiler indes … Und so weiter.

Aus emotionaler Sicht ist das nachvollziehbar. Aber soll Moskau etwa nicht leben, sich wandeln? Seine Fassade mag sich nicht ändern, aber aufpoliert werden muss sie unbedingt. Und innerlich darf eine Stadt nicht auf der Stelle stehen.

Moskauer Metrostationen – hier Tschistyje Prudy – wurden in den letzten Jahren von den Marktbuden befreit, die sich mit der Zeit um sie herum angesammelt hatten. Nun kommen sie wieder, wie nach Ausgrabungen, in alter Schönheit zur Geltung. (Foto: Tino Künzel)

Jede Epoche diktiert ihre Regeln. Es ist noch gar nicht lange her, da sollten breite Prospekte, in Asphalt gegossen, von der Macht des Staates zeugen. Dass es dort kaum Verkehr gab, war egal. Heute hat sich die Stadt dem Fußgänger zugewandt. Und auf einmal zeigt sich: Die Moskauer gehen gern spazieren.

Auf Facebook habe ich unlängst einige Architekturgruppen abonniert, allen voran „Archnadsor“ (Anm. d. Red.: Bewegung zum Schutz des Architekturerbes). Seitdem werde ich geradezu überschüttet mit Nachrichten in der Tonlage von „Achtung, Achtung!“ bis zu „Wir müssen Moskau vor der Zerstörung durch die Barbaren retten!“. Jede Nachricht ist ein Aufschrei, dass Moskau dem Untergang geweiht ist, dass nichts mehr so ist wie früher.

Ich habe in Moskau von 1975 bis 1982 an der Architekturhochschule (MArchI) studiert. Die Kunstgeschichte, die Architekturgeschichte, die Atmos­phäre am Institut, meine provin­zielle Herkunft – all das war geradezu Verpflichtung, ins hauptstädtische Leben einzutauchen. Ich gab mir Mühe, diverse Ausstellungen zu besuchen, an Führungen teilzunehmen, mir die in Büchern beschriebene Schönheit zu erschließen und die einmaligen Proportionen von Gebäuden zu bewundern, an denen Schildchen warnten, dass sie unter dem Schutz des Gesetzes stünden. Doch mir fiel es schwer, hinter den heruntergekommenen, rissigen, weiß der Gott wie gestrichenen Wänden das Wesen dessen zu erkennen, was hier schützenswert war. Und der Rest sah noch schlechter aus.

Dauerlauf statt Spazierengehen

Ich kam aus einer kleineren Stadt, die von der Hüttenindus­trie geprägt war und wo die Häuser jedes Jahr gestrichen wurden. Ohne Übertreibung! Mich, den Provinzler, erstaunte, wie ungepflegt die wichtigste Stadt des Landes war. Damals ging niemand spazieren, man bewegte sich nur von A nach B. Moskau bot keine Voraussetzungen zum Spazierengehen, also zur langsamen Fortbewegung. Die Menschenmassen auf den Bürgersteigen legten ein irres Tempo vor, bei dem mithalten musste, wer nicht niedergetrampelt werden wollte. Den Kopf zu heben und das Potenzial der Hauptstadt zu begutachten, war unmöglich. Auf den engen Bürgersteigen musste man aufpassen, nicht über den brüchigen Asphalt zu stolpern und sich das Bein zu brechen.

Abends war die Stadt dagegen wie ausgestorben, sowohl im Zentrum als auch an den Rändern. Manchmal wurde es echt verrückt. Zu meiner Studentenzeit konnte ich es mir nicht leisten, in Gaststätten zu gehen. Aber als ich mit einem Kumpel einmal spät aus dem Moskauer Umland in unser Wohnheim zurückkam, waren wir so hungrig, dass wir uns sogar in Unkosten gestürzt hätten, um etwas zu essen. Doch Sie werden es nicht glauben: Die wenigen Lokale, die Moskau als Hauptstadt zu bieten hatte, waren um 23 Uhr entweder schon geschlossen oder überfüllt. Wir legten uns mit leerem Magen schlafen. Kann man sich so etwas heutzutage noch vorstellen? Moskau ist zu einer freundlichen Stadt geworden. Das zu bestreiten, wäre unfair.

Ich habe sieben Jahre in Moskau gelebt. Ich habe hier geheiratet, hier wurde meine Tochter geboren, hier ging sie in den Kindergarten. Ich lernte Moskau nicht nur aus der Perspektive des Betrachters kennen, sondern von innen. Ich unternahm alles, damit wir einander gefielen. Doch Moskau stieß mich zurück und ich konnte die Stadt nicht liebgewinnen. Nach dem Studium ging ich mit meiner Familie nach Hause zurück, in den Ural.

Unrühmliche postsowjetische Jahre

Doch wer einmal hier gelebt hat, den lässt Moskau nicht so einfach wieder los. Eine solche Magie wohnt Hauptstädten inne. Wir kamen wieder nach Moskau und unsere Kinder traten in unsere Fußstapfen. Aber es war bereits das postsowjetische Moskau, das Moskau von Luschkow (Anm. d. Red.: Moskauer Bürgermeister von 1992 bis 2010). Und wenn mich Moskau früher einfach kaltließ, ich aber immerhin Achtung für die Hauptstadt empfand, so verlor ich in den 1990er Jahren jegliche Hoffnung, dass diese Stadt jemals zu meiner Stadt werden könnte.

Was Moskau in der Luschkow-Zeit angetan wurde, wie es zugerichtet und verschandelt wurde, ist bisher noch gar nicht recht ins Bewusstsein vieler Bürger gedrungen. Mit der Zeit wird diese Hinterlassenschaft immer offener zutage treten und an bittere Zeiten der Unkultur erinnern. Wenn man das Erbe heute nicht abreißt, dann steht es noch hundert Jahre bis zum völligen Verfall. Denn restaurieren wird es garantiert niemand wollen.

Aber zurück zum Heute. Egal, wie viele Jahre man schon auf dem Buckel hat, ist man doch jedes Mal wieder verblüfft, wie radikal sich in kürzester Zeit selbst das Gesicht einer gesamten Großstadt verändern lässt, wenn das Ziel klar ist. Ich lasse hier persönliche Bereicherung, Korruption, Vetternwirtschaft und andere Seuchen unserer Zeit außen vor. All das lehne ich entschieden ab. Aber man muss schon anerkennen, dass sich Moskau zu einer Stadt mausert, an der man sich kaum sattsehen kann und deren Schönheit man bejubeln möchte. Das ist so ähnlich wie bei einer verstaubten Fotografie, auf der plötzlich bisher verborgene Details zum Vorschein kommen. Die Stadt reinigt sich, putzt sich heraus und präsentiert sich frisch und attraktiv.

„Ich liebe Moskau“-Installation in einem Moskau Park (Foto: Tino Künzel)

Durch Moskau zu laufen, ist heute ein wahres Vergnügen. Praktisch alles wurde entweder erneuert oder in Ordnung gebracht. Moskau kann sich sowohl aus Fußgängersicht wie aus dem Auto heraus sehen lassen.

Ich bin – endlich – glücklich, in meinem unmittelbaren Blickfeld mit dieser riesigen Metropole eine Umgebung vorzufinden, in der ich mich äußerst wohlfühle und von der man ständig etwas Neues, Bedeutendes erwartet. Ich bin glücklich, nicht länger eine von allen guten Geistern verlassene Hauptstadt sehen und mich um ihre Zukunft sorgen zu müssen. Meine mehr als 40-jährige Beziehung zu Moskau hat ein Happy End gefunden: ICH LIEBE MOSKAU!

Das heißt nicht, dass ich alles toll finde, was an Restaurierung und Instandhaltung passiert, wie man die Häuser streicht und wie man sie gestaltet. Aber der Effekt dessen, was sich getan hat, ist offensichtlich, nach so vielen Jahren der Verwahrlosung. Wer das nicht sieht, ist entweder blind oder generell nicht bereit, Gutes zur Kenntnis zu nehmen.

Übersetzung: Tino Künzel

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