Mehr als eine Schule: 30 Jahre DSM

Am 3. Oktober jährte sich nicht nur die deutsche Wiedervereinigung zum 30. Mal, sondern auch der Vollzug einer pädagogischen Einheit im fernen Moskau. Hier wurde vor 30 Jahren die Deutsche Schule Moskau geboren. Wie alles begann und was die Schule heute ausmacht – im folgenden Text erzählt sie über sich selbst.

Kind der Wiedervereinigung: Die DSM entstand durch die Zusammenlegung zweier deutscher Schulen. (Foto: Deutsche Schule Moskau)

Bis zur Wiedervereinigung Deutschlands gab es in Moskau zwei deutsche Botschaftsschulen: eine kleine westdeutsche Schule im Zentrum der Stadt mit ungefähr 100 Schülern und eine fünfmal so große ostdeutsche Schule mit einem weitläufigen Campus im Südwesten. Mit der deutschen Einheit fielen am 3. Oktober 1990 nicht nur die Liegenschaften der vormaligen DDR-Botschaft am Leninskij Prospekt unter die Kontrolle der nunmehr gesamtdeutschen Botschaftsverwaltung, gleiches galt auch für das dazugehörige Wohngebiet mit seinen 380 Wohnungen am Prospekt Wernadskogo und das dortige Schulgelände. Es wurde nun zum Standort der vereinigten Deutschen Schule Moskau (DSM).

Kurzer (und sicherer) Schulweg

Die Botschaftsschule fällt ebenso unter die Wiener Konvention für diplomatische Beziehungen von 1961 wie das angrenzende Wohngebiet. Die Nähe zu den Bildungseinrichtungen und das hohe Maß an Sicherheit ermöglichen es sogar Erstklässlern, sich ohne Begleitung auf den Weg zur Schule zu machen. Dieses selbst in Deutschland seltene Privileg ist keinesfalls selbstverständlich für andere Metropolen Europas und der Welt.

Das Ziel der Schulgemeinschaft ist es, einen sicheren, einladenden Ort zu schaffen, an dem jedes Mitglied individuell nach seinen Interessen und Bedürfnissen lernen und sich entwickeln kann. Kinder von Mitarbeitern der deutschen und anderer Botschaften sind ebenso willkommen wie Kinder von Kulturmittlern, Angestellten internationaler Unternehmen oder Geschäftsleuten. An der Schule erwartet sie ein einzigartiges, umfassendes pädagogisches Angebot, bestehend aus einem Kindergarten, einer Grundschule, einer weiterführenden Schule sowie einem angeschlossenen Hort und Jugendclub. Der Unterricht ist an den Lehrplan des Bundeslandes Thüringen angelehnt.

Die Hauptsprache über alle Abteilungen hinweg ist Deutsch. Die altersgemäße Beherrschung der Sprache ist ein Hauptaufnahmekriterium der Schule. So ist es keine Überraschung, dass viele Kinder russischer Herkunft bereits im Kindergartenalter angemeldet werden, sämtliche Stationen ihrer Schulkarriere hier durchlaufen und am Ende stolz ihr Abiturzeugnis in Händen halten, welches sie zum Studium an jeder deutschen Hochschule berechtigt.

Schülerzahl kleiner als 2008, größer als 2015

Der bereits 1961 gebildete Schul- und Kindergartenverein kümmert sich in enger Abstimmung mit der Deutschen Botschaft und dem Schulleiter um die finanziellen, personellen, rechtlichen und strategischen Belange der Schule. Seit 2017 ist Stephan Fittkau, ein erfahrener deutscher Expat, Vorsitzender des siebenköpfigen Vorstands und sorgt mit dem nötigen Know-how im Bereich der Unternehmensführung für Stabilität auch in schwierigen Zeiten. 2015 gab es einen grundlegenden Wechsel an der Spitze der DSM. Den päda­gogischen Bereich verantwortet seitdem Schulleiter Uwe Beck, während alle nicht-pädagogischen Bereiche vom Geschäftsführer Markus Mayer gemanagt werden.

Viele ungünstige Faktoren wie etwa ein sinkendes Wirtschaftswachstum, Sanktionen oder der Wertverlust des Rubels ließen die Schülerzahl von 600 im Jahr 2008 auf 470 im Jahr 2015 fallen. Heute sind es wieder 515 – aufgrund der Coronakrise 20 weniger als vor einem Jahr.

Um die Erfolge und Fortschritte der letzten fünf Jahre zu erreichen, bedurfte es einer großen Anstrengung aller am Schulleben beteiligten Personen. Im pädagogischen Bereich hatte die Anwerbung von qualifizierten Lehrkräften, insbesondere für die Grundschule und die naturwissenschaftlichen Fächer, und die fortlaufende Optimierung der pädagogischen Qualität in Kindergarten und Schule oberste Priorität. 2017 und 2018 wurde die Schule mit einem modernen Naturwissenschaftsbereich sowie einer brandneuen Cafeteria und Schulküche ausgestattet. Gleichzeitig wurde ein bisher ungenutzter Teil des Schulkellers in einen 2000 Quadratmeter großen Multifunktionsbereich verwandelt, der nun als Jugendclub oder als Kreativraum zur Verfügung steht.

„Heiliger Doktor“ als Namensgeber

Die Deutsche Schule Moskau spielt eine wichtige Rolle im interkulturellen Leben der deutschsprachigen Gemeinschaft in Russland, aber auch für die deutsch-russische Begegnungskultur. Die Schulgemeinschaft ist stolz darauf, das Werk ihres Namensgebers Dr. Friedrich Joseph Haass durch zahlreiche Wohltätigkeitsprojekte und -veranstaltungen in der Gegenwart fortzuführen.

Geboren 1780 in Münstereifel und gestorben 1853 in Moskau, widmete Haass sein Leben dem Ziel, das russische Strafgefangenensystem menschlicher zu gestalten, und verwendete sein gesamtes Vermögen für die Gründung und den Betrieb eines Krankenhauses für Obdachlose. Die katholische Kirche hat mittlerweile ein Seligsprechungsverfahren für den „Heiligen Doktor von Moskau“ in die Wege geleitet. In Moskau ist die Straße, die an der Deutschen Schule entlangführt, nach ihm benannt.

Schulleiter Uwe Beck schneidet die Geburtstagstorte an. (Foto: Deutsche Schule Moskau)

Die DSM sieht es als ihre Aufgabe, die gemeinsam erlebte Geschichte der beiden Länder als ständiges Thema im und außerhalb des Unterrichts zu betrachten. Eines der am meisten beachteten Projekte trägt den Namen „Erinnern, Gedenken, Versöhnen“ und beschäftigt sich mit den Ereignissen rund um die Schlacht von Rschew, bei der 1942 und 1943 mehr als eine Million Menschen auf beiden Seiten starben oder verwundet wurden. Das Projekt erregte sogar internationale Aufmerksamkeit, als der russische Präsident Wladimir Putin 2016 den Teilnehmern an der DSM einen Besuch abstattete.

Als Ergebnis der vielfältigen historischen Verflechtungen wird eine deutsche Schule in Russland wohl immer mehr als nur eine Schule sein. Die Deutsche Schule Moskau wurde für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet und trägt seit Jahren das Siegel „Exzellente Deutsche Auslandsschule“. Auch im internationalen Netzwerk deutscher Auslandsschulen genießt sie einen hervorragenden Ruf.

Erste russische Schülerin: Heute lebt sie in London

Russische Kinder an der Deutschen Schule? Das war längst nicht immer so selbstverständlich, wie es heute ist. Der Moskauer Igor Kisseljow sorgte einst für ein Novum, als er 1992 seine Tochter an der DSM anmeldete. Die MDZ hat mit ihm gesprochen.

Ihre Tochter war die erste DSM-Schülerin mit russischem Hintergrund. Wie kam es dazu?

Ich bin Germanist und Übersetzer, habe in der DDR gearbeitet, in Polen. Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre war ich in Warschau tätig und Mascha ging in dieser Zeit in den Kindergarten der DDR-Botschaft, dann in die erste Klasse der Schule. Sie sprach fließend und akzentfrei Deutsch. Als wir nach Moskau zurückgekehrt sind, war mir daran gelegen, dass sie weiter Deutsch auf muttersprachlichem Niveau lernt.

Und da haben Sie sich an die Deutsche Schule gewandt.

Ja. Man lud uns zu Vorgesprächen ein. Die Schule erschien mir damals wie eine Oase in dieser düsteren Zeit Anfang der 1990er Jahre. Hell und sauber, alles war sehr vernünftig organisiert, das Büro von Schulleiter Heiner Zeller machte einen viel freundlicheren Eindruck, als ich das von russischen Schulen kannte. Aber der erste Anlauf schlug fehl. Ich bin Herrn Zeller bis heute dankbar, dass er sich sehr für die Aufnahme von Mascha eingesetzt hat und es dann doch noch klappte.

Zum Ehemaligen-Treffen an der Deutschen Schule Moskau aus Anlass des 30. Jahrestags des Mauerfalls im vorigen Jahr war auch Igor Kisseljow eingeladen, auf dem Gruppenfoto ist er ganz vorn links zu sehen. Neben ihm: der erste DSM-Schulleiter Heiner Zeller. (Foto: Deutsche Schule Moskau)

Wie war die Schulzeit?

Mascha hat sich an der Schule sehr wohlgefühlt. Sie hatte einen großen Freundeskreis, mit einigen steht sie bis heute in Verbindung. Dass sie Russin ist, hat keinen Unterschied gemacht, sie gehörte einfach dazu. Am Ende stand das Abitur.

Was macht Ihre Tochter heute?

Sie hat in Nürnberg BWL studiert, in München für Clarins und Lego im Marketing gearbeitet, dort auch geheiratet. Mit ihrem Mann ist sie nach Afrika gegangen, heute lebt die Familie in London. Mascha hat dort wiederum leicht Arbeit in einem internationalen Unternehmen gefunden.

Die Deutsche Schule Moskau hat sich als Sprungbrett erwiesen.

Absolut. Mascha steht die gesamte Welt offen. Die Schule hat ihr den Start in dieses Leben ermöglicht.

Das Interview führte Tino Künzel.

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