Wie Raffael eine Brücke zwischen Russland und dem alten Europa schlägt

Bis zum 11. Dezember kann man in Moskau versuchen, eine der begehrten Eintrittskarten für die erste Ausstellung des Renaissance-Genies Raffael in Russland zu ergattern. Lesen Sie, wie dessen „leidende Schwärmerinnen“ Moskau mit Dresden und Florenz verbinden.

Raffaels „Madonna del Granduca“ in Moskau / RIA Novosti

Raffaels „Madonna del Granduca“ in Moskau / RIA Novosti

Lilja Spiridonowa hat es geschafft. Der Besuch der Galerie der Alten Meister in Dresden stand ganz oben auf der Liste der Ärztin aus Moskau. Umringt von Andachtsbildern, kann sie die Augen von Raffaels Sixtinischen Madonna nicht abwenden. Zu sehr steht sie im Bann des Gemäldes. „Bei all der Traurigkeit, die ihre Augen verraten, strahlt sie eine Ruhe aus, als ob sie weiß, was auf sie zukommt“, sagt Spiridonowa nachdenklich.

Doch die Russin ist nicht die einzige Besucherin, die vom Renaissancemaler fasziniert ist. Ihre Landsleute haben ein besonderes Verhältnis zu Raffaels Madonna. „Sie ist eine Ikone“, sagt Andreas Henning von der staatlichen Kunstsammlung Dresden. Die Beliebtheit des Bildes sei nicht nur auf das handwerkliche Können des Malerfürsten zurückzuführen. „Sie hat einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis“, erklärt der Raffael-Experte. Verantwortlich für diesen Kult sei die Reisefreudigkeit russischer Dichter seit dem 18. Jahrhundert gewesen.

Von Schukowskij über Puschkin hin zu Dostojewskij wurde die Sixtina als religiös-ästhetische Offenbarung verehrt. Ihr seelenvoller Ernst und ihre antike Schönheit wirkte besonders stark auf den Autor des Meisterwerks „Verbrechen und Strafe“. In seinem Arbeitszimmer in St. Petersburg hing eine Reproduktion der „leidenden Schwärmerin“. Damit Dostojewskij nicht an der Menschheit verzweifle, heißt in einer überlieferten Anekdote. So betrachtet, bekommt sein berühmter Satz: „Die Schönheit wird die Welt retten“ aus dem Roman „Der Idiot“ eine neue Bedeutung. Es war wohl die Anziehungskraft der Madonna, die ihn zu diesem Satz inspirierte.

Wie eng die Liaison zwischen Russland und Italien ist, erzählt die aktuelle Ausstellung „Raffael. Poesie des Bildes“ im Puschkin-Museum, die in Kooperation mit der Galerie der Uffizien in Florenz entstanden ist. Zwischen acht ausgestellten Gemälden und drei Zeichnungen tauchen Verse russischer Dichter und Denker wie auch italienischer Zeitgenossen auf. Diese Zeugnisse lenken die Aufmerksamkeit auf das, wofür Raffael so bewundert wurde. Es ist die Suche nach dem Selbstbewusstsein des Menschen, das in den Porträts des Malerfürsten der Renaissance zum Vorschein kommt. „Wir sehen im Antlitz absolut lebendige Menschen. Die Figuren sind ruhend abgebildet, aber ihre Seele regt sich, sie denken nach“, erklärt der Leiter der Galerie der Uffizien, Eike Schmidt, auf der Eröffnungsfeier der Ausstellung.

Die Leihgaben stammen vornehmlich aus Florenz. Und die Trennung von Meisterwerken wie „Madonna del Granduca“ oder Raffaels Selbstporträt dürfte den Italienern nicht leicht gefallen sein. Schließlich handelt es sich bei diesen Bildern um Visitenkarten des Museums. Obwohl auf den ersten Blick nur eine überschaubare Anzahl von Raffaels Werken die Reise nach Moskau antreten durfte, handelt es sich um die bisher größte Raffael-Ausstellung in Russland. Nach Angaben des italienischen Botschafters in Moskau, Cesare Maria Regaglini, wird es in den nächsten fünf Jahren sogar weltweit keine größere geben. 2020 gedenkt Italien des 500. Todestags Raffaels. Spätestens dann wird wohl kein italienisches Museum so leicht seine Meisterwerke hergeben.

Die Blockbuster-Ausstellung in Moskau ist ein Beispiel für den interkulturellen Dialog, der trotz der politischen Eiszeit Früchte trägt. Dass die Zusammenarbeit russischer Museen mit europäischen Kollegen positiv ausfällt, bestätigt auch die Leiterin des Deutsch-Russischen Museumsdialogs, Britta Kaiser-Schuster. „Wir erleben eine große Offenheit und Interesse seitens russischer Museen.“ Beispielhaft für diesen Dialog sind Ausstellungs- und Forschungsprojekte wie „Die Cranach-Familie – Zwischen Renaissance und Manierismus“, das zwischen dem Puschkin-Museum und der deutschen Stiftung Schloss Friedenstein Gotha entstanden ist. „Es ist ein schönes Ergebnis“, sagt Kaiser-Schuster. „Wir würden uns freuen, wenn mehr solcher bilateraler Kooperationen entstehen“.

Raffaels Sixtina verbindet den Osten mit dem Westen. Sie hing ganze zehn Jahre als Kriegstrophäe im Puschkin-Museum. Damals pilgerten etwa 1,5 Millionen Sowjetbürger nach Moskau, um sie zu sehen, bevor es hieß: Doswidanja! Denn 1955 kehrte Raffaels Madonna an ihren ursprünglichen Ort, in die Galerie der Alten Meister nach Dresden, zurück. Verliehen wird sie nicht mehr. „Jeder Besucher in Dresden kann sich darauf verlassen“, erklärt Andreas Henning.

Nun hat das russische Publikum wieder die Möglichkeit, Raffaels Werke im Puschkin-Museum zu bestaunen. Rund 2500 Menschen machen davon täglich Gebrauch, so eine Sprecherin des Museums. Die Ausstellung sei so gefragt, dass alle Online-Tickets für September und Oktober restlos ausverkauft seien.

Katharina Lindt

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