Legendäre Tatra-Trams in Moskau: Tschechen auf dem Rückzug

Über ein halbes Jahrhundert lang prägten sie das Bild der Moskauer Straßenbahn. Jetzt verabschieden sich die Wagen der Reihe Tatra T3SU langsam aber sicher von den Gleisen der Hauptstadt.

Tatra in Moskau
Auf der Linie 23 in Nordwesten kann man noch mit Tatras fahren. (Foto: Jiří Hönes)

In sozialen Medien wurde Anfang September schon das sichere Ende verkündet. „Heute ist der letzte Tag der Tatras in Moskau“ hieß es in einer Gruppe auf Facebook. Tatras, so heißen die klassischen Straßenbahnwagen aus tschechoslowakischer Produktion, die seit den 1960er Jahren auf Moskaus Gleisen unterwegs sind. Tatra T3SU ist die genaue Bezeichnung des Modells mit der eleganten runden Front, das für viele das Gesicht der Moskauer Straßenbahn schlechthin ist.

Ganz so wild war es dann doch nicht, es fahren noch immer Tatras durch Moskau. Vielen Fans steckt wohl noch der Schock vom letzten Jahr in den Knochen, als der Trolleybus über Nacht von Moskaus Straßen verschwand. Die Verkehrsbetriebe Mosgortrans hatten damals kein Wort darüber verloren, lediglich einige Fahrer hatten die Info durchsickern lassen.

Die letzten Tatras fahren im Nordwesten

Wer nun allerdings in der Moskauer Innenstadt noch einen der Tram-Veteranen aus Prag erwischen will, der braucht extremes Glück. Nur eine Handvoll Wagen sind auf dem dortigen Netz verblieben, hin und wieder taucht einer beim Belarussischen Bahnhof auf. Ihr letztes großes Refugium haben die Tschechen weit draußen im Nordwesten der Stadt beim Depot Krasnopresnenskoje in Strogino. Von dort aus kommen noch etwas über 80 Wagen regelmäßig zum Einsatz.

Mittlerweile gaben die Verkehrsbetriebe bekannt, dass die Tatras wohl noch bis Ende 2022 in Betrieb bleiben. Ob das allerdings wirklich so kommt, dafür würde Sergej Alexandrow seine Hand nicht ins Feuer legen. Der Student ist Straßenbahnliebhaber und betreibt einen Kanal auf Instagram. Er hält es für denkbar, dass sie auch schneller verschwinden werden, wie er gegenüber der MDZ sagt. „Doch der Moskauer Tatra hat das Potenzial, am Ende doch wieder alle zu übertrumpfen, wie schon mehr als einmal.“ Damit meint Sergej die Tatsache, dass die Tatras schon manche erst viel später eingeführte Baureihe überlebt hat.

Tscheche mit amerikanischen Wurzeln

Für Sergej sind die Wagen so etwas wie eine Visitenkarte der Moskauer Straßenbahn, die einfach dazu gehören. Und damit ist er wohl nicht ganz allein. „Viele Moskauer aller Generationen freuen sich, wenn ein Tatra um die Ecke kommt“, sagt er. So manches Mal habe er Sätze gehört wie „Wow, was für ein Oldtimer, ich dachte, davon gäbe es in Moskau keine mehr!“ Er würde es daher begrüßen, wenn die Verkehrsbetriebe eine Nostalgielinie einrichten würden, wie beim Trolleybus.

Noch kann man auch ganz ohne Nostalgielinie mit den Oldtimern durch Moskau rumpeln. Deren Ursprung liegt tief in den 1960er Jahren und ihre Vorfahren haben gar amerikanische Wurzeln. Das tschechische Werk Vagonka Tatra Smíchov erwarb 1949 – wie auch einige westeuropäischen Hersteller – die Lizenz für Nachbauten des US-Straßenbahntyps PCC. Der T3 ist somit eine Weiterentwicklung dieses Klassikers, der in den USA in den 1930er Jahren entstand.

Über 11.000 Stück gebaut

Die ersten T3 gingen ab 1960 an die Prager Straßenbahn. Schon 1963 folgte die Version für die russische Breitspur, der T3SU. Moskau war die erste Stadt, in der die neue Unterbaureihe eingesetzt wurde. Bald wurden sie auch an andere Städte in der Sowjetunion geliefert, etwa nach Riga, Taschkent, Jekaterinburg oder Kiew. Bis 1987 wurden unglaubliche 11.368 Exemplare des T3SU gebaut, über 2000 allein gingen nach Moskau. ČKD Tatra, wie sich das Unternehmen ab 1963 nannte, wurde zum größten Straßenbahnhersteller innerhalb des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Auch für Deutschland gab es eine Variante, die zum Beispiel bis heute in Leipzig im Einsatz ist.

In der Sowjetunion konkurrierte der T3SU mit dem ab 1963 gebauten KTM-5M3 der Ust-Katawer Waggonbaufabrik im Ural. Die beiden Wagen konnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite der elegante Tatra mit seiner runden Frontpartie und den Schwenktüren, auf der anderen die kantige Blechkiste aus dem Ural mit gesickten Seitenwänden und kettengetriebenen Schiebetüren. Auch er brachte es auf Stückzahlen jenseits der 10.000. Beide Wagen wurden über so lange Zeiträume gebraut, dass die ersten schon auf dem Schrott gelandet waren, als noch immer neue gebaut wurden.

Fans hoffen auf eine Nostalgielinie

Im Gegensatz zu modernen Straßenbahnwagen werden die Tatras mit Pedalen gesteuert. Ihre hohen Einstiege sind längst nicht mehr zeitgemäß, für ältere Menschen oder Fahrgäste mit Kinderwagen sind die Treppen an den Einstiegen eine Zumutung. Da hilft es auch nicht, dass sie seit 1998 kontinuierlich modernisiert wurden.

Dabei erhielten sie neue Motoren, Steuerungen und Führerpulte, zudem eine neue Inneneinrichtung. Längst sind in Moskau nur noch modernisierte Wagen im Einsatz. Zudem sind heute nur noch solche im Dienst, die in den 1980ern gebaut wurden. Ab 2014 wurden sie vom klassischen creme-rot in blau umlackiert. Um Wagen im Ursprungszustand zu finden, muss man heute nach Ischewsk oder Jekaterinburg fahren. Dort stehen teils noch Tatras aus der Zeit um 1970 im täglichen Einsatz.

Dass die Ära der Tschechen zu Ende geht, ist für Fahrer Iwan Koschuschko okay, auch wenn er sie sehr schätzt. Er wünscht sich nur, dass der letzte Tag offiziell angekündigt wird, „damit die mitfahren und ein Foto machen wollen, dies auch tun können“, wie er gegenüber dem Magazin „The Village“ sagt. Und eine Nostalgielinie würde auch er begrüßen. Vielleicht wird es ja was, beim Trolleybus hat es schließlich auch geklappt.

Jiří Hönes

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