Ethik-Kodex für künstliche Intelligenz

Russlands IT-Industrie hat sich eigene Ethikstandards für den Umgang mit künstlicher Intelligenz auferlegt. Triebfeder bei der Ausarbeitung des Papiers waren staatliche Stellen.

Künstliche Intelligenz
Keine Angst vor künstlicher Intelligenz – der Ethik-Kodex soll Vertrauen in die Technologie schaffen. (Foto: Sergej Wedjaschkin/ AGN Moskwa)

Künstliche Intelligenz ist dieser Tage ein heißes Thema. Welche Bedeutung ihr beigemessen wird, zeigt sich allein daran, dass Präsident Wladimir Putin und Sberbank-Chef German Gref gemeinsam Ende Oktober bei der Konferenz „Artificial Intelligence Journey 2021“ sprachen. „Wer das mächtige technologische Potenzial im Interesse der Menschen und ihres Wohlergehens besser nutzt, gewinnt in der modernen Welt, gewinnt im globalen Wettbewerb, und wir müssen hier ganz vorne mit dabei sein – ich meine unser Land, Russland“, sagte das Staatsoberhaupt.

Einer der Hauptpunkte des Forums war die Unterzeichnung des Ethik-Kodex für künstliche Intelligenz durch Vertreter von Wirtschaft und Wissenschaft. Der Präsident persönlich hatte ein Jahr zuvor zur Entwicklung nationaler Richtlinien für KI-Systeme aufgerufen. Die Autoren des Dokuments waren die Allianz für künstliche Intelligenz in Zusammenarbeit mit dem Analysezentrum der Regierung der Russischen Föderation und dem Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung.

Algorithmen haben nicht das letzte Wort

Unterzeichnet haben den Kodex zur freiwilligen Selbstregulierung unter anderem namhafte Technologiekonzerne wie Yandex, Sber, MTS, die Mail.ru-Group, die sich kürzlich in VK umbenannt hat, sowie das Skoltech-Forschungsinstitut und die Universität Innopolis.

Bei einer der Diskussionsrunden des Forums erzählte IT-Unternehmerin Natalja Kasperskaja, einer Bekannten von ihr habe die Sberbank in Minutenschnelle einen Kredit verweigert. Was könne sie da tun, fragte sie den Vizechef der Sberbank, Alexander Wedjachin. „Einspruch erheben“, erwiderte der. In der Tat verwende die Sberbank einen KI-Algorithmus, der die Kreditwürdigkeit eines Kunden einschätze. Doch die künstliche Intelligenz habe dabei nicht das letzte Wort. „Der KI-Algorithmus kann einer Person nicht in die Augen sehen, wenn sie beispielsweise einen Kredit zum Aufbau eines Geschäfts aufnimmt“, so Wedjachin.

Russen sind relativ offen für die neue Technologie

Das etwas konstruiert wirkende Beispiel diente dem Sberbank-Vizechef dazu, auf die Notwendigkeit ethischer Standards beim Einsatz von künstlicher Intelligenz hinzuweisen. Der Schlüssel zur Akzeptanz sei Vertrauen. Laut einer UNESCO-Studie hätten in den USA, Kanada, Deutschland, Aus­tralien und Großbritannien insgesamt 72 Prozent der Bevölkerung kein Vertrauen in KI-Technolo­gien. In Russland seien die Menschen der Technologie gegenüber etwas aufgeschlossener. Laut einer WZIOM-Studie fassten 48 Prozent der Russen Vertrauen in die KI.
Fünf Arten von Risiken könne die Technologie mit sich bringen: Diskriminierung, Verlust der Privatsphäre, Verlust der Kontrolle über die KI, Schädigung des Menschen durch Fehler in Algorithmen sowie die Verwendung der KI für inakzeptable Zwecke.

Als Reaktion auf diese Risiken hätten die Autoren dem Kodex die Grundprinzipien Transparenz, Wahrhaftigkeit, Verantwortung, Zuverlässigkeit, Inklusivität, Unparteilichkeit, Sicherheit und Vertraulichkeit zugrunde gelegt, sagte Vizeministerpräsident Dmitrij Tschernyschenko. Diese seien international gültig, Russland spiele auch eine aktive Rolle bei der Entwicklung internationaler ethischer Standards für KI bei der UNESCO.

Falsches Bild von KI in der Öffentlichkeit

Einer, der für Russland an der entsprechenden UNESCO-Expertengruppe teilnimmt, ist Maxim Fedorow vom Forschungsinstitut Skoltech. Er ist der Meinung, dass in der öffentlichen Diskussion oft ein Zerrbild von künstlicher Intelligenz entstehe, entweder das eines Terminators oder das eines Superwesens mit guten Absichten, wie er in einem Interview gegenüber dem Russischen Rat für internationale Angelegenheiten sagte.

Bis in hohe Gremien hinein werde über die sogenannte künstliche allgemeine Intelligenz und ihre Folgen diskutiert. Dabei handelt es sich um eine rein hypothetische KI in einem Entwicklungsstadium, das ihr dem Menschen ebenbürtige intellektuelle Fähigkeiten verleihen würde. „Das Problem ist, dass wir bei der Diskussion über Gefahren, die nicht existieren und in naher Zukunft nicht existieren werden, echte Bedrohungen übersehen“, so der Wissenschaftler.

Forscher warnt vor Verantwortungsvakuum

Die sieht er zum Beispiel darin, wenn der KI der Status eines Subjekts der Gesellschaft verliehen werde. Diese Tendenz gebe es in manchen asiatischen Staaten. Dadurch werde die Verantwortung für das Handeln der KI von deren Schöpfer auf das Programm selbst übertragen, kurz gesagt: „Der Schöpfer macht Gewinn, und wer den Schaden hat, muss selbst dafür aufkommen“, so Maxim Fedorow. Solche Szenarien müssten vermieden werden, bevor sie Realität werden. Angesichts erster Unfälle mit autonomen Fahrzeugen sind das durchaus aktuelle Themen.

Daher mahnte auch Präsident Wladimir Putin zum Tempo. Es gelte, so schnell wie möglich alle „offensichtlich überflüssigen Hindernisse“ für fortschrittliche Lösungen im Bereich der KI zu beseitigen, um „ein regulatorisches und rechtliches Umfeld zu schaffen, das dem Stand des technologischen Fortschritts entspricht.“

Der Ethik-Kodex soll ein Schritt in diese Richtung sein. Deren Grundpfeiler sind die Wahrung der Interessen, Rechte und Freiheiten der Menschen, Informationssicherheit, Nichtdiskriminierung, Transparenz und Wahrhaftigkeit sowie der Datenschutz. KI-Technologien sollen dort eingesetzt werden, wo sie für die Menschen von Nutzen sind, und die Folgen ihrer Nutzung liegen immer in der Verantwortung des Einzelnen, so das Papier.

Jiří Hönes

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