Holocaust auf sowjetischem Boden: Gesammelte Stimmen von damals

Der Große Vaterländische Krieg war das einschneidenste Ereignis in sieben Jahrzehnten Sowjet­union. Mit ihm erreichte der Holocaust auch das heutige Russland. Doch weil der deutsche Blitzkrieg scheiterte, wurde hier vor 80 Jahren erstmals ein Ghetto befreit.

Memorial für 483 ermordete Juden im westrussischen Ljubawitschi (Foto: Facebook/MyLubavitch)

Ljubawitschi ist eine Gemeinde westlich von Smolensk, unweit der Grenze Russlands zu Belarus. Wie viele ihrer Bewohner jemals in New York waren, ist schwer zu sagen. Dass es umgekehrt regelmäßig New Yorker nach Ljubawi­tschi verschlägt, steht dagegen fest. Denn das abgelegene Dorf mitten auf dem russischen Land ist ein Pilgerort. Gut hundert Jahre lang, von 1813 bis 1915, war es das geistige Zentrum der Chabad (oder Lubawitsch), einer Bewegung unter den Chassiden, ultraorthodoxen ost­europäischen Juden. Krieg und Verfolgung sorgten in der Folge dafür, dass sich die Gruppierung neu sortierte und ihren Fixpunkt heute in New York hat.

Ljubawitschi geriet damit noch mehr an den Rand. Aber das Leben ging vorerst weiter. Bis der Tod über das Dorf kam. Die Deutschen hatten es im Zuge ihres Vormarschs auf Moskau besetzt. Am 27. September 1941 wurde hier eines der ersten Ghettos auf dem Gebiet des heutigen Russlands eingerichtet und am 4. November die gesamte jüdische Bevölkerung – 483 Menschen – ausgelöscht. An der Stelle dieses Verbrechens steht heute ein Mahnmal, errichtet vor zehn Jahren vom Russisch-Jüdischen Kongress und dem Moskauer Holocaust-Zentrum.

Aufzeichnungen statt Erinnerungen

Das Zentrum sammelt seit vielen Jahren Zeitzeugenberichte über das Schicksal der sowjetischen Juden im Zweiten Weltkrieg. „Wir befassen uns nicht mit Erinnerungen“, sagt der Co-Vorsitzende der Organisation, Ilja Altman. Man stütze sich stattdessen auf Dokumente, hauptsächlich Briefe und Tagebucheinträge. „Erinnerungen können täuschen oder davon gefärbt sein, was man gehört, gesehen oder gelesen hat. Schriftstücke geben wieder, was die Menschen tatsächlich damals gedacht und gefühlt haben.“

Nach Angaben des Zentrums fielen auf sowjetischem Boden etwa 2,7 Millionen Juden dem Holocaust zum Opfer. Das sind mehr als 45 Prozent aller im Krieg umgekommenen europäischen Juden. Am schlimmsten wüteten die Nazis in der Ukraine (1,3 Millionen Tote) und in Belarus (800.000). In Russland starben 200.000 Juden.

Unter dem Titel „Der Holocaust – Vernichtung, Befreiung, Rettung“ hat das Zentrum eine Wanderausstellung erstellt, die bisher in sieben Ländern zu sehen war, 2019 auch in Deutschland. „Wenn uns nicht die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte, dann würde sie heute noch durch Deutschland touren, das Interesse ist groß“, so Altman. Zwar sei der Bundestag das einzige Parlament gewesen, in dessen Räumlichkeiten die Ausstellung nicht gezeigt werden konnte, waren die Verhandlungen im Zeitraum von anderthalb Jahren nicht umsonst. Zum Partner wurde letztlich der Berliner Senat, der das Rote Rathaus als Ausstellungsort zur Verfügung stellte.

Die Ausstellung des Holocaust-Zentrums zur Geschichte der sowjetischen Juden im Krieg (Foto: Holocaust-Zentrum)

Die Ausstellung ist dem Holocaust in den besetzten Gebieten der Sowjetunion gewidmet. Dokumente und Fotos aus 15 Archiven und Museen vermitteln ein Bild von Schrecken und Verzweiflung, aber auch von Hoffnung, Mut und selbstlosem Einsatz in dunkler Zeit. Thematisiert werden unter anderem die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung von Juden aus Ghettos und Konzentrationslagern sowie die Arbeit sowjetischer Militärärzte, die so manchem Häftling das Leben retteten.

Das Ghetto von Kaluga

Eine der Schautafeln erzählt die Geschichte des Ghettos von Kaluga, einer Provinzhauptstadt 150 Kilometer südwestlich von Moskau. Es war eines von 44 Ghettos in 23 Regionen Russlands. Kaluga wurde am 13. Oktober 1941 von den Deutschen okkupiert, die praktisch sofort damit begannen, jüdische Einwohner zu schikanieren und eine Rassentrennung einzuführen.

Ein Teil der ortsansässigen Juden hatte sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Zurückgeblieben waren überwiegend Kinder und Alte. Ihnen wurde verboten, die Stadt zu verlassen, an Markttagen die entsprechenden Plätze zu betreten und sich mit der übrigen Bevölkerung zu unterhalten. Sie mussten sich registrieren lassen, einen gelben Stern tragen und in ein Viertel mit 15 Häusern am Stadtrand umziehen, das sie selbst mit Stacheldraht zu umzäunen hatten. In diesem Ghetto waren die 155 Juden ab dem 8. November eingesperrt. Der Weg hinaus war streng reglementiert. Auf Kontakt zu Nicht-Juden stand die Todesstrafe. Für das Verstecken eines Juden war die Hinrichtung von 15 Personen angedroht.

Die Ghetto-Bewohner litten an Hunger, Kälte und Krankheiten. Nachdem der deutsche Angriff auf Moskau in den Vororten steckengeblieben und die Rote Armee am 5. Dezember ihren Gegenangriff gestartet hatte, waren die Tage der Besatzer in Kaluga gezählt. Doch bevor sie abzogen, steckten sie am 22. Dezember noch das Ghetto in Brand und schossen auf die fliehenden Insassen. So verloren je nach Quelle sieben bis elf Menschen ihr Leben. Doch als die Rote Armee acht Tage später in Kaluga einrückte, war dies das erste Beispiel eines befreiten Ghettos im Zweiten Weltkrieg.

Partner in Deutschland gesucht

Aber auch Zeugnisse des Alltags in Kriegszeiten, des Dienstes an der Front und des Lebens im Hinterland will das Holocaust-Zentrum mit seinen Publikationen für die Nachwelt erhalten. Deshalb veröffentlicht es seit 2007 Bände mit Briefen und Tagebuchnotizen, überwiegend aus privater Hand. Im Sommer erschien bereits der sechste Band, wieder mit etwa 350 Einträgen. Darunter sind auch Briefe jüdischer Sowjetsoldaten, die ihren Angehörigen daheim berichten, was sie ab Herbst 1944 in Ostpreußen und ab Frühjahr 1945 auch in anderen Gegenden Deutschlands erlebten und beobachteten, oft erfüllt von Rachegedanken.

Band mit gesammelten Briefen und Tagebucheinträgen aus der Kriegszeit

Der Historiker Altman, Professor an der Russischen Staatlichen Humanitären Universität in Moskau, würde sich wünschen, dass diese Berichte auch in Deutschland verlegt werden, möglicherweise zusammen mit Schilderungen von Deutschen, wie sie den sowjetischen Soldaten begegneten, oder auch mit Feldpost deutscher Soldaten von der Ostfront. „Es gab ja nicht nur Hass und Vernichtung, sondern auch viele menschliche, zwischenmenschliche Geschichten.“

Altman würde die Erfahrungen bei der Sammlung von Aufzeichnungen gern weitergeben. „Meines Wissens sind wir die einzigen, die das gezielt machen. Damit darf man nicht zu lange warten. Die Generation der Kinder hebt diese Sachen noch auf, schon die Enkel und Urenkel können damit meist nichts mehr anfangen.“

Tino Künzel

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