Republik der fremden Werte: Ein kritischer Blick auf die deutsche Wolgaautonomie

Am 19. Oktober jährt sich die Schaffung der deutschen Wolga­autonomie zum 100. Mal. Der Erlass von 1918 trägt die Unterschrift von Lenin. Die Autonomie hatte jedoch nur bis 1941 Bestand. Der Historiker Arkadij German aus Saratow hält nichts davon, ihr nachzutrauern. In einem Aufsatz, den wir in längeren Auszügen veröffentlichen, unterzieht er die Wolgarepublik einer kritischen Betrachtung.

Zeugnis einer untergegangenen Zivilisation unter dem weiten russischen Himmel: die Ruine der lutherischen Kirche in Ust-Solicha (deutsch einst Messer), 70 Kilometer südwestlich von Saratow, einem 1766 von deutschen Einwanderern gegründeten Ort. Als sie 1912 gebaut wurde, hatte er an die 6000 Einwohner – zum ganz überwiegenden Teil Deutsche. Heute leben hier noch ca. 1500 Menschen. © Tino Künzel

In der schwierigen und widersprüchlichen Geschichte der Wolgaregion stellen die 23 Jahre national-territorialer Autonomie der Wolgadeutschen ein historisches Phänomen dar. Dabei markierte diese Zeit ironischerweise den dramatischen Schlusspunkt der 177-jährigen Geschichte deutscher Besiedlung an den Ufern der Wolga. Die Deportation von 1941 setzte nicht nur der Republik ein Ende, sondern auch der Existenz der Wolgadeutschen als ethnischer Gruppe. Hatten sie an der Wolga auf 27.000 Quadratkilometern gelebt, so wurden sie nun über ein Territorium von 1,5 Millionen Quadratkilometern verstreut und durch die Einberufung zur Arbeitsarmee praktisch über die gesamte riesige Sowjetunion.

Die Anfänge der deutschen Siedlungsgeschichte an der Wolga gehen auf die 60er Jahre des 17. Jahrhunderts zurück, als rund um Saratow mehr als 100 Siedlungen gegründet wurden. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es bereits mehr als 200 und die Zahl der Wolgadeutschen belief sich auf über 400.000.

Lange Zeit – bis zum Beginn der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts – lebten die Wolgadeutschen relativ isoliert unter besonderer Verwaltung, was dafür sorgte, dass sie ihre Sprache und den traditionellen bäuerlichen Lebensstil bewahrten. Später konnten sie dank ihrer Mentalität die Isolation überwinden, sich in das soziale Umfeld integrieren und ihren Platz in der Wirtschaft, der Landwirtschaft, in der Selbstverwaltung und im kulturellen Leben einnehmen. Blickt man heute mit dem Abstand von über 100 Jahren auf die damalige Zeit zurück, dann lässt sich sagen, dass das Ende des 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts zu den erfreulichsten Abschnitten in der Geschichte der Wolgadeutschen gehörten.

Typisches Wohnhaus der Wolgadeutschen in der Ortschaft Orlowskoje bei der Kreisstadt Marx. Auch von hier wurden die Bewohner 1941 kollektiv tausende Kilometer nach Osten deportiert. © Tino Künzel

Der Erste Weltkrieg wurde für sie zu einer schicksalshaften Wende. Die Deutschen erlebten eine Welle des Argwohns und der nationalen Diskriminierung, die vielfach von Regierungskreisen ausging. Man behauptete, die Deutschen hätten zu viel Einfluss. Deutsche gesellschaftliche Organisationen, deutschsprachige Zeitungen, Deutschunterricht und öffentliche Unterhaltungen in deutscher Sprache wurden verboten. Deutsche Ortsnamen wurden in russische umgewandelt, so etwa im Falle von Katharinenstadt, das fortan Jekaterinograd hieß. 1915 unterzeichnete Zar Nikolaus II. eine Reihe von Gesetzen, die Deutsche von Landbesitz und Landnutzung ausschlossen, zunächst in den westlichen Gouvernements. Sie sollten sich in der Folge auch auf die Wolgadeutschen erstrecken. Mehr noch, für das Frühjahr 1917 war ihre Umsiedlung nach Sibirien geplant. Doch das verhinderte die Februarrevolution.

Nach dem Sturz der Monarchie wurden die besagten Gesetze ausgesetzt, während die antideutsche Hysterie spürbar nachließ. Die Diskriminierung in allen Sphären des öffentlichen Lebens setzte sich aber fort. Das nötigte die Deutschen dazu, sich erstmals überhaupt auch politisch zu betätigen.

Im Oktober 1917 übernahmen im Saratower Wolgagebiet die Bolschewiken die Macht. Ihre Ideologie war das ganze Gegenteil der europäischen Mentalität der deutschen Ethnie, die Verwirklichung ihrer Ideen durchkreuzte alle Hoffnungen der Wolgadeutschen auf einen Erhalt des traditionellen Lebensstils. Dabei bandelten die Bolschewiken aktiv mit der nicht-russischen Bevölkerung Russlands an. Um deren Unterstützung zu erhalten, wurde eine Deklaration über die Rechte der Völker mit dem Versprechen auf Selbstbestimmung angenommen. Doch den Bolschewiken war nicht an einer freien und souveränen Entwicklung der verschiedenen Nationen gelegen, sondern nur an taktischen Erwägungen.

Junge Russlanddeutsche aus ganz Russland schlüpften diesen Sommer in die Rolle ihrer Vorfahren: Im Zentralen Kulturhaus der Wolgastadt Marx traten sie im Theaterstück „Hoffnung auf das Beste“ auf, das von den Anfängen der Wolgarepublik handelt. Ein halbes Jahr lang hatten sich die Darsteller intensiv auf Rollen vorbereitet, die eng mit ihren Familiengeschichten verbunden sind. Die Aufführung war Abschluss einer ganzen Reihe von Veranstaltungen zum Jubiläum der Wolgaautonomie. © Tino Künzel

Die deutsche Autonomie an der Wolga hat in den 23 Jahren ihrer Existenz die Rolle eines Instruments gespielt, das der Umsetzung der staatlichen Politik diente und eine Transformation der Grundwerte der deutschen Bevölkerung im Sinne der Machthaber bewirkte. Mit der Festigung des Bolschewismus ging ein radikaler Bruch mit den bisherigen Verhältnissen, dem öffentlichen Leben, Recht und Moral einher. Für die Sozialstruktur der Deutschen bedeutete das, dass Groß- und mittlerer Grundbesitz sowie das Unternehmertum abgeschafft, die vorrevolutionäre Beamtenschicht, die Offiziere der alten Armee und die Polizisten als soziale Klasse liquidiert wurden. Im Dezember 1923 beschloss das Politbüro des ZK, die autonome Oblast in eine autonome Republik umzuwandeln. Eines der Hauptmotive dafür war der Versuch, damit auf die revolutionäre Situation in Deutschland einzuwirken. Auch im Weiteren kam den Russlanddeutschen eine wichtige Rolle beim von der Komintern betriebenen Export der Revolution zu. Die deutsche Wolgarepublik sollte als „Schaufenster des Sozialismus“ beworben und das „glückliche Leben“ der Wolgadeutschen gepriesen werden, von dem die Betroffenen allerdings weit entfernt waren.

Die forcierte Modernisierung des Landes ab Ende der 20er Jahre traf die mehrheitlich ländliche deutsche Bevölkerung hart. Mit der Kollektivierung war nicht nur der Verlust von Land und Eigentum verbunden, sie wurde auch von einer Zerstörung der Kirchen und dem Verbot des religiösen Lebens begleitet.

Besonders muss darauf verwiesen werden, dass auch die nationale Kultur in jenen Jahren schweren Schaden nahm. All ihre vorrevolutionären Errungenschaften und Traditionen galten nun als Ausdruck von „bourgeoisem Nationalismus“ und wurden verboten.

Der letzte Sommer von Mariental an der Wolga

In der Nachkriegszeit machte das kollektive Langzeitgedächtnis der Russlanddeutschen eine Transformation durch. Vor dem Hintergrund der gewaltigen Erschütterungen der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre erschien das Leben vor dem Krieg nun durchaus erstrebenswert, viele konkrete Ereignisse und Fakten – vor allem unbequeme – gerieten in Vergessenheit. Die Wolgarepublik wurde zu einem Symbol, einem Traum, der später auch in der Perestroika-Zeit weiterlebte, zusammen mit der Reanimierung der Stalinschen Mär von den „blühenden Landschaften“ dort, von Glück und Wohlstand der Bürger. Doch die Erfahrung zeigt, dass eine national-territoriale Autonomie mitnichten die Garantie oder auch Voraus­setzung der Realisierung und des Schutzes nationaler Minderheiten ist. Das kann nur ein demokratischer Rechtsstaat gewährleisten, der nationale Rechte auf der Ebene von Völkern, aber auch jedes Einzelnen achtet.

Übersetzung: Tino Künzel

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