Granaten gegen Teddybären – Ic3peak schocken mit martialischem Video

Mit ihren kritischen Texten und Videoclips hat sich die Moskauer Band Ic3peak schon Ärger mit russischen Behörden eingehandelt. In ihrem neuesten Bildgewitter setzen sie sich auf drastische Weise mit Militarismus auseinander.

 Aus dem neuen Ic3peak-Video „Marsch“
Aus dem neuen Ic3peak-Video „Marsch“ (Foto: YouTube)

Kriegerisch geht es im neuen Videoclip des russischen Elektronik-Duos Ic3peak zu. Eine Gruppe trommelnder Pioniere mit Halstuch ist zu sehen. Blass geschminkt, erinnern sie fast an The Human League. Aus dem Off werden ihnen die Trommeln genommen und gegen Kalaschnikows getauscht. Kurz später sieht man sie in Egoshooter-Ästhetik in einer Fabrikhalle um sich schießen. Auf einen Hasen, eine Blume, einen Regenbogen, ein Herz. Die Musik erinnert an Aphex Twin zu seinen wildesten Zeiten: übersteuerte Bässe, hochtöniger, schneidender Gesang, bei allem Krach doch harmonisch.

„Dein Gesicht ist genau dasselbe
und dieses Gebäude gibt es in jeder Stadt
Statt Girlanden nur Stacheldraht
Und es gibt keinen Horizont hinter den Zäunen.“

Von der Trauung in den Krieg

Eine Hochzeitsszene. Der Bräutigam wird mitten in der Trauung weggeführt, um in den Krieg zu ziehen. Braut und Priester salutieren. Kurz darauf ist zu sehen, wie er im Kampf fällt. Die Braut bleibt mit dem gemeinsamen Baby zurück. Wenig später greift es als kleiner Junge mit rot unterlaufenen Augen selbst zur Waffe.

„Die Luft um uns herum wird jedes Jahr stickiger
Ich will keine Menschen töten
Sie kommen ungebeten in mein Haus
Neues Wort und neues Gesetz.“

Ein Hörsaal. Die in russischen Nationalfarben eingebundenen Bücher der Studenten werden gegen Handgranaten getauscht. Schnitt. Eine Schlachtfeldzene. Wieder wird gegen harmlos scheinende Gegner gekämpft. Handgranaten werden auf einen Schwan und einen Teddybären geworfen, eine antike Skulptur geht im Maschinengewehrfeuer zu Bruch, ebenso ein schlagendes Herz.

„Audiovisuelle Terroristen“

Der Clip hatte bei YouTube nach einer Woche bereits über zwei Millionen Klicks. In über 10 000 Kommentaren erhielten die Musiker, die sich selbst als „audiovisuelle Terroristen“ bezeichnen, weitgehend Zuspruch. Fans diskutierten ausgiebig verschiedene Interpretationsmöglichkeiten einzelner Zeilen und Bilder im Video.

Ein User names „seks“ sieht etwa eine Anspielung auf die Junarmija, die Kinder- und Jugend-Organisation des russischen Verteidigungsministeriums, die er als „die Hitlerjugend des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Eine Frau namens Katja schreibt: „Stark, modern, ernüchternd. Solange in den Kommentaren gefragt wird, ob man dafür nicht ins Gefängnis kommen kann, braucht es solche Kunst.“ Ein anderer meinte, wenn das Video am 9. Mai veröffentlicht worden wäre, wäre es sofort verboten worden. Ein gewisser „Artemiy“ bemerkt schlicht: „Bei 1:50 kommt der Bass so hart, dass mein Opa dachte, die Deutschen seien zurück.“

Tour und neues Album angekündigt

Es ist nicht das erste schockierende Video der beiden Moskauer, mit bürgerlichen Namen Anastasija Kreslina und Nikolaj Kostyljew. 2018 sah man Kreslina im Video zu „Es gibt keinen Tod mehr“, wie sie sich vor dem Weißen Haus, dem russischen Regierungssitz, mit Benzin übergoss. Oder wie die beiden vor dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz gemeinsam rohes Fleisch verzehrten. Das Video zu „Go With The Flow“ aus dem Jahr 2016 hingegen setzte ein Zeichen gegen Homophobie.

Bei ihrer Tour im Herbst 2018 bekamen Ic3peak immer wieder Ärger mit der Staatsmacht. Der Auftakt in Moskau war noch problemlos gelaufen, doch in Nischnij Nowgorod, Kasan und anderen Städten hatten lokale Behörden die Auftritte kurzfristig unterbunden und es mussten alternative Locations gefunden werden.

Nach einem ruhigen Jahr haben Ice3peak nun ihr mittlerweile sechstes Studioalbum angekündigt. Für das Frühjahr ist eine Tour durch Europa und Russland geplant. Dabei kommen sie im April auch nach Deutschland und sind am 17. in Berlin und am 19. in Leipzig zu sehen.

Jiří Hönes

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