Ein Wiegenlied zum Leiden

Jette Steckel gehört zu den besten deutschen Regisseuren. In Hamburg läuft ihre Inszenierung von William Shakespeares „Der Sturm“ bereits erfolgreich. Jetzt feierte das Stück seine Russlandpremiere.

Sturm

Kraftvoll und düster: Jette Steckels „Der Sturm“ © Armin Smailovic

Er sei bei der Premiere des Stückes sofort begeistert gewesen, sagt Walerij Schadrin, Leiter des Internationalen Tschechow-Theaterfestivals in Moskau. Für ihn sei bereits im Frühjahr 2018 klar gewesen, dass er Jette Steckels „Der Sturm“, eine Interpretation von William Shakespeares letztem Stück, auf die Moskauer Bühne bringen möchte. Nicht zuletzt, um den Russen junges deutsches Theater näherzubringen. Auch Astrid Wege, Leiterin der Kulturprogramme des Goethe-Instituts Moskau, freut sich, mit dem Tschechow-Festival einen Partner gefunden zu haben, der sich getraut hat, ein Experiment einzugehen und eine Inszenierung nach Russland zu bringen, bei der nicht klar ist, wie sie beim Publikum ankommt.

Alter Stoff mit aktuellen Fragen

Die Hamburgerin Jette Steckel gehört zu den wenigen jungen Theaterregisseuren in Deutschland. Shakespeares „Sturm“ ist nicht das erste klassische Stück, dass sie einer Neuinterpretation unterzieht. Mit ihrer Inszenierung Shakespeares zeigt sie, dass sich die Grundfragen des Lebens über Jahrhunderte nicht geändert haben. Die Fragen, die Shakespeare stellte, seien immer noch aktuell, eine Parabel für die heutige Situation, so Wege. Und die Regisseurin habe dieser Frage eine neue Folie verpasst.

Der Untertitel „A Lullaby for Suffering“ – Ein Wiegenlied zum Leiden – betont die düstere Stimmung, die im Stück vorherrscht. Es geht um das Sterben, und das Verhältnis der Menschen zum Leben und zur Vergänglichkeit. Aber auch um die Ablösung von Generationen.

Die Hauptfigur Prospero weiß, dass er sterben wird. Doch zuvor versucht er seiner Tochter Miranda, aufgewachsen in der Isolation einer einsamen Insel, die Welt jenseits dieser zu zeigen. Es spreche für eine große Lebensliebe, dass Prospero nichts verheimlichen wolle und deshalb auch die Abgründe zeige, meint Steckel.

Gefangen in der eigenen Welt

Die Welt, die die Regisseurin auf die Bühne bringt, besteht aus zwölf gelben Gummizellen. Gemeinsam bilden sie ein Haus, dessen Bewohner zwar jeden Morgen um 4.18 Uhr aufstehen, dabei aber nicht aufwachen. Die Figuren, die sich allesamt am Abgrund bewegen, scheinen in ihren Rollen gefangen zu sein. Wie die Banker, die einem Geldkoffer hinterherjagen und zu Sex- und Drogeneskapaden neigen, um den Alltag zu bewältigen.

Zwischen dem hektischen Hin und Her der Figuren ist ein Obdachloser der Ruhepol. Über ihn bricht die ganze Polarität des Lebens herein. Er wird nobel bewirtet und von den Bankern zusammengeschlagen. Seine Reaktion: „Willkommen in der Realität.“ Ändern können oder wollen die Figuren an dieser Realität aber nichts. „Es ist nicht an uns, diesen Ort besser zu machen“, lautet ihr nüchternes gemeinsames Fazit. 

Getrieben wird die Handlung von Steckels „Sturm“ weniger von den Figuren, als von der Musik, die einen großen Teil des Stückes einnimmt. In erster Linie sind es die Texte der britischen Rapperin Kate Tempest, die sich mit dem Untergang europäischer Werte und einem Ist-Zustand der Welt auseinandersetzen.

Keine Ruhe für den Zuschauer

Für den Zuschauer ist Steckels zweistündige Inszenierung durchaus eine Herausforderung. Sprech- und Gesangsparts wechseln sich oft in schneller Reihenfolge ab. Dabei springt das Stück nicht nur zwischen Sprachstilen – Hip Hop und Verse des 17. Jahrhunderts – sondern auch zwischen Deutsch und Englisch.

Das Zusammenspiel von akustischen Mitteln mit einer steten, fast akrobatischen Aktivität der Schauspieler und der Einsatz verschiedener Videosequenzen erzeugt einen hohen Grad an Intensität. Dem Zuschauer lässt Steckel damit keine Ruhe und zwingt ihn dazu, sich unentwegt zu konzentrieren.

Das Geschehen auf der Bühne in seiner Gesamtheit zu verstehen, fällt so teilweise schwer. Doch das ist gewollt. Denn Jette Steckels „Sturm“ spiele mit den Realitäten und Phantasien in einer Weise, die zwar unlogisch sei, beim Zuschauen aber eine Logik entfalte, die ebenso unerklärlich sei, wie unsere Träume, so die Regisseurin.

Daniel Säwert

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