Ein fast vergessener Künstler

Impressionist, Organisator epochemachender Ausstellungen und einflussreicher Kunstförderer: Sergej Winogradow war im vorrevolutionären Russland ein anerkannter und berühmter Maler. Nun erinnert eine Ausstellung an ihn.

Azurblaues Wasser, Strand und viel Licht: Der „Sommertag“ von Sergej Winogradow entstand 1917 auf der Krim. (Foto: rusimp.org)

Idyllische Strandlandschaften mit azurblauem Wasser, belebte Pariser Cafés und herumwirbelnde Ballerinas: Sergej Winogradow zeichnete vor allem die schönen und leichten Seiten seiner Zeit. Die Verwüstungen des Ersten Weltkriegs, Revolution, Pogrome und Bürgerkrieg sparte er lieber aus. Ausschließlich leuchtende Farben, erbauliche Motive und viel Licht sollten den Betrachter erfreuen.

Erste Werkschau seit Hundert Jahren

Heute ist der Impressionist, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland große Erfolge feierte und mit Berühmtheiten wie dem Schriftsteller Maxim Gorki und dem Impresario Sergej Djagilew verkehrte, nur noch Kunsthistorikern ein Begriff. Die breite Öffentlichkeit hat Winogradow, der schon im Jahr 1923 die Sowjetunion endgültig verließ, völlig vergessen.
Dies könnte sich nun allerdings ändern. Denn im Museum des Russischen Impressionismus wird derzeit die Ausstellung „Narissowanaja Schisn“ (Gemaltes Leben) gezeigt. Es ist die erste Werkschau Winogradows seit Hundert Jahren in Russland. Zu sehen sind über 60 Bilder und Fotografien aus dem weit verstreuten Nachlass des Künstlers. Seine Witwe hatte die Werke nach seinem Tod im lettischen Exil Stück für Stück zu Geld gemacht. Die Kuratoren mussten Winogradows Werke daher aus staatlichen Museen und privaten Galerien in Städten wie Irkutsk, Archangelsk, Petrosawodsk und anderen weit entfernten Regionen zusammentragen. Auch Leihgaben aus Estland und Lettland wurden für die Schau nach Moskau gebracht.

Wie die Impressionisten nach Moskau kamen

Neben seiner Tätigkeit als Maler machte sich Winogradow auch als umtriebiger Kunstagent verdient. So war er beispielsweise Mitglied der „Vereinigung russischer Künstler“, die zwischen 1903 und 1923 insgesamt 16 groß gefeierte Ausstellungen russischer Kunst organisierte.
Außerdem soll er der Legende zufolge die Textilmagnaten Michail und Iwan Morosow mit seiner Sammelleidenschaft angesteckt und zur Gründung ihrer legendären Privatsammlung inspiriert haben. Winogradow übernahm die Leitung der erlesenen Galerie des steinreichen Brüderpaars und sorgte für den Ankauf von Werken so berühmter Impressionisten wie Paul Cézanne, Auguste Renoire und Claude Monet. Die Galerie wurde nach der Revolution von 1917 von den Sowjets verstaatlicht, die Bilder hängen heute im Moskauer Puschkin-Museum und in der Eremitage in St. Petersburg. Winogradow konnte sich mit den neuen Machthabern allerdings nicht anfreunden. Nach der Organisation einer viel beachteten Ausstellung rus­sischer Kunst in den USA kehrte er nicht mehr nach Moskau zurück und lebte bis zu seinem Tod 1938 in Lettland. Die Ausstellung ist bis zum 10.Januar 2021 geöffnet. Der Eintritt kostet 400 Rubel

Birger Schütz

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