Ein akustischer Spaziergang durch die Straßen Moskaus

Ende Juli wurde in Moskau das neue Projekt „In.Visible Moscow“ ins Leben gerufen. Während eines zweistündigen Spaziergangs tauchen die Teilnehmer dabei in die Geschichte der Stadt ein – aus Sicht einer Moskauerin.

Protagonistin „Sascha“ nimmt ihre Gäste mit auf eine klangvolle Reise in die Geschichte der Stadt. © Anna Braschnikowa

Eine Reise in die Gefühls- und Gedankenwelt einer Moskauer Journalistin, die nach langer Abwesenheit in die Stadt zurückkommt. Was daran wohl so besonders ist? Das Team von „In.Visible Moscow“ hat einen Spaziergang durch Moskau erdacht, bei dem die Teilnehmer durch Klänge aus Kopfhörern der Gegenwart entrückt werden und sich in einem Film wiederfinden. Die Hauptfigur des Spaziergangs ist die junge Journalistin Sascha. Für nur einen Tag kam sie geschäftlich nach Moskau, die Stadt, in der sie geboren wurde und in der sie aufwuchs. Doch alle ihre Freunde sagten die Verabredungen mit ihr ab und so findet sie sich schließlich auf einer Reise der Selbstfindung.

Die 25 Zuschauer folgen ihr und ihren Gedanken. Überraschenderweise ist Saschas Leben eng mit der Vergangenheit und Gegenwart Moskaus verbunden, sowie mit Architektur, Traditionen und Menschen. Die Teilnehmer sehen die Stadt durch ihre Augen, hören Musik, die in Saschas Kopf klingt, und erleben dabei ihre innere Reise mit. Diejenigen, die selbst in Moskau geboren wurden, erinnern sich zusammen mit Sascha an das Hotel „Rossija“, das sich früher auf dem Gebiet des Sarjadje-Parks befand, an die langjährige Baustelle an diesem Ort, an die Spaziergänge in den Gassen von Kitaj-Gorod und an Omas, die sie als kleine Kinder vom Fenster aus nach Hause zum Mittagessen hereinriefen, während sie im Hof Ball oder Verstecken spielten.

Zwischenstopp bei Drinks und Snacks

Diejenigen, die Moskau für sich mit Sascha erst entdecken, bekommen eine wunderschöne Möglichkeit, die Geheimnisse hinter den verschlossenen Türen zu erlauschen und sich mit der Geschichte legendärer Gebäude vertraut zu machen: vom Kaufhaus GUM bis zu einer der sogenannten sieben Schwestern, dem Hochhaus am Kotelnitscheskaja-Ufer. Dabei sind alle aktive Teilnehmer dieses Spaziergangs.

Während sie dem Mädchen folgen, tanzen sie, toben sich auf dem Kinderspielplatz aus und tun die albernsten Dinge mit ihr. In einer Gasse kommen alle zusammen mit Sascha an einer Kneipe vorbei, wo sie von russischem Beerengetränk und Fruchtlikör sowie Fingerfood erwartet werden. Bei dieser Gelegenheit lässt Sascha ihre Mitreisenden einander kennenlernen, Blicke und Lächeln tauschen.

Sie macht das so unaufdringlich, dass man sich sofort fragt, warum man selbst nicht einfach Unbekannte auf der Straße anlächelt. Es ist doch so einfach, einem anderen die Stimmung zu heben.

Und plötzlich Morgengymnastik

Aber die Reise geht weiter und alle finden sich auf einem schönen Platz ein, wo Sascha sich plötzlich entscheidet, Morgengymnastik zu machen. Dabei wieder eine Reise in die Vergangenheit: Sie stellt sich vor, wie das wäre, wenn alle ihre Arbeitskollegen gemeinsam Betriebsgymnastik machen würden, wie zu Sowjetzeiten. Es muss irgendetwas nicht Greifbares gegeben haben, das so unterschiedliche Menschen damals in einem Staat vereint hat. Vielleicht war diese Betriebsgymnastik auch ein verbindendes Element? Während ein Teil der Gruppe mitmacht, sitzt ein anderer ruhig auf der Bank und hat Zeit, sich in seine Gedanken zu vertiefen.

Was hat diese zweistündige Reise mit Sascha und gleichzeitig ganz für sich alleine jedem gegeben? Einer sieht sehr nachdenklich aus, ein anderer lächelt offen in die Welt hinein. In den Augen eines Mädchens stehen Tränen: In zwei Wochen verlässt es wie Sascha einst Moskau und zieht in ein anderes Land. Doch schon mahnt das berühmte Musikstück des sowjetischen Komponisten Georgij Swiridow zum Aufbruch: „Zeit, vorwärts!“. Auf zur letzten Station dieser ungewöhnlichen Promenade! Zum Kotelnitscheskaja-Ufer, wo dieses Eintauchen in die Geschichte symbolisch vor dem Kinotheater „Illusion“ endet. Eine Reise voll von Geschichten, Ideen und Musik! Infos zu den Touren sind unter invisiblemoscow.com/de zu finden.

Anna Braschnikowa

„In.Visible Moscow“: zuhören, träumen, in Gedanken versinken © Anna Braschnikowa

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