E-Visa ausgebremst, deutsch-russische Begegnungen nicht

Normal ist in den deutsch-russischen Beziehungen schon lange nichts mehr. Oder anders: Normal ist, dass nichts normal ist. Diesem Gewöhnungseffekt gilt es zu widerstehen. Dazu besteht dieses Jahr ausreichend Gelegenheit.

An Dialog-Formaten besteht im Rahmen des Deutschlandjahres kein Mangel. (Foto: Jelzin-Zentrum Jekaterinburg)

„Ein Deutscher? Na das ist ein Ding! Also gut, aber mach mir keine Schande.“ Der Parkwächter zwinkert mir zu und tritt zur Seite. Eben noch hatte er sich mir und meinem Leihfahrrad in den Weg gestellt, denn in seinem Park ist Radfahren nur am frühen Morgen erlaubt. Bei einigen Kollisionen waren Spaziergänger zu Schaden gekommen, seitdem darf der Drahtesel auch nicht geschoben werden. Das führt ja nur in Versuchung, sich hinter der nächsten Ecke doch wieder in den Sattel zu schwingen. Aber für den Deutschen macht der Wachmann eine Ausnahme, der Deutsche wird sich schon an die Regeln halten, scheint er zu meinen. Zum Glück habe ich mich nicht als Moskauer vorgestellt, das wäre ganz anders ausgegangen.

Es ist eine kleine, wenn auch bezeichnende Episode, die sich so vor einigen Monaten im südrus­sischen Krasnodar zugetragen hat, dem Tor zur Schwarzmeerregion. Viele Landsleute, die in Russland leben, könnten noch ganz andere herzerwärmende Geschichten erzählen von diesen unglaublichen Russen, die nach zwei Weltkriegen, die von Deutschland ausgingen, unbedingt auf die Freundschaft anstoßen wollen und dem Deutschen nicht nur nicht feindselig begegnen, sondern ihn mit der einen oder anderen Vorzugsbehandlung endgültig entwaffnen.

„Verständigung muss Staatsräson bleiben“

Das ist die Alltagserfahrung. Sie kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich im deutsch-russischen Verhältnis die Fronten immer weiter verhärten. Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft konstatierte erst im Dezember wieder eine „dramatische Verschlechterung“ der bilateralen Beziehungen. Oliver Hermes, der Vorsitzende des Wirtschaftsverbandes, mahnte, die Verständigung zwischen Russland und Deutschland müsse „jenseits aller Differenzen in beiden Ländern Staatsräson bleiben“.

Um gegenzusteuern und einer weiteren Entfremdung vorzubeugen, bietet das neue Jahr nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Die vielleicht wirksamste Maßnahme, Begegnungen zu erleichtern und damit zu fördern, ist dabei leider vorerst Corona zum Opfer gefallen. Ab dem Jahreswechsel sollte die neue E-Visa-Regelung für Kurzreisen nach Russland greifen. Derzeit liegt sie allerdings auf Eis, weil wegen der Reisebeschränkungen generell keine Visa ausgestellt werden.

Ein starkes Argument, sich näherzukommen (oder nahe zu bleiben), ist das Deutschlandjahr in Russland. Es hat Ende September 2020 mit einer Eröffnungswoche in Moskau begonnen und sollte ursprünglich bis Juni 2021 laufen. Im Moment ist eine Verlängerung im Gespräch, zumal viele geplante Projekte und Veranstaltungen in das laufende Jahr verschoben werden mussten, darunter publikumswirksame Gastspiele und Konzerte sowie das Internationale Kulturforum in St. Petersburg, bei dem Deutschland 2020 Ehrengast sein sollte.

Beethoven in der Bahnstation

Heike Uhlig, Leiterin des Goethe-Instituts Moskau, zieht dennoch ein positives Zwischenfazit. Zahlreiche Veranstaltungen ganz unterschiedlicher Formate und zu unterschiedlichen Themen hätten bereits stattgefunden und nicht etwa nur in Moskau oder St. Petersburg, sondern auch in Städten wie Archangelsk, Uljanowsk, Kolomna, Omsk, Togliatti, Ufa, Samara und Perm, womit längst nicht alle genannt sind. Gezwungenermaßen mussten oft digitale oder hybride Formen der Ausrichtung gefunden werden. Das sei „bisher sehr gut gelungen“, so Uhlig. Die großen Veranstaltungen zum Auftakt oder Veranstaltungen im öffentlichen Raum würden jedoch „allseits schmerzlich vermisst“.

Doch wenn schon das Publikum nicht zu den Künstlern kommen kann, dann kommen die Künstler eben zum Publikum. Die Aufführungen der „Beethoven-Linie“ fanden an einer Station der Moskauer S-Bahn-Ringlinie statt, eine einzigartige Gelegenheit, Beet­hovens Musik auf dem Weg zur Arbeit, zum Studium oder nach Hause zu erleben.

Dialog schon bei der Projektentwicklung

Viele Projekte seien partnerschaftlich von deutschen und russischen Institutionen entwickelt und aus Mitteln des Deutschlandjahres gefördert worden, hebt Uhlig hervor. Dadurch gelinge es bereits in der Entstehungsphase, „den Dialog zwischen den Menschen in unseren Ländern zu fördern und deutsch-russische Netzwerke zu stärken“.

Parallel läuft das deutsch-russische Themenjahr „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung 2020-2022“, das Mitte Dezember eröffnet wurde und auf das gemeinsame Jahr der Hochschulkooperation und Wissenschaft folgt, das im Herbst 2020 endete. Das neue Themenjahr biete „vielfältige Möglichkeiten, gerade die deutsch-russische Zusammenarbeit im Klimaschutz zu intensivieren“, sagte der Ost-Ausschuss-Vorsitzende Hermes. Ebenfalls Ende des vergangenen Jahres wurde die Gründung eines deutsch-russischen Unternehmerrats bekannt gegeben. Mitglieder sind hochrangige Unternehmens- und Verbandsvertreter aus beiden Ländern. Den russischen Vorsitz hat Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow inne.

Tino Künzel

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