Die zwei heiligsten Feiertage des Jahres: Was ein Priester darüber denkt

Ostern und der Siegestag: Russlands wichtigster kirchlicher und der wichtigste weltliche Feiertag liegen in diesem Jahr nur eine Woche aus­einander. Aber was macht sie eigentlich so bedeutsam? Und wie wird am 2. und 9. Mai gefeiert? Die MDZ lässt dazu Sergej Filippow (55) zu Wort kommen, einen orthodoxen Priester aus der Provinzstadt Sosnogorsk in Nordrussland. Hier spricht der ausgebildete Pädagoge und ehemalige Sportlehrer über Ostertraditionen, über deutsche Soldaten und über Großväter, die er nie kennengelernt hat.

Mein Ostern

Es gab einmal den Ausdruck „Heilige Rus“. Traditionell hatten die Menschen hier vielleicht tatsächlich ein besonderes Verhältnis zum Glauben. Aber 70 Jahre Sowjetunion sind natürlich nicht spurlos an uns vorübergegangen. Man hat die Kirche verfolgt, hat Kirchen abgerissen und Kirchenvertreter erschossen. Uns wurde von Kindesbeinen an eingetrichtert, dass die Wissenschaft bewiesen hat: Gott existiert nicht. Damit bin ich aufgewachsen.

Heute ist bei uns die Kirche an Sonntagen voll. Und es sind beileibe nicht nur Alte, die kommen, sondern auch Junge, Frauen und Männer, viele Kinder. Das ist wie in einer großen Familie. An die Liturgie schließt sich die Sonntagsschule an.

Sergej Filippow – oder Vater Sergij – vor seiner Serafim-Sarowskij-Holzkirche in der Kleinstadt Sosnogorsk (Foto: Tino Künzel)

Der wichtigste Sonntag im Jahr ist Ostern. Das Fest der Feste, wie man bei uns sagt. Was feiern wir an diesem Tag? Die Überwindung des Todes! Jesus Christus, der unschuldig ans Kreuz genagelt wurde, hat ihn mit seiner Auferstehung besiegt. Ein freudigeres Ereignis kann man sich gar nicht vorstellen. Für den Menschen, der wahrscheinlich nichts mehr fürchtet als der Tod, ändert sich mit dieser Erkenntnis alles. Denn er weiß, dass ihn nach dem Ende dieses Lebens ein neues Leben erwartet, wenn auch ein ganz anderes, in dem man nicht isst, nicht trinkt, nicht schläft, nicht einkauft, nicht arbeitet oder spielt. Ein Zarenreich der Liebe.

Die Osterfeier beginnt um Mitternacht mit einer Prozession um die Kirche. Sie erfolgt in aller Stille, bei Kerzenschein, mit leisem Gesang. Vor den geschlossenen Toren ruft der Priester dann zum ersten Mal aus: „Christos woskressje! (Christ ist auferstanden – d. Red.) Und die Menge antwortet: „Woistinu woskressje!“ (Er ist wahrhaftig auferstanden – d. Red.)    

Die Ostermesse dauert mehrere Stunden und ist durchsetzt von fröhlichen Liedern und Ausrufen, erfüllt von schönen Gewändern, brennenden Kerzen und von einer Feststimmung, die alle erfasst. Anschließend werden mitgebrachte Osterspeisen gesegnet, von denen jede ihre symbolische Bedeutung hat. Weil nicht jeder am nächtlichen Gottesdienst teilnehmen kann, passiert das auch schon am Vortag oder aber am Sonntagmorgen. Die Ostereier werden üblicher­weise am Samstag gefärbt.

In einem Kloster bei Moskau breiten Gläubige am Ostersamstag mitgebrachte Speisen auf einem Tisch aus, um sie vom Priester segnen zu lassen. (Foto: Tino Künzel)

Wenn die Leute nach der Messe nach Hause kommen, dann legen sie sich meist schlafen, immerhin waren sie die gesamte Nacht auf den Beinen. Um 12 Uhr ziehen wir bei einer Prozession durch die Stadt. Je nachdem, ob Ostern auf einen früheren oder späteren Termin fällt, ist es in unseren Breiten oft noch winterlich, mitunter aber auch schon warm. Manchmal finden auf unserem zentralen Platz Konzerte mit Gesang und Tanz statt. In der Woche danach waren wir auch schon in Gefängnissen, in Krankenhäusern und Kinderheimen, um kleine Geschenke zu überreichen und die Freude, für die Ostern steht, weiterzutragen.

Aber noch ist es nicht so weit. Wir sind erst auf dem Weg zu Ostern, bereiten uns darauf vor, indem wir fasten. Die Fastenzeit umfasst sieben Wochen oder genauer gesagt 48 Tage. Sie dient dazu, die Seele zu reinigen. Wer mit Christus auferstehen will, der muss auch ein wenig mit ihm leiden. So wie Jesus in Golgatha ans Kreuz geschlagen wurde, so ist die Fastenzeit eine Art Golgatha. Jeder soll an sich arbeiten und sich anstrengen, so wenig wie möglich zu sündigen so viel wie möglich Gutes zu tun.

Was das Essen betrifft, so verzichten wir auf Fleisch, Milch und Eier, am besten auch auf Fisch. Wer kann, der isst in der ersten und speziell in der letzten Woche ein paar Tage lang überhaupt nichts. Wobei für Alte und Kranke Ausnahmen gelten. Das Wichtigste ist ohnehin, was man in zwischenmenschlicher Hinsicht so in den Mund nimmt. Man sollte nicht über andere herziehen, ihnen nicht ihre Sünden vorhalten, nicht nachtragend sein, allen vergeben und so weiter.

Fasten ist keine Diät. Es geht nicht darum, abzuspecken und leichter zu werden, sondern sich Gott zu nähern. Das beschränkt sich längst nicht nur darauf, wie wir uns ernähren, sondern fordert den Menschen als Ganzes. Die Augen fasten, indem sie weniger Unterhaltungssendungen schauen und lieber die heiligen Schriften lesen. Die Ohren fasten, indem sie im rich­tigen Moment weghören. Der Mund fastet, indem er Maß beim Essen hält, aber auch weniger bösartige Worte ausstößt und überhaupt der Schwatzhaftigkeit entsagt. Die Hände fasten, indem sie keinen Schaden anrichten, sondern lieber Nachbarschaftshilfe leisten.

Aber wer Gott nahe sein will, der muss auch mit ihm reden. Deshalb sind die Wochen vor Ostern auch eine Zeit der Gebete. Gläubige bemühen sich, in die Kirche zu gehen. Die Gottesdienste sind in der Regel lang, gedämpft und von Trauer geprägt. Viele entschließen sich in diesen Tagen zur Beichte. Der eine hat die Beherrschung verloren, der andere jemanden getäuscht, war eifersüchtig, geizig oder kann Kränkungen nicht vergessen. Und um diese Flecken auf der Seele nicht mit sich herumzuschleppen, bitten die Menschen Gott um Vergebung.

Nach einer solchen Reinigung ist man bereit für Ostern. Damit endet auch die Fastenzeit. Der Ostersonntag ist ein Tag, an dem sich die gesamte Familie zum Festmahl trifft, man sich gegenseitig besucht und gratuliert.

Mein Siegestag

Siegestagsparade in Sosnogorsk (Foto: Tino Künzel)

Der 9. Mai verbindet uns alle. Keine Familie, die der Krieg verschont hätte. Von meinen beiden Großvätern ist einer gefallen, der andere wurde verwundet und ist bald nach Kriegsende gestorben. Manche kamen ohne Beine oder ohne Hände zurück. Und das galt als Glück, denn wenigstens hatten sie überlebt. Es war ein furchtbarer Krieg, den unsere Vorfahren unter unvorstellbaren Opfern gewonnen haben. Die Existenz unseres Staates, unserer Kultur stand auf dem Spiel. Unsere Vorfahren haben das Vaterland gerettet und den Faschismus besiegt – Russen und Ukrainer, Kasachen und Usbeken, Armenier und Aserbaidschaner und viele andere Völker der Sowjetunion, die heute in getrennten Staaten leben, zusammen. Das ist deshalb auch ein Feiertag, den wir mit unseren Nachbarn teilen.

Bis in unsere Gegend ist der Krieg nicht gekommen, aber von hier sind viele an die Front gezogen. Es wurden sogar Einheiten mit Rentierhirten gebildet, denn Rentiere sind im Norden das beste Transportmittel. Sie brauchen kein Benzin, sie sind gegen die Kälte immun und können praktisch jedes Terrain passieren. Mit ihnen hat man zum Beispiel Verwundete und Waffen transportiert. Letztlich haben die Deutschen vergeblich versucht, die Hafenstädte Murmansk und Archangelsk einzunehmen, und beide nur bombardiert.

Die Kampfhandlungen während des Krieges erstreckten sich vom äußersten Norden bis zum Schwarzen Meer im Süden. So etwas erleben zu müssen, wünscht man keinem. Nicht uns, nicht dem deutschen Volk, niemandem.

Was ich von den Deutschen halte? Hören Sie, wir haben nicht gegen die Deutschen gekämpft, sondern gegen die Faschisten. Es kann mir doch keiner erzählen, dass die Deutschen mit großer Begeisterung gen Osten marschiert sind und ihre Familien allein gelassen haben. Mir tun die gefallenen deutschen Soldaten leid. Unsere haben ihre Heimaterde verteidigt. Aber wofür sind die Deutschen hier gestorben? Um andere zu versklaven und um sich ein Land unter den Nagel zu reißen, wie es die Politik der Nazis war? Meiner Meinung nach hat dir Gott nicht dafür das Leben geschenkt.

Am Siegestag denken wir an diese Ereignisse zurück. Im Fernsehen laufen Filme über diese Zeit. Beim Gottesdienst gedenken wir all der Opfer. Derer, die nicht von der Front zurückgekehrt oder in Kriegsgefangenschaft umgekommen sind. Derer, die Verwundungen oder Krankheiten erlegen sind.

Höhepunkt der Feierlichkeiten ist der Festumzug durch die Stadt. Leider sind ja kaum noch Kriegsveteranen am Leben. Doch in letzter Zeit hat sich eine neue Tradition herausgebildet. Alle kommen mit den Porträts ihrer Familienmitglieder aus der Kriegsgenera­tion zur Parade. Das „unsterbliche Regiment“ läuft sozusagen mit uns mit. Wir erinnern uns daran, wofür diese Leute gestorben sind. Wir singen Kriegslieder, die jeder auswendig kennt. Zu Hause wird dann oft der Tisch festlich gedeckt, versammelt sich die Verwandtschaft. Ein ganz besonderer Tag.

Aufgeschrieben von Tino Künzel

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