Die Regelfanatiker

Wo der Staat wegschaut, schreiten sie ein. Selbst ernannte Wächter maßen sich in Russland immer wieder an, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch die Methoden und eigentlichen Ziele der Gruppen sind oft zweifelhaft.

Lew Protiw
Michail Lasutin auf Konfrontationskurs in der „Jama“ © youtube.com/Лев против

Für viele Moskauer ist die Umgestaltung des Chochlowka-Platzes im Stadtzentrum sicher die gelungenste Maßnahme der Stadtsanierung unter Bürgermeister Sergej Sobjanin. Denn mit der „Jama“ (Grube) entstand hier 2017 ein Ort, an dem sich die Menschen seitdem nicht nur gerne treffen, sondern auch ein wenig Freiheit genießen.

Diese Freiheit bedeutet in erster Linie in der Öffentlichkeit Alkohol trinken zu können, was in Russland seit 2014 verboten ist. Die Ordnungslücke, die durch das Wegschauen der Polizei fast zwei Jahre existierte, fand am 31. Mai ihr Ende. An jenem Freitagabend nahm die Gruppe „Lew protiw“ (Der Löwe ist dagegen), die sich dem Kampf gegen Alkohol- und Tabakkonsum in der Öffentlichkeit verschrieben hat, erstmals die „Jama“ ins Visier. Ausgestattet mit Muskeln, Pfefferspray und Kameras gingen die jungen Männer gegen alle vor, die sich nicht an die Regeln hielten. 

Und „Lew protiw“ beließ es nicht bei dieser Aktion. Den ganzen Sommer über führte die Gruppe jeden Freitag „Razzien“ durch. Dabei schreckten die Männer auch nicht vor Gewalt zurück und ließen die angeblichen Sünder von der herbeigerufenen Polizei abführen. Alles wirkungsvoll auf Video aufgenommen, um die Arbeit anschließend auf dem eigenen YouTube-Kanal zu präsentieren.

Mit ihrem Vorgehen reiht sich die 2014 von Michail Lasutin gegründete Gruppierung in die Tradition selbst ernannter Ordnungswächter ein. Forscher gehen davon aus, dass die Idee, als normaler Bürger für Ordnung zu sorgen, ihren Ursprung in den sowjetischen „Druschiny“ hat. Diese patrouillierten damals gemeinsam mit der Polizei in den Straßen. 

Die Ideologie heutiger Gruppen sei indes einfacher, glaubt  Asmik Nowikowa, Forschungsleiterin der Stiftung „Öffentlicher Schuldspruch“. In einem Beitrag für die Zeitung „Wedomosti“ erklärt sie, dass die Aktivisten davon ausgehen, dass die Polizei ihren Aufgaben nicht gewachsen sei oder diese ignoriere.

Deshalb wollen Gruppen wie „Lew protiw“ die Probleme auf russischen Straßen selbst lösen. Und die Mitglieder sind überzeugt, für eine gute Sache zu kämpfen. So sprach das ehemalige „Lew protiw“-Mitglied Dmitrij Udarow gegenüber dem Fernsehsender RTVi davon, dass er daran glaubte, für eine gute Idee, die Gesundheit der Bevölkerung, zu kämpfen. Von den Methoden indes war er enttäuscht, sodass er die Gruppe schnell wieder verließ. 

Zweifelhaft sind nicht nur die Methoden, Gewalt und öffentliche Zurschaustellung, die „Lew protiw“ anwendet, sondern auch die Finanzierung und Staatsnähe. Nach Angaben  der „Nowaja Gaseta“ hat die Gruppierung mehrfach Geld von staatlichen Stiftungen erhalten. Demnach flossen 2014 gut 5,2 Millionen Rubel (71 000 Euro) und ein Jahr später gar sieben Millionen Rubel (95 000 Euro). Michail Lasutin wird in Interviews hingegen nicht müde, seine Organisation als unabhängig und nicht kommerziell darzustellen. 

Geld verdient „Lew protiw“ allerdings nicht nur durch den Staat, sondern auch mit den durchaus professionell gemachten Videos auf YouTube. Nach Angaben der Website Social Blade, die Statistiken und Analysen zu sozialen Medien protokolliert, verdient „Lew protiw“ mit seinen 1,8 Millionen Abonnenten zwischen 432 und 6900 US-Dollar pro Monat. 

Letztendlich gehe es den selbst ernannten Ordnungshütern um Klicks und Reichweite im Netz, glaubt Ex-Mitglied Udarow. Auch deshalb habe er der Gruppe den Rücken gekehrt. Und selbst „Lew“-Chef Lasutin gibt zu, dass es ihm um einen gewissen Internetruhm geht. „Wir machen das nicht, damit dieser eine Mensch aufhört zu trinken. Das ständige Wiederholen soll ein Beispiel für Jugendliche sein, gleich welchen Alters“, erklärte er der „Nowaja Gaseta“.

Die Moskauer Stadtregierung hat nach langem Wegsehen auf das Treiben von „Lew protiw“  reagiert. Sie errichtete einen drei Meter hohen Zaun, der den beliebten Treffpunkt für Wochen unzugänglich machte. Offiziell handelte es sich um eine Sanierung, wie es dazu aus dem Rathaus hieß.  

Wenn der Sommer sich in diesem Jahr noch mal blicken lässt, werden auch die jungen Moskauer wieder zur „Jama“ kommen. Und mit ihnen höchstwahrscheinlich auch „Lew protiw“. 

Daniel Säwert

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