Die Liebe der Russen zum Tarnmuster

In vielen Ländern verpönt, erfreut sich Tarnkleidung in Russland großer Beliebtheit. Und das bei allen Schichten und Geschlechtern. Eine Suche nach den Gründen für den russischen Tarn-Spleen.

Inkognito auf Fischjagd. Russische Freizeitkleidung ist auffällig unauffällig. (Foto: Spika Omsk)

„So eine Militäruniform kann man in jedem Militärladen kaufen“, erklärte Russlands Präsident Wladimir Putin im März 2014 Journalisten, als diese fragten, ob die „grünen Männchen“ auf der Halbinsel Krim nicht russische Soldaten seien. Beim ausländischen Beobachter hat diese Aussage irgendetwas zwischen Verwunderung und Belustigung ausgelöst. Doch wer sich auf Russlands Straßen umschaut, dem fällt auf, dass tatsächlich viele Menschen in Tarnkleidung herumlaufen. Subjektiv betrachtet mehr als in jedem anderen Land Europas. 

Nein, Russen waren nicht die ersten, die auf die Idee kamen, in militärischer Kleidung den Alltag zu bestreiten. Schon 1943 widmete die US-amerikanische Modezeitschrift „Vogue“ dem Tarnmuster ihre Titelseite. Während des Vietnamkrieges entdeckten Kriegsgegner den Camouflage-Style als Zeichen ihres Protests. Trotz verschiedener Wellen äußerst bunter Mode hielt sich das grün-braun gefleckte Muster erstaunlich erfolgreich. 

Beliebt bei Polizisten und Wachmännern

Als ich aufwuchs, war die Auswahl an Klamotten bei uns nicht so groß. Man nahm oft, was es gab. Tarnklamotten gehörten aber nicht dazu. Hatte ihr Träger damals doch oft einen niedrigen sozialen Status oder aber eine sehr fragwürdige politische Gesinnung. Zumindest galt das im Mecklenburg der 1990er Jahre. 

Doch während militärisch angehauchte Mode in Deutschland zum absoluten Nischenprodukt verkommen ist, hält sie sich in Russland hartnäckig. Und das durch alle Altersklassen und Schichten hindurch. Man könnte meinen, Tarnbekleidung ist für den Russen das, was für den Deutschen die Outdoorjacke ist. 

Und so kommt man sich in den Straßen russischer Städte manchmal wie in einem Krisengebiet vor. Abgesehen von den verschiedenen Polizeieinheiten, die im Metro-Tarn die öffentliche Ordnung bewahren, fällt das Millionenheer der Wachmänner auf. Immer wieder kommt es vor, dass man glaubt, einen OMON-Offizier vor sich zu haben. Dabei beschützt der Mann „nur“ einen Parkplatz oder ein Gebäude. Ob die Tarnung eine List gegenüber potenziellen Einbrechern ist? Beim Anblick der oft sehr dürren oder aber sehr dicken Wachmänner möchte man ihnen eher das Prädikat „bedingt kampfbereit“ verleihen. 

Raus in die Natur mit Camouflage

Noch „bunter“ geht es in der Freizeit der Russen zu. Zumindest wenn es sie in die Natur zieht. Egal ob Wanderer oder Angler, die Menschen kleiden sich, als ob sie sich vor einem Eindringling in Schutz nehmen müssten. Ein russischer Blogger vermutet, dass Russen einfach so gerne illegale Dinge tun, dass sie sich visuell schützen müssen. Denn ist das Angeln oder Grillen an einer bestimmten Stelle überhaupt erlaubt? Viele wissen es nicht oder wollen es einfach nicht wissen. Doch falls unerwartet Kontrolleure auftauchen, ist es besser, unsichtbar zu sein. Wobei ein Tarnmuster bei Eisanglern etwa komplett seinen Effekt verliert. Aber vielleicht ist das gar nicht wichtig. Wer stundenlang auf dem Eis ausharren kann, den bringt wohl nichts aus der Ruhe.  

Als ich vor vielen Jahren bei einer Wanderung im Ural eine russische Bekannte fragte, warum sie denn so militärisch in den Wald zieht, schaute die mich nur verdutzt an. Es sei halt Freizeitkleidung und im Outdoor-Laden gebe es einfach nichts anderes. Werden Russen von der Industrie gezwungen, ihr Leben in einem Tarnzustand zu verbringen? Tatsächlich könnte man manchmal den Eindruck gewinnen. Egal ob Yogamatten, Werkzeug oder Nagellack. Es scheint kaum etwas zu geben, was in Russland keinen Tarnanstrich verdient. 

Mit seiner letzten Kollektion zeigte Stardesigner Goscha Rubtschinskij 2018, dass auch bei besser verdienenden Menschen der Tarn-Look immer noch aktuell ist. Das Online-Journal „Afisha Daily“ mutmaßte damals, dass Russen gerne zu den Fleckmustern greifen, da viele einen neuen Kalten Krieg erwarten. 

Auffallen mit Tarn

Doch warum fahren dann auch viele Frauen auf Tarnfleck-Kleidung ab? Schließlich müssen sie nicht an die Front. In ihrem Blog bekennt eine junge Frau, dass sie innerlich schon immer Soldatin sein wollte. Allerdings nicht in der russischen Realität. Die Welt der Beauty-Blogs preist den Tarn als Kleidung an, mit der man auffällt.

Das mag zwar der Grundidee widersprechen, ist aber angesichts der Beliebtheit von Pelzen und wildtiermäßig gemusterten Felljacken in der Wintergarderobe vielleicht gar nicht mal so abwegig. Tarnkleidung bedeutet Selbstbewusstsein, Grimmigkeit, Eigenständigkeit und auch ein bisschen Brutalität. Ist Camouflage also ein Ausdruck der Emanzipation russischer Frauen? Ein interessanter Gedanke. 

Ich freue mich derweil auf etwas wärmere Temperaturen. Dann kann ich meine Jack-Wolfskin-Jacke wieder aus dem Schrank holen. Damit fällt man in Moskau ganz sicher auf. 

Daniel Säwert

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