Die Entschärfung des Paten

Er kam aus dem Nichts, riss sich Russlands größte Alufabrik unter den Nagel und war beim Volk beliebt: Anatoli Bykow zählt zu den schillerndsten Geschäftsmännern des Wildost-Kapitalismus der 1990er Jahre. Nun drohen ihm ein Prozess und Haft.

Unternehmer mit krimineller Vergangenheit: Anatoli Bykow aus Krasnojarsk (Foto: krasnews.com)

Über der dreistöckigen Luxusvilla kreist ein Hubschrauber, dann dringen Kämpfer eines Spezialkommandos über eine Leiter auf das Grundstück vor. Atemlos hasten sie in Richtung Hauseingang: Die Bilder von der Festnahme des Geschäftsmannes Anatoli Bykow Anfang Mai waren spektakulär. Der Staatssender „Rossija24“ berichtete live von der Operation aus einer Waldsiedlung bei Krasnojarsk. Der Verdacht: Bykow soll 1994 einen Mord an zwei Konkurrenten in Auftrag gegeben haben.

Kampf um ein Aluminiumwerk

Die Festnahme des schlaksigen und sich betont freundlich gebenden 60-Jährigen erinnerte an eine der schillerndsten Episoden des russischen Wildost-Kapitalismus der 1990er Jahre: die sogenannten Aluminiumkriege. Damals kämpften im westsibirischen Krasnojarsk verschiedene Mafiabanden mit äußerster Brutalität um die Kontrolle von „Kras“, dem zweitgrößten Aluminiumwerk der Welt. Anschläge mit Panzermine und von Maschinengewehren zersiebte Kontrahenten waren keine Seltenheit. Dutzende zufällige Opfer starben bei den Kämpfen. Es ging um Hunderte Millionen Dollar – denn Aluminium war ein heiß begehrter Exportartikel.

Auch Anatoli Bykow, Amateurboxer und Sportlehrer in der trostlosen Kohlesiedlung Nasarowo, wollte etwas von dem Kuchen abhaben. Der Legende nach kam er Anfang der 1990er Jahre nach Krasnojarsk, um Freunden in Not zu helfen, denen Kriminelle Schutzgelder abpressten. Nach einem Besuch mit seiner durchtrainierten Boxbrigade war endgültig Ruhe. Die Gangster gingen den harten Jungs vom Lande künftig lieber aus dem Weg. Bykow entschied sich zu bleiben – und stieg in die Schlacht um das Aluwerk ein. In kriminellen Kreisen bekam er wegen seiner Durchsetzungskraft bald den Spitznamen „Tolja, der Bulle“.

Ein Bulle setzt sich durch

In den nächsten Jahren verschwand ein Konkurrent Bykows nach dem anderen von der Bildfläche. Ob Erstechen, Erschießen oder Bombenanschläge – das Ende der Gangster mit so klangvollen Spitznamen wie der „Gestreifte“ oder der „Schnurrbart“ war immer tödlich. Auf dem Friedhof „Badalyk“ im Norden der Stadt entstand eine „Allee der Privatisierer“ mit pompösen Grabstätten für die Mafiosi. Dass Bykow hinter all dem stand, galt als offenes Geheimnis. Doch Ermittlungen verliefen im Sand, zu Vorwürfen äußerte er sich nicht. 1996 gewann Bykow die Aluminiumkriege endgültig und übernahm die Kontrolle über das Werk.

In der Bevölkerung störte sich kaum jemand an den Methoden des Paten. Im Gegenteil. Viele Krasnojarsker sahen Bykow als einen der ihrigen, der mit den Kriminellen endlich aufgeräumt hatte. Zudem gab Bykow auch etwas von seinem Reichtum zurück. So ließ er als eine seiner ersten Amtshandlungen eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee bauen. Außerdem eröffnete Bykow Russlands erstes privates Waisenhaus, eine Schule für begabte Kinder und unterstützte Sportvereine. Was aber am wichtigsten in den bettelarmen 1990er Jahren war: Bykow zahlte seinen Tausenden Angestellten anständige Löhne und sogar Sozialleistungen. Viele Krasnojarsker haben ihm das bis heute nicht vergessen.

Wer hat die Macht?

Doch mit dem Aluwerk gab sich Bykow nicht zufrieden. Der frühere Boxer übernahm andere Industriegiganten sowie das örtliche Fernsehen und gewann immer mehr Einfluss. 1998 half er dem damals äußerst populären General Alexander Lebed bei der Wahl zum Gouverneur des Krasnojarsker Gebietes. Der beliebte Militär mit der polternden Bassstimme sollte Bykow helfen, die wichtigsten regionalen Unternehmen unter Kontrolle zu bringen.

Aber Bykow hatte sich gründlich verrechnet. Denn Ex-Afghanistankämpfer Lebed, der den Bürgerkrieg in der abtrünnigen Region Transnistrien beendet und im ersten Tschetschenienkrieg vermittelt hatte, war ein Mann mit eisernen Prinzipien. Er weigerte sich mitzuspielen. Bald entbrannte zwischen den Männern ein verbitterter Kampf um die Macht in der Region.
Das Ende des Aluminiumkönigs begann, als Lebed seine Verbindungen nach Moskau spielen ließ und die Behörden eine klassische Finte einfädelten. So kündigte im Herbst 2000 plötzlich „Pascha Lichtmusik“, einer der wenigen Überlebenden der Aluminiumkriege, vor laufenden Kameras eine Aussage gegen Bykow an. Kurz darauf wurde der Mafiosi mit dem eigenartigen Spitznamen erschossen, die Nachrichten zeigten Bilder vom angeblichen Tatort. Bykow galt als Hauptverdächtiger. Er wurde festgenommen und zu einer Bewährungsstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt. Doch der Mord entpuppte sich als Inszenierung, „Pascha Lichtmusik“ war quicklebendig. Für Bykow ging es trotzdem bergab. Nach dem Prozess verlor er schrittweise die Kontrolle über das Aluminiumwerk.

Den Posten des Gouverneurs im Blick

Der Beliebtheit in seiner Heimat tat das keinen Abbruch. Bykow widmete sich fortan Wohltätigkeitsprojekten, wetterte mehrere Jahre als Abgeordneter der gesetzgebenden Versammlung der Region Krasnojarsk gegen den Einfluss des fernen Moskau und legte sich mit den örtlichen Beamten an.Beobachter vermuten hierin auch den Grund für seine Festnahme. Denn in diesem Jahr wären Auflagen für ein politisches Engagement Bykows ausgelaufen. Und er soll den Gouverneursposten im Blick haben.

Birger Schütz

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