Berlin Alexanderplatz: Inszenierung ohne Serebrennikow

Das Deutsche Theater war zu Gast in Moskau. Das Ensemble führte auf der Bühne des Gogol Centers das Stück „Berlin Alexanderplatz“ nach dem Roman von Alfred Döblin auf. Und setzte damit ein Zeichen.

Kühl und modern: Das Deutsche Theater inszeniert Döblins Roman in Moskau. /Foto: Deutsches Theater.

Für drei Abende verwandelte sich die Bühne des Moskauer Gogol Centers zum berühmtesten Platz Berlins, dem Alexanderplatz. Modernes Bühnenbild und Kostüme, extravagante Figuren und ein begeistertes Publikum – dafür sorgte das Deutsche Theater, das im Rahmen eines gegenseitigen Gastspiels mit dem Moskauer Gogol Center stattfand. Unterstützt wurde das Projekt vom Goethe-Institut.

Die Aufführung entsprach fast vollständig der Berliner Originalversion, nur die speziell errichtete Drehbühne konnten die Macher nicht so schnell nachbauen. Das vierstündige Schauspiel erzählt vom Leben und Tod Franz Biberkopfs, der nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis ein ordentliches Leben führen will, was ihm allerdings nicht gelingt. Die Verweise auf das Alte Testament, das Geplauder in Berliner Kneipen, Kinoprogramme und der Lärm einer Großstadt flechten sich in die Handlung des Romans ein. Regisseur Sebastian Hartmann vergaß dabei beinahe, die Geschehnisse der Rahmenhandlung zu erzählen und widmete seine Inszenierung ganz der Innenwelt des Haupthelden.

Fünf Jahre Gogol Center

Aufgrund der großen Anzahl berühmter Regisseure und Schauspieler wird das Deutsche Theater oft mit dem Moskauer Tschechow-Theater, kurz MChAT, verglichen. Hier arbeiteten Max Reinhardt, Bertolt Brecht und Heiner Müller. Hinter den Namen der deutschen Klassik verbirgt sich heute ein sehr moderner und kühner Auftritt. Das passt wiederum zum Gogol Center, das Anfang Februar sein fünfjähriges Jubiläum beging. Innerhalb dieser Zeit schaffte das Theater unter der Leitung von Kirill Serebrennikow das angestaubte Image loszuwerden, und eines der progressivsten Theater Moskaus zu werden, das sich auch im Ausland einen Namen machte.

Die Idee, sich gegenseitig zu besuchen, geht auf die beiden Intendanten Kirill Serebrennikow und Ulrich Khuon zurück. „Die Stücke von Kirill haben mich immer interessiert. Ich habe seine Salome in der Stuttgarter Oper gesehen und wollte, dass er auch in unserem Theater etwas auf die Bühne bringt“, sagt Khuon.

Das Gastspiel des Gogol Centers war für Ende März und Anfang April geplant, im Mai sollte die Premiere von „Dekameron“ im Beisein von Serebrennikow stattfinden. Doch die Verhaftung des Regisseurs im letzten Jahr machte das Vorhaben unmöglich. Weil sich Serebrennikow weiterhin unter Hausarrest befindet, musste die Premiere verlegt werden.

Austausch statt Boykott

In Berlin wird das Gogol Center zwei Aufführungen deutscher Autoren auf die Bühne bringen: „Maschine Müller“ und „Kafka“. „Wir erwarten dieses Gastspiel mit Gänsehaut, es ist für uns sehr wichtig“, sagt Semen Steinberg, Schauspieler am Deutschen Theater. „2014 haben wir auf der Schaubühne in Berlin Stücke russischer Klassiker und moderner russischer Autoren gezeigt. Es ist sehr interessant, was daraus wird.“

Auch Odin Bairon, Schauspieler am Gogol Center, freut sich über die Zusammenarbeit: „Ich bin sehr froh, dass dieser kulturelle Austausch stattfindet. Angst bekommt man nur, wenn jemand in einer schwierigen politischen Situation über Boykott spricht. Wenn jemand sagt: Ich will nicht zu euch fahren, weil ich mit dem, was bei euch im Land abgeht, nicht einverstanden bin. Solche Projekte sind der einzig richtige Weg, um diese Hindernisse zu überbrücken.“

Olga Kruglova

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