Armwrestling: Wenn Schlaf (und einiges mehr) den russischen Meister macht

Als Sylvester Stallone 1987 in „Over the Top” seine Muskeln spielen ließ und Hollywood damit Armdrücken – als Wettkamfsport Armwrestling genannt – auch in anderen Teilen der Erde populär machte, war Denis Mitin (31) noch gar nicht geboren. Doch von den Folgen profitierte er indirekt. Russland ist heute eine der stärksten Nationen in dem Metier – und Mitin seit Ende März russischer Meister. Mit der MDZ hat der zweifache Familienvater aus Iwanowo über einen Erzrivalen, über gesunden Schlaf und Extrem­diäten gesprochen.

Denis Mitin (Mitte) am Rande eines Fußballturniers seines Sohnes diesen Winter (Foto: Tino Künzel)

„Over the Top“ ist in Ihren Kreisen sicher ein Klassiker. Was halten Sie von dem Film?

Das erste Mal habe ich ihn als Jugendlicher gesehen. Da war ich begeistert. Aber umso mehr ich später Einblick gewonnen habe, desto mehr ist mir aufgestoßen, dass das Meiste nur Show ist. Und wo die Show anfängt, hört der Sport auf.

Die Filmszenen stammen teilweise von einem gigantischen Arm­wrestling-Event, das vor 35 Jahren parallel zu den Dreharbeiten veranstaltet wurde, und seinem Finale in Las Vegas.

Ja, daran haben echte Armwrestler mitgewirkt. Als Vorbild für die Rolle von Sylvester Stallone diente John Brzenk, einer der ganz Großen unseres Sports, der über viele Jahre eine dominierende Stellung innehatte. Er hat damals auch das eigentliche Turnier gewonnen und damit – wie Stallone im Film – einen Truck als Hauptpreis.

Filmplakat zu „Over the Top“ von 1987

Sind die USA als Heimat des Armwrestlings immer noch führend in der Welt?

Das waren sie bis vor 20, 30 Jahren. Inzwischen haben sich die Kräfteverhältnisse verschoben. Die besten Kämpfer kommen heute aus Russland, Bulgarien, Georgien, der Ukraine und anderen osteuro­päischen Ländern.

Wie erklären Sie sich das?

Ich würde sagen, das liegt an der Einfachheit des Sports. Was braucht man dafür schon? Einen Tisch! Selbst in der Schule, im Klassenzimmer, kann man sich auf diese Weise miteinander messen. Und so hat sich der Sport auch in Russland schnell verbreitet, mit ersten Anfängen noch in der Sowjetzeit. Tonangebend waren bei uns lange Athleten aus Nordossetien und Dagestan – Regionen mit langen Traditionen in den Kampfsportarten. Sportler von dort haben sich auch mit Brzenk heiße Duelle geliefert und ab und zu gewonnen.

Was gefällt Ihnen an dem Sport?

Ich habe vorher auch andere Sportarten betrieben. Aber umso älter ich werde, desto weniger Lust habe ich auf Sachen, bei denen man seinen Gegner fertigmachen muss. Nichts gegen Boxen oder Nahkampf, aber für mich ist das nichts. Beim Armwrestling geht es nicht darum, dem Gegenüber Schmerzen zuzufügen. Wobei der Sport an sich eine Reihe von Verletzungsrisiken mit sich bringt. Als ich mich nach dem Wehrdienst in Iwanowo bei einer Mannschaft anmelden wollte, hat man mich gleich mitmachen lassen. Dabei wurde mir der Arm dermaßen lädiert, dass ich erst einmal acht Monate aussetzen musste.

Würden Sie es also als gesund bezeichnen, sich dem Arm­wrestling zu verschreiben?

Gesund ist Breitensport. Vom Leistungssport – egal welchem – lässt sich das wohl kaum behaupten. Mir tut bisher zum Glück nichts weh. Aber vielleicht muss man sagen: noch. Mein Trainer zum Beispiel kann seinen Arm nur minimal einknicken, weil das Ellbogengelenk hinüber ist. Das weiß man alles, aber es hält einen nicht auf, wenn man eine Leidenschaft für den Sport entwickelt hat.

Wie oft trainiert man als Armwrestler?

In der Nebensaison dreimal die Woche, vor großen Wettkämpfen sechsmal. Aber ich kann auch mal ein Training auslassen, wenn ich spüre, dass ich schon an der Belastungsgrenze bin. In unserem Sport ist es wichtig, die Beanspruchung der Muskeln, der Gelenke und Sehen so zu steuern, dass sie nicht über Hand nimmt.  

Bei den nationalen Meisterschaften in Orjol sind Sie Ende März russischer Meister geworden. Der bisher größte Erfolg in Ihrer Karriere?

Ja, vor allem habe ich auf dem Weg zum Titel endlich Iwan Matjuschenko (vierfacher Weltmeister und zehnfacher russischer Meister – d. Red.) bezwungen. Zwei Jahre lang hatte ich mir an ihm immer wieder die Zähne ausgebissen. Das war also ein echter Durchbruch. Mit dem Gewinn der Meisterschaften habe ich mich auch für die EM und WM qualifiziert. Die Europameisterschaft sollte ursprünglich Mitte Mai in Litauen stattfinden, wird aber wegen der Pandemie höchstwahrscheinlich ausfallen. Die Weltmeisterschaft in Georgien ist auf den Herbst terminiert. Ich hoffe, dass das mein erster Wettkampf als Mitglied der Nationalmannschaft wird.

Was haben Sie für Ihren Sieg bekommen?

Sie werden lachen: eine Medaille und eine Urkunde. Die Gratulationen reißen bis heute nicht ab. Und alle fragen mich, wie hoch das Preisgeld war.

Und?

Es gab keins.

Kann man mit Armwrestling denn überhaupt gutes Geld verdienen?

Bei den Profis ja. Da will ich irgendwann auch hin. Es gibt da ein äußerst prestigeträchtiges Turnier unter dem Namen „Top 8“, bei dem die acht besten Armwrestler der Welt gegeneinander antreten. Das ist die Champions League des Armwrestlings. Ansonsten wird man in diesem Sport sicher nicht reich. Die Ausgaben, spe­ziell für Wettkampfreisen, sind meist ungleich höher als die Einnahmen. Man macht das alles aus Lust und Liebe, nicht wegen des Geldes. Die größte Summe, die ich je verdient habe, waren 100.000 Rubel (etwa 1100 Euro) bei einem Wettkampf in Jekaterinburg.

Denis Mitin (links) bei den russischen Meisterschaften (Foto: Privat)

In der Szene sind Sie mittlerweile bekannt?

Bei uns kennt sowieso jeder jeden. Und man hilft sich untereinander. Ungelogen: In jeder beliebigen Stadt finden sich Leute, die mich bei Problemen unterstützen. Wenn man dann noch die nötigen sportlichen Ergebnisse einfährt, dann spricht sich das schon recht schnell herum. Bei großen Wettkämpfen kommst du in den Saal und hörst, wie überall getuschelt wird: „Guck mal, der Mitin ist da.“ Das lässt man sich schon gefallen.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Richtiges Training, richtige Regeneration, richtiger Schlaf und richtige Ernährung.

Sie schlafen mehr als andere?

Nicht die Menge macht´s. Man kann acht Stunden schlafen und sich trotzdem nicht fit fühlen. Wichtig ist, dann zu schlafen, wenn der Schlaf am tiefsten und damit am erholsamsten ist, nämlich vor Mitternacht, von 21 bis 0 Uhr.

Das heißt, Sie gehen früh ins Bett?

Nach Möglichkeit ja. Ich halte auch Mittagsschlaf.

Und das lässt sich mit Ihrer Arbeit vereinbaren?

Ich bin Berufssoldat bei der russischen Armee. Bei uns stehen zwei Stunden Mittagsruhe sogar im Tagesablauf.

Was sieht es mit der Ernährung aus?

In der Regel müssen wir viel Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate zu uns nehmen. Aber es kann auch der umgekehrte Fall eintreten. Eine Woche vor den russischen Meisterschaften wog ich 125 Kilo. Ich war aber für die Gewichtsklasse bis 110 Kilo gemeldet. Mit einer Extremdiät habe ich innerhalb von anderthalb Tagen vor dem offi­ziellen Wiegen 13 Kilo abgespeckt. Davon sind allein sechs in der Banja geblieben. Das war hart, hatte aber Methode. Denn so eine Rosskur setzt jede Menge Energie frei, weil der Organismus alle Reserven mobilisiert, um den Gewichtsverlust zu kompensieren.

Wie sehr verausgabt man sich bei einem Wettkampf?

Die meisten Kämpfe sind nach einer Sekunde entschieden. In seltenen Fällen dauern sie drei, fünf oder mehr Sekunden. Wobei jeder Kämpfer am Tag zwischen fünf und acht solche Duelle bestreitet, in Abhängigkeit von der Teilnehmerzahl. Das kostet eine Menge Kraft. Wenn Sie für einen Sieg zu lange brauchen, dann schaffen Sie es möglicherweise nicht, bis zum nächsten Kampf zu regenerieren. Das sind biochemische Prozesse, die Sie schlapper und schlapper werden lassen.

Sind Ihre Muskeln eigentlich im Alltag hilfreich?

Nicht wirklich. Beim Militär habe ich einen Bürojob und werde nur geistig beansprucht. Etwas Schweres heben muss ich nie. Und zu Hause verhält sich das ähnlich.

Das Interview führte Tino Künzel.

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