Ins Netz gegangen: Oma Jelena entzückt die sozialen Netzwerke

Die jungen Medien und alte Menschen – das passt selten zusammen. Aber Jelena Jerchowa ist ja auch ein seltenes Exemplar: Die Rentnerin aus Krasnojarsk in Sibirien jettet mit 90 um die Welt. Und das Netz ist ganz verrückt nach ihr und den Reisefotos an exotischen Schauplätzen. Dabei hat „Babushka_1927“ noch nie einen Post selbst veröffentlicht.

„Babushka_1927“ ist erst heute Morgen in Moskau gelandet. Als Treffpunkt hat sie den Park des Kulturpalastes „Sil“ vorgeschlagen, weil sie dort um die Ecke eine Freundin besucht. Und hier kommt sie auch schon: Jelena Jerchowa, Jahrgang 1927 und auf ihre alten Tage zu einer Sensation in den sozialen Netzwerken geworden, muss sich auf einen Gehstock stützen, wirkt aber trotzdem noch gut zu Fuß. Auf ihrer Nase trägt sie die berühmte Hornbrille, die man von den Fotos auf Instagram kennt und die ihre Augen so riesig macht. Fünf Stunden Flug aus Krasnojarsk, ihrer Heimatstadt in Sibirien, und vier Stunden Zeitunterschied sind ihr nicht anzumerken. „Babushka_1927“, so ihr Profilname im Internet, ist das Reisen gewohnt. In den letzten Jahren hat sie so einige ferne Länder besucht – und neuerdings auf Instagram und Facebook auch eine wachsende Fangemeinde, die ihre Abenteurer mitverfolgt.

Mal zeigt sich die weltläufige alte Dame im Badeanzug in einer thailändischen Lagune, mal auf dem Rücksitz eines Motorrollers in Vietnam, mal bei einer kleinen Abkühlung im Pool auf Teneriffa. Sie schwimmt in der Karibik mit Delfinen, reitet auf Kamelen in Israel und schlürft einen Smoothie irgendwo in Südostasien. Die rüstige Rentnerin hat ein langes Arbeitsleben in der Landwirtschaft hinter sich. Sie sei schon zu Sowjetzeiten ein „Star“ gewesen, erzählt sie schmunzelnd: „Weil ich so viel gearbeitet und den Plan erfüllt habe, wurden Fotos von mir auf der Straße aufgehängt.“

In Thailand ist natürlich auch das Wasser viel wärmer als im Jenissej zu Hause in Krasnojarsk. / Privat

Dass sie mit ihren 90 Jahren heute schwer hört und schlecht sieht, daran kann natürlich auch das Reisen nichts ändern. Und doch sagt Jelena: „Es hält mich fit.“ Zu Hause bekomme sie wegen des Klimas häufig schreckliche Kopfschmerzen. Schon jetzt, Mitte August, werde es in Krasnojarsk wieder kälter. Vor sieben Jahren hatte sie genug davon und buchte im Reisebüro eine Pauschalreise nach Karlsbad, um sich auszukurieren. Seitdem zieht es sie regelmäßig in wärmere Gefilde. Mit Erfolg: „Ich fühle mich wie neugeboren.“

Finanziell ist Jelena dabei keineswegs auf Rosen gebettet. Immerhin: Ihre Rente von 25.000 Rubel (etwa 350 Euro) ist fast doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. Die spart sie eisern für ihre Reisen und deckt laufende Kosten, indem sie Blumen auf einem Markt vor ihrer Wohnung verkauft. Dass sie zum Instagram-Sternchen wurde, verdankt die Seniorin einem Zufall: Vor knapp einem Jahr wurde die junge Moskauerin Jekaterina Papina in Vietnam auf sie aufmerksam. Papina schildert die Episode so: „Beim Frühstück hörte ich, wie sie am Nebentisch vergeblich versuchte, der Kellnerin auf Russisch zu erklären, dass sie kein scharfes Essen will.“ Die Anwältin setzte sich dazu, half beim Übersetzen – und freundete sich mit der betagten Globetrotterin an. Man unternahm etwas gemeinsam, die dabei geknipsten Bilder von „Baba Lena“ stellte Papina ins Internet, wo sie für Furore sorgten. Der Facebook-Post wurde 15.000 Mal geteilt und 34.000 Mal gelikt. Daraufhin legte sie für die betagte Globetrotterin einen eigenen Account an. Und auf Instagram kümmert sich Jercho­was 30-jähriger Enkel Dmitrij um die Seite von „Babushka_1927“. Heute hat die über Nacht berühmt gewordene Oma knapp 40.000 Insta­gram-Follower und 5.000 Freunde auf Facebook.

Als sich die Geschichte herumsprach, standen auch die klassischen Medien Schlange. Jelena Jerchowa wurde ins Fernsehen eingeladen, wo ihr der namhafte russische Schlager- und Opernsänger Nikolaj Baskow live vor der Kamera eine zweiwöchige Silvesterreise nach Thailand schenkte. Auch ihre Hausbank ließ sich nicht lumpen und schickte sie kostenlos in die Dominikanische Republik. Eine deutsche Firma lässt sie jetzt zur documenta nach Kassel einfliegen.

Aber alles macht die sibirische Babuschka dem Rummel um ihre Person zuliebe nun auch nicht mit. Sie hat kein Smartphone, geschweige denn ein Tablet. Wenn sie reist, dann ohne Fotoapparat. Doch geknipst wird sie unterwegs ständig und lässt sich die Bilder anschließend zusenden – so landen sie dann in den sozialen Netzwerken. Ein Teil der Posts stammt zudem von Papina: Die beiden gehen seit Vietnam immer mal wieder zusammen auf Tour.

Sozius auf einem Motorroller in Vietnam. / Privat

Von der Resonanz in der virtuellen Welt wird Jelena regelmäßig berichtet: Freunde und Familie lesen persönliche Nachrichten und die interessantesten Kommentare vor. „Ich bin überrascht, wie viele Leute mir schreiben“, freut sie sich über die Aufmerksamkeit. Das lenkt wohl auch ein wenig von der Einsamkeit im Alter ab. Von ihrem Mann ließ sie sich vor langer Zeit scheiden. „Er war Alkoholiker, begann mich und die Kinder zu schlagen.” Ihre Tochter, die in Krasnojarsk wohnt, arbeite zu viel, um mit ihr zu verreisen. „Wir sehen uns selten”, bedauert sie.

Als Nächstes will „Baba Lena“ nun Englisch lernen, um in der Ferne noch besser mit den Einheimischen kommunizieren zu können. Wobei sie sich bisher auch ohne Fremdsprachen zu helfen wusste. „Es gibt ja überall Russen“, schmunzelt sie. Und überhaupt findet sich zum Glück immer eine gute Seele, die ihr zum Beispiel den Rucksack mit dem Reisegepäck trägt.

Im September will Jelena Jerchowa nach Italien. La dolce vita in Reinkultur. Und während sie also immer wieder das Weite sucht, kann bei ihr in Krasnojarsk jemand vor verschlossenen Türen stehen. „Eines Tages kommt der Tod zu mir nach Hause, doch ich werde nicht da sein”, lächelt sie das Thema weg.

 

Die Links zu den Accounts von Jelena Jerchowa:

https://www.instagram.com/babushka_1927

https://www.facebook.com/Babushka1927

 

Christopher Braemer

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