Zwischen den Fronten: Eine Rede im Bundestag und ihr Echo

Geht es nach der Resonanz in Russland, so hat kein Politiker und auch kein anderer Prominenter die Rede des Jahres gehalten, sondern ein 16-jähriger Gymnasiast aus Sibirien. Zweieinhalb Minuten sprach der Zehntklässler Mitte November im Bundestag und war auf einen Schlag in aller Munde, weil er dabei die Toten auf deutschen Soldatenfriedhöfen als „unschuldig gestorben“ bezeichnete. Was folgte, war eine Kontroverse, wie sie in Russland Seltenheitswert besitzt. Aber was sagt man eigentlich beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge dazu, der mit seinem Schülerprojekt hinter dem Auftritt im Bundestag stand?

Wolgograd, das frühere Stalingrad, heute: Die sogenannte Gerhardt-Mühle, noch zu Zarenzeiten erbaut von russlanddeutschen Agrarindustriellen, ist das einzige Gebäude aus Vorkriegszeiten, das heute noch steht. Die Ruine wurde bewusst nicht abgerissen und ist Teil eines Museums am Wolga-Ufer. / Tino Künzel

Es gibt keinen Grabstein für Georg Johann Rau. Er ist fern der Heimat in einem Kriegsgefangenenlager gestorben, irgendwann nach Stalin­grad. Wo man ihn begraben hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Auf dem deutschen Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd sind Namen wie seiner in Granitwürfel eingeritzt.

Als Gefreiter kam Rau, Jahrgang 1922, an die Ostfront. In Stalingrad war er bei der Luftabwehr eingesetzt, überlebte, aber kehrte nie nach Hause zurück. Ein Schicksal von vielen Tausenden, das in diesen Tagen und Wochen, über sieben Jahrzehnte nach Kriegsende, in Russland plötzlich Wellen schlägt. Der Zehntklässler Nikolaj Dessjatnitschenko aus dem sibirischen Nowyj Urengoj hat neulich von Rau berichtet, als er am Volkstrauertag im Deutschen Bundestag auftrat. Eingeladen worden waren er und andere Schüler seines Gymnasiums vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Russische Jugendliche sprachen über deutsche Kriegsgefangene in Russland, gleichaltrige Deutsche von ihrer Partnerschule in Kassel über sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland. Die jeweiligen Biografien hatte der Volksbund recherchiert.

Und so erfuhren nicht nur die Anwesenden im Bundestag, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, sondern auch Millionen Russen von Georg Johann Rau, der nicht hatte kämpfen wollen und dessen Schicksal den 16-jährigen Nikolaj so bewegte, dass er einen deutschen Soldatenfriedhof im Ural besuchte und dort, wie er sich ausdrückte, die Gräber „unschuldig gestorbener Menschen“ erblickte.

Ein YouTube-Video später war der Aufschrei in Russland perfekt. Wer hat dem Jungen denn solches Gedankengut untergejubelt und was haben wohl die Deutschen damit zu tun, fragten viele mit einer Empörung, die teilweise maßlos schien. Soll hier etwa die Geschichte umgeschrieben, sollen die Verbrechen der Faschisten relativiert werden? Das Gymnasium von Nikolaj musste sich erklären, vor allem Deutschlehrerin Ljudmila Kononenko wurde mit Konsequenzen gedroht, weil sie die Reise nach Deutschland angeblich fast im Alleingang organisiert hatte, auch die Eltern des Schülers kamen ins Gerede und beteuerten öffentlich, welch hohen Stellenwert in ihrer Familie das Kriegsgedenken einnehme und wie oft sie mit ihrem Sohn schon Gedenkstätten besichtigt hätten. Das Für und Wider um dieses Thema stellte zwischenzeitlich sogar das Weltgeschehen in den Schatten, wobei die Meinungen durchaus geteilt waren. Der Bürgermeister von Nowyj Urengoj, der Gouverneur der Region, der Sprecher des russischen Präsidenten – sie alle stellten sich vor den Teenager. Der habe doch nichts anderes als eine Friedensbotschaft im Sinn gehabt.

Der deutsche Soldatenfriedhof Rossoschka in Russland: Granitwürfel in der Steppe als letzte Erinnerung an jene, von denen nichts übrig blieb als ihr Name. / Wikimedia Commons/Mucki

Beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge legt man Wert darauf, die verlesenen Texte der Schüler nicht selbst bearbeitet zu haben. Nur gekürzt werden mussten sie, wodurch wohl diese „sehr unglückliche“ Formulierung zustande gekommen sei, so Pressesprecherin Diane Tempel-Bornett. Beim Volksbund bekenne man sich zur deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg, der ein nationalsozialistischer Angriffs- und im Osten auch ein Vernichtungskrieg gewesen sei. Deutschland habe viel Leid über die Welt gebracht.

Im Rahmen von Schulprojekten, bei internationalen Workcamps und in Jugendbegegnungsstätten arbeite der Volksbund schon  lange mit Kriegsbiografien von Menschen  verschiedener Nationen. So sähen die Jugendlichen, welche Folgen Gewaltherrschaft und Krieg hätten  – und dass der Frieden nicht selbstverständlich sei. Negative Konsequenzen für den Schüler und sein Umfeld bedauere man zutiefst, sagt Tempel-Bornett. Letztlich habe der Junge nur sein Mitleid in persönliche Worte gefasst.

Volksbund-Geschäftsführerin Daniela Schily spricht von „Überraschung und Erschrecken“, mit denen man die Reaktionen verfolgt habe, und dass „ein engagierter Sechzehnjähriger zur Zielscheibe von Diffamierung und Hetze“ geworden sei. Die Beschäftigung mit individuellen Schicksalen sei wichtig: „Die Toten bekommen ein Gesicht, eine Identität. Gerade für die Jugendlichen ist es eine ergreifende Erkenntnis, dass dieser Kriegstote auch ein junger Mensch war.“

Nikolaj Dessjatnitschenko hat zum Schluss seiner Rede im Bundestag eine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, die über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg sicher alle teilen können: dass der gesunde Menschenverstand auf der ganzen Welt siegen möge und man nie wieder Krieg erleben müsse.

Tino Künzel

Die Rede im Bundestag (russisch): www.youtube.com/watch?v=K5Rt_REw5uM
Ein Beitrag des russischen Staatsfernsehens dazu: www.youtube.com/watch?v=C3Y_oJGmFxQ

Der Wortlaut der Rede des Schülers Nikolaj Dessjatnitschenko auf Deutsch:

Guten Tag! Ich heiße Nikolaj Dessjatnitschenko und bin Schüler am Gymnasium der Stadt Nowyj Urengoj. Mir wurde angetragen, mich an einem Projekt zu beteiligen, das Soldaten gewidmet ist, die im Zweiten Weltkrieg umgekommen sind. Das hat bei mir großes Interesse geweckt, weil ich mich von Kindheit an für Geschichte begeistere – die Geschichte meines Landes und auch die von Deutschland.

Ich habe gleich angefangen, Informationen zusammenzutragen, zunächst mit Hilfe des Stadtarchivs und der Bibliothek. Dann habe ich versucht, etwas zur Geschichte der deutschen Soldaten im Internet und in anderen Quellen zu finden. Später erfuhr ich in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge von Georg Johann Rau und habe mich ausführlich mit seiner Biografie beschäftigt. Er wurde am 17. Januar 1922 in einer kinderreichen Familie geboren. An die Front ging Georg im Rang eines Gefreiten und kämpfte in der Schlacht von Stalingrad 1942-1943 als Soldat der Luftabwehr. Georg war einer von 250.000 deutschen Soldaten, die von der Sowjetarmee im sogenannten Stalingrader Kessel eingekreist wurden.

Nach Einstellung der Kämpfe kam er in ein Kriegsgefangenenlager. Nur 6000 dieser Kriegsgefangenen kehrten nach Hause zurück. Georg gehörte nicht dazu. Lange galt er für seine Angehörigen als vermisst. Und erst im vergangenen Jahr erfuhren sie vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, dass der Soldat den harten Lebensbedingungen in der Kriegsgefangenschaft zum Opfer gefallen und am 17. März 1943 im Kriegsgefangenenlager Beketowka gestorben ist. Vielleicht war er einer der 2006 Soldaten, die in der Nähe des Lagers begraben wurden.

Georgs Geschichte hat mich bewegt und mich dazu veranlasst, den Soldatenfriedhof bei der Stadt Kopejsk zu besuchen. Das war ein bedrückendes Gefühl, denn ich habe die Gräber von unschuldig gestorbenen Menschen gesehen, von denen viele in Frieden leben und nicht in den Krieg ziehen wollten. Sie haben Schlimmes während des Krieges durchgemacht, wie mir mein Uropa erzählt hat, ein Kriegsveteran, Kommandeur einer Schützenkompanie. Gekämpft hat er nicht lange, wurde schwer verwundet.

Otto von Bismarck hat gesagt: „Jeder, der in die gläsernen Augen eines auf dem Schlachtfeld sterbenden Soldaten geschaut hat, denkt lange darüber nach, bevor er einen Krieg beginnt.“ Ich hoffe aufrichtig, dass auf der Erde der gesunde Menschenverstand triumphiert und unsere Welt nie wieder Krieg erlebt. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Übersetzt von Tino Künzel

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