Menschlichkeit für einen Lebenslänglichen

Seit zehn Jahren kümmert sich die Moskauer Unternehmerin Alexandra Slawjanskaja um einen lebenslänglich Inhaftierten. Mit ihrer Arbeit will sie das Leben im Gefängnis ein wenig erträg­licher gestalten und die russische Gesellschaft ein wenig humaner machen.

Viktor
Kontakt zur Außenwelt erleichtert Gefängnisinsassen das Leben ein wenig. (Foto: Jewgenij Bijatow/ RIA Novosti)

„Komm, Sie müssen mich jetzt unterhalten. Schließlich haben wir eine lange Fahrt vor uns“, sagt Alexandra Slawjanskaja. Es ist ein kalter Herbstfreitag irgendwo in Russland. Vor der Moskauerin liegen mehrere Stunden Fahrt durch das berühmte russische Nichts. Immer wieder schaut sie auf das Navi, dabei kennt sie den Weg seit vielen Jahren. Ihr Ziel ist Viktor, den sie wegen der Corona-Pandemie lange nicht treffen konnte.

Viktor heißt in Wirklichkeit anders. Doch zu seinem Schutz soll sein richtiger Name nicht genannt werden. Genauso wenig wie der Ort, zu dem wir fahren. Denn Viktor sitzt wegen Mordes lebenslänglich im Gefängnis. Und Alexandra versucht, ihm das Leben hinter Gittern ein wenig angenehmer zu gestalten.

Alexandra und Viktor wurden beide im selben Jahr geboren. Doch ihre Lebenswege könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite eine Professorentochter und erfolgreiche Unternehmerin aus Moskau. Auf der anderen Seite ein Mann aus dem Fernen Osten, der früh seinen Vater und seinen Bruder bei einem Hausbrand verlor. Mit viel Mühe hat die Mutter die Kinder durchbekommen. Bis Viktor in den 1990ern auf die schiefe Bahn geriet. Gemeinsam mit weiteren Männern zog er los, brachte vier Menschen um, stahl ihnen Geld und das Auto. Die Gruppe wurde schnell gefasst, auch weil sie sich kaum die Mühe gemacht hatten, sich zu verstecken.

Zwei Welten prallen aufeinander

Die Wege der beiden kreuzten sich vor zehn Jahren. Alexan­dra hatte sich bis dahin ehrenamtlich für krebskranke Kinder engagiert. Doch irgendwann war sie von der mental schweren Arbeit ausgebrannt. Über einen Bekannten erfuhr sie von einer Stiftung, die sich um ehemalige Inhaftierte kümmert. Der erste Kontakt zur Gefängniswelt. Schnell stellte sie fest, dass die Bilder, die man von Inhaftierten, Wärtern und Gefängnissen hat, nicht stimmen. Irgendwann fragte sie jemand aus ihrer baptistischen Kirchengemeinde, ob sie sich nicht um einen Lebenslänglichen kümmern könne.

„Alexandra war nicht meine erste“, erzählt Viktor. Schon vorher habe er immer wieder Anzeigen im Internet geschaltet und versucht, Kontakt zur Außenwelt zu halten. Einmal waren es sogar 15 gleichzeitig, sagt er und muss dabei lachen. Eine wie Alexandra sei ihm zuvor aber nie begegnet. Er nennt sie ein Geschenk Gottes. Wenn Viktor über Alexandra und ihre Unterstützung redet, fallen immer wieder Worte wie „Gott“ und „Wunder“. Verurteilt wurde er in den 1990ern noch zum Tode. Und fand zum Glauben, während er auf seine Erschießung wartete. Dann wurde die Todesstrafe in Russland abgeschafft und sein Urteil in lebenslänglich umgewandelt. Im Gefängnis denkt man viel über sich selbst nach und darüber, was man getan hat, sagt Viktor. Vor Jahren hat er ein langes Gedicht über sein Leben, seine Taten und seinen Glauben geschrieben. Ganze 72 Strophen umfasst es.

Unterstützung sehr aufwendig

Normalerweise unterstützt in Russland die Familie die Insassen. Sie kauft Essen und Tee und kümmert sich um die Angelegenheiten. Doch der Besuch ist für die meisten eine Tortur. Die Anreise kann Tage dauern und ist oft sehr teuer. Nur wenige haben das Geld und die Zeit dafür. Dabei ist nicht einmal klar, ob man auch an dem Tag ins Gefängnis kommt. Auch Alexan­dra schafft es trotz sieben Stunden Warten dieses Mal nicht, sich mit Viktor zu treffen. Das habe wohl daran gelegen, dass sie ein Ausländer begleitet hatte, mutmaßt sie. Dabei hatten sie und Viktor sich sehr auf das Treffen gefreut, das erste nach fast zwei Jahren Corona-Pause. Klar, sie haben sich zwischendurch die ganze Zeit geschrieben und auch telefoniert, aber ein Treffen wäre jetzt so schön gewesen. Auch die MDZ kann ein paar Tage später nur per Video mit Viktor sprechen. Die Corona-Zeit war für ihn sehr stressig, sagt er. Der Kontakt zur Außenwelt war lange abgeschnitten. Und dann starb auch noch seine Mutter an dem Virus. Dass Besuche wieder möglich sind, sei wie frische Luft, als wenn man mit einem U-Boot wieder auftaucht, meint Viktor.

Warum tut sich Alexandra all das an? Tagelang unterwegs sein, viel Zeit und Geld zu verbrauchen, um einem Mörder zu helfen? „Es gibt in Russland viele gute Menschen“, sagt sie und bezeichnet sich als „Mensch der Hoffnung“. „Wenn ich das mache, verbessere ich das Leben um mich herum“, fährt Alexandra fort. Wenn jemand sie fragt, warum sie das macht, erklärt sie gerne, dass ihre Arbeit keine Geschichte über die Gefangenen ist, sondern eine über uns, über die in Freiheit. Man könne Russland nicht verändern, wenn man diese Menschen nicht verändert, ist sie überzeugt. Tieren und älteren Menschen helfe die Gesellschaft doch auch, warum also nicht Inhaftierten. „Ich will, dass Russland ein humanes europäisches Land wird“, sagt sie.

Umgang mit Insassen ist ein Spiegelbild der Gesellschaft

Alexandras Unterstützung helfe ihm dabei, Mensch zu bleiben und zu erkennen, dass sich nicht alle von ihm abgewandt haben, meint Viktor. Man müsse doch verstehen, dass Viktor heute ein ganz anderer Mensch ist. Über die Hälfte seines Lebens hat er hinter Gittern verbracht. Er sei erwachsen geworden, um nicht zu sagen alt. Und er möchte sein Leben einfach mit seiner Familie weiterleben, fügt Alexandra hinzu.

Alexandra setzt sich dafür ein, dass lebenslänglich Inhaftierte nach 25 Jahren entlassen werden. Dafür müsste nicht mal das Gesetz verändert werden. Denn jeder Inhaftierte hat das Recht, nach 25 Jahren um Begnadigung zu bitten. Gewährt wurde diese allerdings noch nie. Bis es vielleicht einmal so weit ist, engagiert sie sich für die Verlegung Viktors. Dank einer Gesetzesänderung Ende 2020 müssen Häftlinge nahe ihrem Wohnort die Strafe absitzen. Für beide wäre es ein Traum, wenn es klappt. Viktor könnte wieder näher bei seinen Verwandten sein. Eine Aussicht, die ihn auch ein wenig traurig macht. Denn daheim im Fernen Osten wird Alexandra ihn nur sehr selten besuchen können.

Daniel Säwert

Dieser Text ist Teil der Serie „Moskaus gute Seelen“ über ehrenamtlich engagierte Menschen in der Hauptstadt.

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