Das besondere Interview: Praktikant steht sich selbst Rede und Antwort

Noch vor Beginn eines sechsmonatigen Praktikums bei der MDZ hat Lucian Bumeder aus Berlin bereits sein erstes Interview für unsere Zeitung geführt – mit sich selbst. Darin stellt sich der 24-Jährige vor und spricht über Russland, Themen und Träume. Eine Message für Rapper Kollegah hat er auch.

Lucian Bumeder: Das nächste halbe Jahr wirst du als Praktikant bei der MDZ verbringen. Vor einem Jahr warst du schon mal in Russland, einfach so zum Reisen. Was hast du da für Eindrücke mit nach Hause genommen?

Lucian Bumeder: Natürlich viele verschiedene. In Moskau war ich beispielsweise im Gorki-Park – alles neu und alles schön. Direkt am nächsten Tag bin ich dann nach Woronesch getrampt, zehn Stunden in einem Lastwagen. Der ist bei jeder Mautstation so nahe auf andere Lastwagen vor ihm aufgefahren, dass die Schranken nicht mehr zwischen den beiden Lastern unterschieden haben und er so keine Maut zahlen musste. Das hat mich als Deutschen auf dem Beifahrersitz durchaus ein bisschen aus der Ruhe gebracht.

Und wie siehst du das so? Lucian Bumeders „Selbstgespräch“ am Küchentisch zu Hause © Lucian Bumeder

Jetzt gehst du wieder nach Russland. Was von beidem zieht dich dorthin zurück – der waghalsige Trucker oder das glitzernde Moskau?

Ein bisschen was von beidem. Ich habe Politikwissenschaft studiert. Jetzt in Russland will ich besser verstehen, wie die politische Perspektive des Landes funktioniert. Also wie sie in sich selbst logisch und konsistent ist. Nicht urteilen, nicht nur von außen das Bedrohliche sehen. Sondern möglichst unvoreingenommen miterleben, welche Gedanken das politische Handeln dieses Staates und seiner Menschen bestimmen.

Dazu gibt es doch auch wissenschaftliche Forschung. Wieso ein journalistisches Praktikum bei der MDZ?

Auf internationalen Konferenzen scheint mir die russische Perspektive im Moment wenig vertreten zu sein. Und selbst wenn russische Vertreter anwesend sind, verhalten die sich meiner bisherigen Erfahrung nach häufig sehr verschlossen oder gar protestierend. Indem ich mich in Moskau mit der russischen Medienlandschaft vertraut mache, hoffe ich, etwas tiefer in eine offenere und ehrlichere Debatte rund um russische Außenpolitik eintauchen zu können. 

Aber daneben heißt Politik zu verstehen für mich auch, die alltägliche Perspektive und die alltäglichen Probleme von Menschen kennenzulernen. Zu sehen, welche Natur ein Land hat, zu welcher Musik getanzt wird. Ich will gerade junge Leute treffen, ihre Ziele hören, ihre Hoffnungen, ihre Frustration. Und für all das kann ich mir nichts Passenderes vorstellen als Journalismus. Der ist einfach ein Freifahrtschein, um mit spannenden Menschen zu reden.

Denkst du, du kannst dich bei der Zeitung wirklich nützlich machen?

Auf jeden Fall! Vielleicht werde ich gerade am Anfang etwas zu kämpfen haben. Aber man wächst ja an seinen Aufgaben. Neben einem Praktikum bei der ARD stammt ein Großteil meiner Erfahrung aus der Studierendenzeitung „Furios“ in Berlin. Da habe ich sehr viel gelernt, weil es auch eine kleine Redaktion war. Ideen für Artikel entwickeln, Texte auf Social Media spannend „verkaufen“ – ich war in alles involviert. Jetzt gleich Erfahrung im internationalen Journalismus sammeln zu dürfen, ist eine Gelegenheit, für die ich sehr dankbar bin. Und hey, vielleicht ist gerade die Neugierde eines Neulings in Russland auch für die Redaktion ganz spannend.

Hast du schon Ideen, worüber du schreiben willst? 

Ich will mich unbedingt im alternativen Moskau umschauen. Street­art, Rap, Techno – oder Gedichtlesungen. Da gibt es sicher einiges zu entdecken, wenn man mal ein bisschen vernetzt ist.

Ein Traum von mir wäre, auf dem gefrorenen Baikalsee Schlittschuh zu laufen. Und Nordlichter bei Murmansk zu fotografieren. Ein Datum, das ich mir auf jeden Fall schon mal eingetragen habe, ist der 26. November, wenn Bayer Leverkusen bei Lok Moskau in der Champions League spielt. Da würde ich gern einen Fanklub von Bayer hier in Moskau begleiten. Ach ja, und ich hoffe ganz stark, dass Kollegah die Herausforderung von Oxxxymiron zu einem Rap-Battle annimmt und nach Moskau kommt. Also falls Kollegah zufällig die MDZ liest: Bitte trau dich!

Journalismus in Russland klingt ja schon nach deutlich mehr Abenteuer als ein Praktikum bei einem deutschen Lokalblatt. Fühlst du dich bereit für die Metropole Moskau?

Naja, nervös bin ich schon. Mein Russisch ist zwar schon deutlich besser geworden. Aber wenn Russen (oder Russinnen) unter sich sprechen, dann verstehe ich ganz schnell gar nichts mehr. Dazu komme ich aus einem Dorf in Bayern und manchmal ist mir schon Berlin zu groß.  

Andererseits war ich schon mal ein Jahr im Ausland, habe in den Südstaaten der USA studiert – also auch ein kulturell und politisch ganz anderer Kontext. Dort habe ich mich am Ende sogar vollen Herzens in die Saints verliebt, das NFL-Team von New Orleans. Vor allem aber bin ich sehr viel sensibler geworden, meine eigenen Vorurteile wahrzunehmen und mich kulturell überraschen zu lassen. Das wird nicht ganz einfach in Moskau, aber sehr aufregend.


Haben auch Sie Interesse an einem Praktikum bei der MDZ? Dann richten Sie Ihre Bewerbungsunterlagen an redaktion@martens.ru. Bitte Arbeitsproben nicht vergessen, sofern bereits journalistische Erfahrung vorhanden ist! Das Praktikum sollte mindestens zwei Monate dauern. Aktuell suchen wir speziell für die Zeit ab Januar 2020 Verstärkung.

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