Ordnung für das Chaos

Vor 150 Jahren revolutionierte Dmitrij Mendelejew die Wissenschaft mit seinem Periodensystem der Elemente. Fast zur selben Zeit veröffentlichte ein Deutscher ein ähnliches Modell. Doch heute ist der Forscher weitgehend vergessen.

 Zwei Forscher in Konkurrenz: Die Chemiker Lothar Meyer und Dmitrij Mendelejew.  /Foto: wikimedia.org

Eine nüchtern wirkende Tabelle mit durchnummerierten bunten Kästchen, Zeilen und Spalten sowie kryptischen Abkürzungen wie Mg oder Pb: Das Periodensystem der Elemente verbinden die meisten Menschen mit unangenehmen Erinnerungen an dröge Pauker und zäh dahinfließende Chemiestunden. Dabei hat das karge Ordnungssystem, das heute auch auf Kaffeebechern und Duschvorhängen prangt, enorme Bedeutung für die Wissenschaft. Denn ohne den chemischen Wegweiser wären viele Entwicklungen, aber auch die Grundlagenforschung kaum vorstellbar. Um daran zu erinnern, erklärten die Vereinten Nationen das Jahr 2019 nun zum Jahr des Periodensystems.

Fasziniert vom Durcheinander

Das PSE – wie Schüler und Wissenschaftler die Übersicht abkürzen – ist eng mit dem Namen von Dmitrij Mendelejew verbunden. Vor genau 150 Jahren, im März 1869, veröffentlichte der damals in St. Petersburg lehrende Chemieprofessor sein System der chemischen Elemente. Wie viele Forscher seiner Zeit war Mendelejew vom scheinbaren Chaos der zu diesem Zeitpunkt rund 60 bekannten chemischen Elemente fasziniert – und wollte Ordnung in das Durcheinander bringen. Rund 20 Jahre tüftelte der Gelehrte mit dem imposanten Rauschebart an seinem Entwurf. Immer wieder blätterte er durch seine Karteikarten, auf denen er fein säuberlich die Namen der Elemente und ihr Gewicht notiert hatte.

Schließlich wurde Mendelejew fündig und publizierte eine umfassende Tabelle. In dieser sortierte der Wissenschaftler die Elemente nach ihren Atomgewichten und ordnete sie in vertikalen Spalten an. Der Clou: Mendelejew ließ in seinem System auch Platz für noch unbekannte Elemente, deren Entdeckung er prognostizierte – und die später auch entdeckt wurden. Obwohl sich die Übersicht des Russen schließlich durchsetzte, ist Mendelejew aber keineswegs der Einzige, der ein Periodensystem vorlegte.

Ein Konkurrent aus Deutschland

Neben vielen anderen Forschern knobelte auch der Deutsche Lothar Meyer an einem Verzeichnis. Bereits 1864 hatte der Chemiker einen eigenen Entwurf in drei Tabellen vorgelegt. Darin sortierte Meyer die Elemente noch nach ihrer sogenannten Wertigkeit, die auf zahlenmäßigen Verhältnissen in ihren Verbindungen basiert. Das Vorgehen erwies sich jedoch als ungeeignet und Meyer legte Ende 1869, ein halbes Jahr nach Mendelejew, ein System vor, das ebenso vom Gewicht der Atome ausgeht.

Mendelejew reagierte mit einer Polemik auf seinen deutschen Konkurrenten. „Herr Meyer hat vor mir kein Periodensystem im Sinn gehabt, und nach mir nichts zu ihm hinzugefügt“, schäumt der Wissenschaftler in einem Artikel. Im Gegensatz zu ihm habe sein Berufskollege auch keine Prognosen zu bisher unentdeckten Elementen gemacht. „Als wirklicher Schöpfer einer wissenschaftlichen Idee sollte der gelten, der nicht nur die philosophische, sondern auch die praktische Seite des Problems verstanden hat!“

Erst unentschieden, dann vergessen

Die Reaktion Lothar Meyers auf den Angriff ist nicht überliefert. Allerdings hatte sich auch der Deutsche zuvor kritisch geäußert und Mendelejews Arbeit als „ungerechtfertigte Spekulationen“ abgetan.
Tatsächlich stritt sich die Fachwelt noch lange über die Vor- und Nachteile der beiden Systeme. Mehrere Jahre standen die Übersichten von Mendelejew und Meyer gleichberechtigt nebeneinander. Im Jahr 1882 schaltete sich die Royal Chemical Society in London in den Prioritätsstreit ein. Beiden Wissenschaftlern wurde die Davy-Medaille, eine der höchsten Auszeichnungen der damaligen Zeit, verliehen – und somit ein Unentschieden signalisiert. Doch mit der Zeit geriet Meyer immer mehr in den Hintergrund und letztlich in Vergessenheit.

Birger Schütz

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