Russischer Kultautor: „Deutsche Männer beneiden uns um unsere Frauen“

Sein Blog hat ihn bekannt gemacht, dann kamen die Bücher: Alexander Tsypkin (42) gelingt es, in dem alltäglichen Wahnsinn von Liebesbeziehungen gewidmeten lyrisch-humoristischen Erzählungen leicht, aber mit Tiefgang, scherzhaft, aber liebevoll über die ernsten Dinge des Lebens zu schreiben, Sex inklusive. Vor dem Internationalen Frauentag sprach die MDZ mit ihm über Russlands sagenumwobene Frauen.

Frauentag ist Blumentag: Auf dem Rigaer Blumenmarkt in Moskau hat man reichlich Auswahl. © Reuters / PIXSTREAM

Ein Abgeordneter der Moskauer Duma hat vor einiger Zeit in Erwägung gezogen, einen Ombudsmann für Männerrechte in Russland einzuführen. Brauchen russische Männer jetzt Schutz?

Das ist gar nicht so lustig, wie es auf den ersten Blick scheint. Gerade bei komplizierten Scheidungsfällen kommt es oft vor, dass Männer verleumdet werden, dass man sie mit Pädophilie oder Gewalttätigkeit in Verbindung bringt, so dass sie Kinder und Business verlieren. Frauen missbrauchen so den Kampf um Frauenrechte. Denn die Gesellschaft und die Gerichte stehen traditionell eher auf der Seite der Frauen.

Doch Russland wird als eine Männergesellschaft durch und durch gesehen.

Das stimmt so nicht. Ich kenne sehr viele Frauen in Führungs­positionen. Frauen, die selbstständig und ohne Mann bestens zurechtkommen und erfolgreich sind. Ich sehe viele gestandene Frauen in der Wirtschaft. Generell haben wir statistisch gesehen mehr Frauen. Und unsere Gesellschaft ist eher eine Frauengesellschaft. Allerdings verhält es sich in der Ehe dann doch etwas anders. Da liegt die Verantwortung immer noch mehrheitlich auf den Schultern des Mannes. Obwohl das auch im Wandel begriffen ist. Ich selbst lebe in einer Subkultur in Moskau und gehöre der Ober- oder Mittelklasse an. Ich weiß nicht, wie es in einem russischen Dorf so läuft. In meinen Kreisen ist es sehr unterschiedlich. Es gibt Ehen, die auf partnerschaftlicher Ebene laufen, es gibt leidenschaftliche Beziehungen, es gibt auch Ehen, in denen die Frau ihr Leben lang einen Loser aushält. Doch in Russland wird eine Frau nie protestieren, wenn ein Mann ihr in den Mantel hilft. Auf der Höflichkeitsebene ist alles sehr traditionell.

In Deutschland hat man Frauenquoten in Politik und Wirtschaft. Braucht Russland so etwas auch?

Nein. Bei uns funktionieren solche Regulierungen gar nicht, weil sie nicht eingehalten werden. Wissen Sie, Russland ist ein Land, wo nicht das Gesetz regiert, sondern die moralische Vorstellung davon, wie es sein soll. Wenn das Gesetz dieser Vorstellung nicht entspricht, wird es nicht befolgt. Wir haben ein anderes System.

In Ihren Erzählungen geht es immer darum, wie unterschiedlich Männer und Frauen doch sind. Im Westen stehen Gleichberechtigung und Gleichheit im Vordergrund.

Ich glaube nicht, dass für ganz Westeuropa gleiche Werte gelten. Wenn Sie zum Beispiel Deutschland und Italien vergleichen, auch was Genderfragen angeht, da können Sie entgegengesetzte Vorstellungen vorfinden. Also bitte keine Pauschalisierungen!

Alexander Tsypkin ist ein Star russischen Autorenszene. © Timofey Kolesnikov

Am 8. März wird in Russland der Frauentag begangen. Gefeiert wird er Jahr für Jahr in großem Stil. Warum? 

Weil wir sehr viele schöne Frauen haben. Das ist phänomenal. Sie kleiden sich sehr gut, sie haben Stil, sie achten auf sich. Es macht Spaß, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Gut, aber warum muss man das unbedingt am 8. März tun?

Komische Frage. Wieso beglückwünschen Sie jemanden zum Geburtstag oder zu Weihnachten?

Ja, aber wieso ist dieser Tag für die Frauen so wichtig? Das Land hat sich gewandelt, aber der Frauentag wird nach wie vor gefeiert.

Er ist nicht für die Frauen, sondern für die Männer wichtig. Wir sind so erzogen, dass ein Mann einer Frau gegenüber Aufmerksamkeit zeigen soll. Und das funktioniert bis heute. Gott sei Dank.

Wie stehen Sie persönlich zu diesem Feiertag?

Ausgezeichnet. Und selbstverständlich beschenke ich alle meine geliebten Frauen.

„Sie bringt ein Ross zum Stehen und kann in ein brennendes Haus gehen.“ Das hat der Dichter Nikolai Nekrassow geschrieben. Es gibt sie tatsächlich, „die“ russische Frau?

Aber natürlich! Eine russische Frau ist eine Frau mit einer unglaublichen Willenskraft und Lebensenergie. In einem Jahrhundert hat Russland so viele Krisen durchgemacht wie kein anders europäisches Land. Und immer waren es die Frauen, die das Land aus den Ruinen gezogen haben. Eine Russin ist barmherzig, fürsorglich und stark. Gleichzeitig ist sie zutiefst emotional und gebildet. Ich bin überzeugt, dass sie auf der ganzen Welt einmalig ist. Übrigens war ich schon oft in Deutschland, habe mich mit deutschen Männern unterhalten. Sie beneiden uns um unsere Frauen.

Wodurch unterscheidet sich eine junge Moskauerin oder Petersburgerin, wie Sie in Ihren Erzählungen vorkommt, von der Genera­tion der sowjetischen Frauen?

Sie ist frei, sowohl innerlich als auch politisch. Sie ist von den sowjetischen Einschränkungen befreit, kann durch die Welt reisen. Sie ist eine Kosmopolitin, hat die Freiheit der Wahl.

Und was unterscheidet sie, sagen wir mal, von einer Französin oder Amerikanerin?

Ich würde sagen, unsere Frauen sind sinnlicher, entspannter und irgendwie menschlicher.

Klassische russische Literatur hat traditionell das Thema Sex gemieden. Sie haben Sex in der Literatur salonfähig gemacht. 

Sex ist in meinen Texten oft nur eine Metapher, ein einfaches Mittel, um über Beziehungsprobleme  zu sprechen. Russland ist in sexueller Hinsicht eines der freiesten Länder der Welt. Bei uns ist viel mehr erlaubt. Hier wird man für, sagen wir, sexuelle Ausschweifungen oder sogar für Untreue nicht öffentlich getadelt. Männliche Untreue wird generell akzeptiert, was ich übrigens nicht gutheiße, aber auch Frauen werden dafür nicht an den Pranger gestellt. Wir haben keine solchen Probleme mit dem Thema sexuelle Belästigung wie der Westen. Übertrieben gesagt, wenn ein Mann einer Frau ein Kompliment macht, landet er nicht im Gefängnis. Mir scheint, in Amerika und in Europa wird Sex von der gesellschaftlichen Tagesordnung verdrängt. Das kann katastrophale Folgen haben. Übrigens fürchte ich, dass viele von meinen Erzählungen der Prüfung auf politische Korrektheit in Europa nicht standhalten würden. Aber zum Glück schreibe ich auf Russisch. Und in Russland ist alles möglich.

Das Interview führte Daria Boll-Palievskaya.

 

Auszüge aus dem Schaffen von Alexander Tsypkin

 

Buch „Scheschtschiny nepreklonnogo wosrasta“ (etwa „Frauen im fortschrittlichen Alter“)

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Schon 8000 Menschen haben sich bereit erklärt, zum Mars zu fliegen! Da muss aber jemandem das Familienleben auf die Nerven gegangen sein!

Ein Händchen haltendes Pärchen – es wirkt so wunderbar, so aufrichtig! Wenn man das sieht, bekommt man Lust zu leben! Schade nur, dass an der Männerhand ein Ehering zu sehen ist, an der Frauenhand aber nicht …

Mädels, wenn man sich im Internet eure Strandfotos anschaut, bewertet man eure Bikinis. Den Busen kann man korrigieren, den Geschmack nicht.

Wir versuchen mit besonderer Heftigkeit und Sturheit, diejenigen zu ändern, die bereit sind, uns so zu nehmen, wie wir sind.

Rührend, wenn ein Mann, um die Verflossene zurückzuerobern, anfängt, ihr gigantische Blumensträuße zu schenken. Das ist in etwa so, als wenn eine Frau auf den Vorschlag hin, sich scheiden zu lassen, auf einmal das ganze Geschirr spülen und alle Hemden bügeln würde.

 

 Entfernt

Im Aufzug eines angesagten Clubs. Ich fahre runter. Schicke junge Mädels lächeln mich an.

„Hi, welche U-Bahnstation ist hier in der Nähe?“

Ich spüre buchstäblich physisch, wie ich aus ihrer Realität verschwinde.

 

Meins

Ich habe heute eine Moskauerin interviewt. Ich stelle ihr die Frage:

„Sie sehen zufällig auf dem Handy Ihres Mannes eine SMS, die mit den Worten beginnt:  ,Hallo Hase.‘ Lesen Sie die SMS zu Ende?“

„Ja.“

„Sie lesen fremde SMS?“

„Die SMS ist fremd. Aber der Hase ist meiner.“

 

Erzählung „Tomatensaft“

Ein Mann kann ohne eine Frau nur dann nicht leben, wenn sie ohne ihn leben kann.

Eine Doktorarbeit im Kopf einer Frau gibt ihr nicht das Recht, diesen Kopf nicht zu waschen.

Eine gute Schwiegertochter ist eine ehemalige Schwiegertochter.

Der größte Preis, den man für das Glück zahlt, jemanden zu lieben, ist der unausweichliche Schmerz der Ohnmacht des Nicht-helfen-Könnens.

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, verspüren wir in einer Sekunde den Schmerz, der der ganzen Wärme gleicht, die wir in unzähligen Momenten des Lebens an seiner Seite bekommen haben.

 

Aus dem Russischen von Daria Boll-Palievskaya.

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