Ideenschmiede mit Tradition

Im Diskussionsklub„Avantgarde“ treffen sich Russlanddeutsche aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft, um aktuelle Fragen und Probleme zu besprechen und den Zusammenhalt der Minderheit zu stärken. Im Februar luden die Veranstalter nach Omsk.

Nikole Ufelmann und Alexej Moltschanow auf der Bühne im Zentrum der Deutschen Kultur in Asowo/ Foto: Jiří Hönes

Workshops, Filme und Diskussionen: Anfang Februar fand im westsibirischen Omsk das traditionelle Jahrestreffen des Diskussionsklubs „Avantgarde“ statt. Zum bereits zehnten Jubiläum des russlanddeutschen Gesprächsformates reisten Teilnehmer aus allen Ecken des Landes an. Ein Schwerpunkt des Tagungsprogramms war in diesem Jahr die Frage, wie die Selbstorganisation der Russlanddeutschen in den Regionen und auf der überregionalen Ebene verstärkt werden kann.

Deutsche leben in eigenem Nationalkreis

Ein positives Beispiel hierfür konnten die Teilnehmer beim gemeinsamen Ausflug in den Deutschen Nationalkreis Asowo hautnah erleben. Landrat Pawel Baginskij führte die Gäste durch das Gebiet – vergleichbar mit einem deutschen Landkreis, in dem gut 4500 Deutsche leben – und präsentierte mit sichtlichem Stolz die Erfolge wirtschafts- und strukturpolitischer Anstrengungen.

Im Dorf Krutsch hat beispielsweise eine Tochterfirma der niederbayerischen Wolf System GmbH ein Werk für die Produktion von Fertighäusern aus Holz errichtet, das im Frühjahr in Betrieb gehen soll. Direktor Michail Pitezkij hat neben dem lokalen Markt dabei auch Kunden aus Kasachstan im Visier. Schon viele Jahre eine Erfolgsgeschichte ist dagegen die „Deutsche Bäckerei“ in Alexandrowka, in der die Gäste frische Backwaren probieren und die Produktion in Augenschein nehmen durften.

In Walerij Roots Bäckerei gibt es traditionelle Brötchen und Kuchen sowie andere deutsche Delikatessen./ Foto: Jiří Hönes

Zahl der Rückkehrer steigt

Großen Beifall fand das Programm im Zentrum der deutschen Kultur in Asowo. Souverän dargebotene Volkstänze sowie Lieder in deutscher, russischer, ukrainischer und kasachischer Sprache zeigten die ethnische Vielfalt des Kreises. „Freundlich und friedlich leben Ukrainer und Kasachen, Deutsche und Russen, Esten und Polen in Asowo zusammen“, betonte die junge Moderatorin. „Was sie in ihrer kleinen Heimat machen, machen sie mit ihrer Seele.“ Der Trend, dass viele Deutsche ihre „kleine Heimat“ verlassen, scheint indes tatsächlich gebremst zu sein. So berichtete Landrat Baginskij, dass gar schon einige Menschen aus Deutschland nach Asowo zurückgekommen seien. Erfolge ganz pragmatischer Art stellen sich mitunter beim Russlanddeutschen Business Club ein, der im Rahmen von „Avantgarde“ zusammenkam.

Ein aktuelles Beispiel: Bei der Kultursaison im „Deutsch-Russischen Haus“ mit Vertretern aus Kultur, Behörden und Wirtschaft begegneten sich der Landwirt Sergej Holzmann, der Direktor der Firma „Russ-Agro“, Ruslan Topecha, und der Viehwirt Wladimir Wormsbecher. Ironischerweise leben und arbeiten sie in nächster Nähe zueinander, Topecha und Wormsbecher gar im selben Haus. Bei ihrer Unterhaltung stellte sich heraus, dass Holzmann Getreide anbaut, Topecha Buchweizen herstellt und Wormsbecher Milchkühe hält. Holzmann beliefert nun Topecha mit Getreide, dieser stellt daraus Buchweizen her und liefert die Abfälle als Viehfutter an Wormsbecher. So profitieren alle.

Die Spur führt nach Kasachstan

Im Rahmen von „Avantgarde“ fand zudem die Kinowoche der Russlanddeutschen statt, bei der unter anderem der Dokumentarfilm „Der lange Weg zurück“ von Ralph Weihermann und Alexej Getmann aus Köln gezeigt wurde. Dieser schildert die bewegende Geschichte des Schauspielerehepaars Maria und Peter Warkentin, die im baden-württembergischen Niederstetten das Russland-Deutsche Theater betreiben. Der Zuschauer folgt Eheleuten zurück an ihre früheren Wirkungsstätten am damaligen Deutschen Dramatheater in Kasachstan, die sie Anfang der 90er Jahre schweren Herzens verlassen haben. Regisseur Getmann, selbst Russlanddeutscher aus Kasachstan, war für die Dreharbeiten vor Ort. Als eine gelungene Integrationsgeschichte war ihm der Weg der Warkentins eine Herzensangelegenheit, wie er verriet.

Jiří Hönes

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