Feuerwerk im Namen der Kunst

Die Seeschlacht von Çeşme war einer der größten Erfolge der russischen Marine. Um das Gedenken an die Heldentat zu erhalten, war Admiral Alexej Orlow nichts zu schade. Eigens zur Anschauung für einen Maler wurde in der Toskana eine russische Fregatte in die Luft gejagt.

Für dieses Gemälde wurde ein russisches Kriegsschiff geopfert. (Foto: Wikipedia Commons)

Am 7. Juli 1770 erlebte die russische Marine einen ihrer größten Momente. In der Seeschlacht von Çeşme vor der türkischen Mittelmeerküste vernichtete sie die zahlenmäßig überlegene Flotte des Osmanischen Reichs nahezu vollständig. Der Sieg trug wesentlich zum Ausgang des Fünften Russisch-Türkischen Krieges zugunsten Russlands bei.

Unter dem Befehl des Admirals Alexej Orlow suchten zwei Schwadronen die osmanische Flotte vor der türkischen Küste. Nördlich der Bucht von Çeşme nahe Izmir fand man schließlich die feindlichen Schiffe vor Anker liegen. Trotz der Übermacht der Türken entschieden sich die Russen zum Angriff. Nach ersten Gefechten zogen sich die türkischen Schiffe in die Bucht von Çeşme zurück, wo sie am folgenden Tag unter Dauerbeschuss gerieten. Am Morgen des 7. Juli war die osmanische Flotte weitgehend zerstört.

Der Sieg war für den Ruhm der russischen Flotte von enormer Bedeutung. Katharina die Große ließ gleich mehrere Denkmäler zu Ehren der Helden errichten, darunter die Tschesmensker Kirche in St. Petersburg. Um auch ein bildliches Andenken zu haben, wurde der in Neapel lebende deutsche Künstler Jakob Philipp Hackert damit beauftragt, einige Gemälde der Seeschlacht anzufertigen. Hackert hatte in Italien Bekanntschaft mit Johann Wolfgang Goethe gemacht und bei diesem offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So ist es Goethe zu verdanken, dass eine groteske Geschichte rund um diesen Auftrag aus Russland pointiert überliefert ist.

Orlow scheute keine Kosten und Mühen

Zunächst war wohl niemand aufzutreiben, der dem Künstler auch nur ansatzweise ein realistisches Bild vom Schlachtgeschehen vermitteln konnte. Schließlich fand sich ein Schotte, der als Konteradmiral in russischen Diensten an der Seeschlacht teilgenommen hatte. Mit seiner Hilfe konnte Hackert mehrere Skizzen anfertigen und versprach schließlich, sechs Gemälde zu liefern.

Die Skizzen weckten Begeisterung bei Alexej Orlow. Als dieser mit der Flotte einige Zeit später in Livorno anlegte, kam Hackert persönlich mit den ersten Bildern in die toskanische Hafenstadt. Auch dieses Mal war Orlow voller Bewunderung. Einzig das Bild, dass die Zerstörung der türkischen Schiffe zeigte, das entsprach in einem Detail nicht den Vorstellungen des Admirals: die Explosion eines türkischen Schiffs.

Nun hatte der Künstler noch nie ein explodierendes Schiff gesehen. Doch Orlow war nichts zu schade und so holte er sich von der Zarin und vom Großherzog der Toskana die Erlaubnis für ein Spektakel, das es wohl so noch nie gegeben hatte. Eigens für Hackert sollte eine russische Fregatte mit ausreichend Pulver beladen und in Brand gesetzt werden, sodass der Künstler ein realistisches Bild von der Explosion erhalten würde. Die Marketing-Aktion fand sechs Meilen außerhalb Livornos unter den Augen zahlreicher Schaulustiger statt. Es dauerte eine Dreiviertelstunde, bis das Feuer die Pulverkammer der Fregatte erreicht hatte.

Das „kostbarste Modell“ der Kunstgeschichte

„Eine lichte Feuersäule, breit wie das Schiff und etwa dreimal so hoch, stieg empor und bildete feurige, mit Gewalt und Geschwindigkeit ausgeschleuderte Wolken, die durch den Druck der obern Luft die Form eines ausgebreiteten Sonnenschirms erhielten, indem sich Pulverfässer, Kanonen und andere emporgeworfne Trümmer des Schiffs mit darin herumwälzten und der ganze oberste Teil mit dicken schwarzen Rauchwolken überdeckt war“, so schilderte Goethe später das Geschehen.

Daraufhin retuschierte Hackert die entsprechende Stelle in seinem Schlachtgemälde und Orlow war mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Die Arbeit und die spektakuläre Geschichte machten in ganz Europa von sich reden und trugen ihren Teil zu Hackerts Ruhm bei. Die Bilder sind heute in der Eremitage in St. Petersburg zu bewundern. Goethe bezeichnete die gesprengte Fregatte voller Bewunderung als „zuverlässig das teuerste und kostbarste Modell, was je einem Künstler gedient hat.“

Jiří Hönes

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